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Privatmuseum „Agentenbrücke“ Die Villa hinter dem Stalinrasen

05.11.2009 ·  Am Samstag wird in der Potsdamer Villa Schöningen, ganz in der Nähe der berühmten Glienicker Brücke, eine privat finanzierte Erinnerungsstätte an die deutsch-deutsche Teilung eröffnet. Der Ort, Schauplatz eines „deutschen Schicksalromans“, ist der ideale Ort dafür.

Von Dieter Bartetzko
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Sie ist das erste Haus auf Potsdamer Stadtgebiet hinter der Glienicker Brücke – die Villa Schöningen, wie viele Arkadienträume Preußens weiß und grazil, in Seen sich spiegelnd, geschmiegt in Baumhaine. Von morgen an wird sie als Privatmuseum die Teilung Deutschlands in Erinnerung halten. Denn als sie noch grau und vermodert aufragte, war die Villa von West-Berlin her das erste Haus hinter der Grenze, Staatsgebiet der DDR, mit ihrem morschen Aussichtsturm ein deprimierender Spiegel der schäbig-martialischen Betontürme an der deutsch-deutschen Trennungslinie.

Die Glienicker Brücke wiederum ist noch heute weltbekannt als Symbol und Schauplatz des Kalten Krieges, Ort für Agentenaustausch, eines der makabersten Geschäfte zwischen Ost und West. Wie