09.11.2009 · René Unglaube war „einer der ersten Fußballer, der nach dem Mauerfall rübergemacht hat“, stürmte für Hertha statt für Union. Nach vier Jahren war die Karriere im Westen vorbei. Heute ist er Touristenführer in Berlin - und sieht „schon lange kein Ost und West“ mehr.
Von Roland Wiedemann, BerlinRené Unglaube findet, er sei der ideale Mann für diesen Job. Wer könne Berlin-Besuchern besser die Geschichte dieser Stadt zeigen als er, der im Ostteil aufgewachsen ist und seit nun zwanzig Jahren im Westteil lebt. Manchmal erkennen ihn Teilnehmer einer Sightseeing-Tour wieder, erzählt der Stadtführer. „Aber das dann Leute, die über vierzig sind.“
Matthias Sammer, Andreas Thom oder Ulf Kirsten – diese Namen ehemaliger DDR-Spieler sind im kollektiven Fußballgedächtnis hängengeblieben. Doch wer kann sich noch an einen Dietmar Drabow oder einen René Unglaube erinnern? „Dabei war ich einer der ersten, der nach dem Mauerfall rübergemacht hat“, sagt Unglaube, ehemaliger Stürmer vom 1. FC Union Berlin und von Hertha BSC. „Vielleicht war ich sogar der erste überhaupt.“
Zwangsweise bei Vorwärts Frankfurt
Für Unglaube spielt das keine Rolle mehr. Die 34 Bundesligaeinsätze im Dress der Hertha und der SG Wattenscheid 09, die Familie, seine Arbeit als Stadtführer, die Zusatzausbildung zum Saunameister, das zählt für ihn. Den Ausnahmezustand in den Novembertagen 1989 hat der Vierundvierzigjährige aber immer und in bester Erinnerung. René Unglaube stürmte damals zwangsweise für den FC Vorwärts Frankfurt. Man hatte ihn während der Militärdienstzeit zum Fußballspielen an die Oder abkommandiert. Eigentlich war der 1. FC Union Berlin, mit dem der Junioren-Auswahlspieler 1985 den Aufstieg in die Oberliga gefeiert hatte, seit der Jugend sein Verein gewesen. Als Unglaube im Fernsehen von den dramatischen Entwicklungen an der Mauer hörte, machte er sich in seinem Auto – kein Trabant, sondern immerhin ein VW-Golf – gleich auf den Weg von Frankfurt nach Berlin.
Er, der privilegierte Fußballstar im Arbeiter-und-Bauern-Staat, war einer unter Zehntausenden, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in der Bornholmer Straße ungläubig die Grenze überquerten. An Fußball und ein Engagement in der Bundesliga dachte Unglaube in diesen Augenblicken am allerwenigsten. Dabei war das immer sein Traum gewesen. Für ihn stand nur fest, dass er so schnell wie möglich die DDR, das verhasste System mit all seinen Repressalien hinter sich lassen wollte. Bei Auslandsreisen mit der DDR-Juniorenauswahl hatte Unglaube schon früher über eine Republikflucht nachgedacht, davor aber aus Angst vor den Konsequenzen für die Eltern zurückgeschreckt.
„Für die Hertha war ich ein Schnäppchen“
Und jetzt sollte also die Mauer plötzlich Vergangenheit sein. „Keiner wusste, was passiert, wie es weitergehen wird. Wie viele andere hatte ich Angst, dass die Grenzen bald wieder dichtgemacht werden“, beschreibt Unglaube, damals 24, die Stimmung in jenen Tagen. Der zweite Trip Richtung Westen glich daher mehr einer Flucht denn einem Umzug. Ein Geschäftspartner des Vaters seiner damaligen Freundin war die erste Anlaufstelle in West-Berlin. „Fußball war noch immer kein Thema“, betont Unglaube. „Es gab so viel anderes zu tun.“
Nur der Westberliner Geschäftsmann dachte weiter und wurde beim Zweitligaklub Hertha vorstellig. „Als er mir sagte, Hertha hat Interesse, war ich total von den Socken.“ Dann ging alles ganz schnell. Ein für DDR-Verhältnisse utopisches Gehalt, mehrere zehntausend Mark Handgeld, eine Wohnung und ein neues Auto – ein Angebot, bei dem es für den Ost-Kicker nichts mehr zu verhandeln gab. „Ich dachte, mein Gott, so viel Geld. Und für die Hertha war ich ein Schnäppchen.“
Der treffsicherste Hertha-Stürmer
Am 27. Januar schon lief der Neuzugang erstmals im Hertha-Trikot auf, vor 51.000 Zuschauern beim „Wiedervereinigungsspiel“ gegen den 1. FC Union Berlin. „Von den ehemaligen Teamkollegen gab es keine Ressentiments“, sagt Unglaube. In der neuen Mannschaft hatte er schon Freunde gefunden. „Doch der Konkurrenzkampf war ein ganz anderer hier“, hatte der Grenzgänger feststellen müssen. „In der DDR hat jeder Spieler gleich viel verdient. Neid konnte da gar nicht aufkommen. Und hier bei der Hertha wussten einige Spieler nicht, ob sie einen neuen Vertrag bekommen. Die hatten richtig Existenzängste. So etwas gab es im DDR-Fußball nicht.“
René Unglaube setzte sich durch, stieg mit der Hertha in die Bundesliga auf. Sein Team tat sich sehr schwer, Unglaube war immerhin der treffsicherste Hertha-Stürmer. Als zehn Spieltage vor Saisonende der Abstieg der Berliner unabwendbar war, stand sein Telefon nicht mehr still. Für 450.000 Euro wechselte Unglaube zur SG Wattenscheid 09. Es war die Zeit der großen Wattenscheider Fußballpläne unter Mäzen Klaus Steilmann. Anfangs lief es für Unglaube gut. Doch nach einer Verletzung kam er bei Trainer Hannes Bongartz nicht mehr zum Zuge. Es folgten der Transfer zu Tennis Borussia Berlin, zwei Kreuzbandrisse – und mit 28 Jahren das frühe Aus der Profikarriere.
„In Berlin gibt es schon lange kein Ost und West mehr“
Von „Glück im Unglück“ spricht Unglaube – weil er wenigstens ein paar Jahre im Westen spielen konnte, weil er im Westfalen-Stadion „die gelbe Wand“ erleben durfte und weil er bei seinem Wechsel zur Hertha eine Versicherung abgeschlossen hatte, die ihm als Sportinvalide half, ein neues, wenn auch bescheidenes Leben aufzubauen. „Die Versicherung hatte mir der damalige Hertha-Manager aufgeschwatzt“, erzählt Unglaube. An den Namen des Hertha-Funktionärs und Versicherungsmaklers in Personalunion kann sich Unglaube nicht mehr erinnern. „Ich dachte mir noch, oh Mann, jetzt werde ich hier im Westen gleich mal beschissen. War aber nicht so.“
Heute wohnt René Unglaube in Charlottenburg, also im Westen der Stadt. „Aber in Berlin gibt es schon lange kein Ost und West mehr“, meint der Stadtführer mit Fußball-Vergangenheit. Manchmal schaut er sich die Hertha im Olympia-Stadion an. Öfter ist er in der „Alten Försterei“ bei den Heimspielen des 1. FC Union Berlin anzutreffen. Weil dort die Stimmung besser sei, nicht der „Ostalgie“ wegen. Die findet er eher befremdlich. „Mit der DDR habe ich nie viel anfangen können“, sagt Unglaube. Nur in einem Punkt ist er dem untergegangenen Staat dankbar: „Dass ich als Leistungssportler Fußball spielen durfte.“