06.11.2009 · Einst verlief vor diesem Plattenbau die Berliner Mauer. Damals wohnte Günter Schabowski hier. Dann kamen Angela Merkel und Birgit Breuel. Heute blickt Rolf Hochhuth aus seiner Wohnung auf die Stelen des Denkmals für die ermordeten Juden. Eine Ortsbegehung von Tobias Rüther.
Von Tobias RütherDas erste Haus hinter der Grenze. Ein Riegel von Plattenbauten. Er steht am Rande des Lochs, das der Krieg und die Teilung mitten in Berlin hineingeschlagen haben. Auf das Niemandsland der Mauer hatte man von hier früher den besten Blick, und über die Jahre seither dann darauf, wie sich das Loch langsam wieder füllte: links mit den Spektakelbauten vom Potsdamer Platz, dann mit dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals, rechts mit dem Hotel Adlon, dem Haus der Commerzbank und zuletzt mit der neuen amerikanischen Botschaft. Hier wohnte vor dem Mauerfall Günter Schabowski. Und danach Angela Merkel.
Dieser Blick. Er verschlägt einem kurz den Atem, wenn man die Wohnung von Rolf Hochhuth betritt. Fünfter Stock, Wilhelmstraße, Ecke Behrenstraße. Die Fensterfront öffnet sich direkt zu den Stelen. Früher konnte der Dichter und Dramatiker Hochhuth von seinem Wohnzimmertisch, auf dem seine Schreibmaschine in einem Meer von Papieren und Faxen und Büchern ruht, noch auf das Brandenburger Tor und den Reichstag schauen. Das hat ihn angezogen, deswegen ist er hier irgendwann in den frühen neunziger Jahren eingezogen. An das Datum kann er sich nicht mehr genau erinnern. Es wird um die Zeit gewesen sein, als klar wurde, dass ihm bald das Theater am Schiffbauerdamm gehören würde und dass er deswegen „am Tatort“ sein muss, wie Hochhuth sagt. Ab 1993 ungefähr.
Das Wesen eines Wendebaus
Manchmal war er allein zu Hause, seine Frau am anderen Wohnsitz an der Schweizer Grenze. Das behagte Hochhuth überhaupt nicht, weil rings um den Plattenbau nichts fertig war. „Es gab keine Bank, kaum Läden, kaum Kneipen“, sagt Hochhuth, „die Behrenstraße war noch gar nicht asphaltiert“. Also ging er zum Schlafen in die Akademie der Künste im Tiergarten. „Warum tun Sie das?“, habe ihn eines Tages sein Hausmeister gefragt. „Aus Angst“, antwortete Hochhuth. „Aber Sie haben doch die ganze Nacht die Polizei im Treppenhaus.“ Das wusste Hochhuth nicht. „Die Chefin der Treuhand wohnt doch bei Ihnen“, erklärte der Hausmeister, „und die neue Frau von der CDU.“ Sie kamen erst nicht auf den Namen, aber dann fiel er ihnen wieder ein. „Und so erfuhr ich“, sagt Hochhuth, „welche bedeutenden Damen in den Etagen über mir wohnten.“ Birgit Breuel. Und Angela Merkel.
Das Haus an der Wilhelmstraße gehört zu einem Riegel von Plattenbauten, die in den späten Jahren der DDR hochgezogen wurden, Teil der Ost-Berliner Aufpolierungen zur 750-Jahr-Feier von 1987. Dort, wo an der alten Wilhelmstraße früher Ministerien waren und Hitlers Reichskanzlei, stand jahrelang gar nichts. Die DDR wollte so nah an der Mauer nicht bauen. Als dann in den Achtzigern die Plattenbauten fertig wurden, wofür die Reste des Führerbunkers gesprengt werden mussten, zog die Elite der DDR ein: Katarina Witt zum Beispiel und Günter Schabowski. Das Eckhaus von Hochhuth, Merkel und Breuel wurde erst nach dem Fall der Mauer fertig. „Es ist ein sogenannter Wendebau“, erklärt Hartmann Vetter, der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, der im selben Haus sitzt, in Räumen, die für die Interflug, die Fluggesellschaft der DDR, vorgesehen waren. „Er ist vor der Wende begonnen und nach der Wende fertiggestellt worden. Das ist das Wesen eines Wendebaus.“
Ein Stück gegen Breuel
Denjenigen, der diese sogenannte Wende mitbaute, Günter Schabowski also, hat Hochhuth noch auf der Straße getroffen, wie Kati Witt aber lebt er nicht mehr hier. Mit der Kanzlerin von heute, die damals Frauenministerin war, fuhr Hochhuth im Fahrstuhl. „Das war sehr interessant“, sagt er. „Eine junge Dame, höchst gebildet, von der man aber das Gefühl hatte, sie glaubt noch an den Storch. Ich denke jetzt immer an den Prolog zu Schillers ,Wallenstein': Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.“
Das Treppenhaus war damals ständig verqualmt, das lag an den Beamten, die vor der Tür zur Maisonettewohnung der Treuhandchefin patrouillierten. Breuels Vorgänger, Detlef Rohwedder, war 1991 von den Terroristen der RAF erschossen worden, den Mord hatte Hochhuth 1993 in „Wessis in Weimar“ dramatisiert, eine umstrittene Szene, wie überhaupt das ganze Stück umstritten war. Und nun wohnte Hochhuth, der darin so sehr gegen die Treuhand wütete und bis heute aus der Fassung gerät, wenn es um die Abwicklung der DDR geht, plötzlich Tür an Tür mit der Chefin der Behörde. Hat es ihn nicht oft gepackt, einfach die drei Stockwerke nach oben zu laufen und Birgit Breuel die Meinung zu sagen? Nein, sagt Hochhuth, das habe er nicht gemacht, er habe ja das Stück geschrieben.
Wie Pfeffer und Salz
Aber diese Nähe - für jemanden wie den achtundsiebzigjährigen Hochhuth, der überall die Mächte der Geschichte wirken sieht, muss das doch mehr als merkwürdig gewesen sein. „Ich habe mir nicht eingebildet, dass es etwas anderes als ein Zufall ist“, sagt Hochhuth. „Aber manchmal, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt und an einem Bücherregal vorbeigeht, entdeckt man plötzlich ein Buch, das genau dazu passt. Und fragt sich: Ist es Zufall, dass du jetzt genau dieses Buch findest, das du dir auch nirgendwo hättest entleihen können, weil du ja den Titel und den Verfasser gar nicht kanntest?“
Dann fahren wir mit dem Fahrstuhl wie Hochhuth und Merkel hinunter und gehen vor die Tür. Nasse Berliner Kälte. Wir laufen um den Plattenbau herum. Über einen Sockel für Geschäfte, Büros und Restaurants erheben sich acht Stockwerke, so sehen alle Plattenbauten entlang der Wilhelmstraße aus: der Beton wie Pfeffer und Salz, der Grundriss überall gleich. Vor die Häuser haben sich Pavillons geschoben, ein Asia-Imbiss, ein Dönerladen, ein Coffeeshop für die vielen Touristen, die hier vorfahren, um das Holocaust-Mahnmal zu besichtigen.
Das Arbeitszimmer Adolf Hitlers
Hochhuth will noch zeigen, wo der Führerbunker lag und die Reichskanzlei stand, er redet von Bismarck, als sei der sein Zeitgenosse, und von einem Gedicht, dem letzten, das er geschrieben hat. Es heißt „Peking-Ente und Reichskanzlein“. Seine erste Strophe lautet: „ - an dem genau dem selben Ort: 3 Chinesen / bewirten jetzt, wo Hitler, wo Bismarck / ihr Amt hatte: Ecke Wilhelm-Voßstraße.“ Bismarck habe ein chinesisches Sprichwort sehr zu Denken gegeben: „Ist das Haus fertig, kommt der Tod.“ Und fast genauso sei es doch mit seinem Plattenbau und der DDR gewesen. Der eine wurde fertig, da war die andere auch am Ende.
Als wir über die Hannah-Arendt-Straße laufen, sagt Hochhuth: „Die hat sich damals in New York beim Goethe-Institut sehr dafür eingesetzt, dass mein ,Stellvertreter' aufgeführt wird“, das war sein Stück über den Papst und den Holocaust, mit dem er bekannt wurde. An diesem fiesen Novembertag parken fünf Busse in der Hannah-Arendt-Straße, das Stelenfeld ist fast menschenleer. Der Wind treibt Hochhuth eine Träne aus dem rechten Auge, er zeigt kurz auf die Tafel für „Fuehrer's Bunker“, zweisprachig samt Grundriss. Einmal um die Ecke, wieder auf der Wilhelmstraße, stehen wir vor der „Peking-Ente“. In diesem Restaurant hat Barbra Streisand vor zwei Jahren nach ihrem ersten Deutschlandkonzert gefeiert. „Hier war das Arbeitszimmer Adolf Hitlers“, sagt Rolf Hochhuth. Dann eilt er die Wilhelmstraße davon, nach Hause.
Besichtigung: unmöglich
In den beiden Maisonettewohnungen im achten Stock, wo damals Angela Merkel mit Joachim Sauer und nebenan Birgit Breuel wohnten, sind heute Ferienwohnungen untergebracht. Das ist das Schicksal der meisten Apartments in diesen Plattenbauten, zum Leidwesen vieler Mieter, die sich dagegen organisieren. Eine Besichtigung ist leider nicht möglich, sagt die Dame von der Verwaltung, die Wohnungen sind belegt. Die erste wird am 9. November wieder frei.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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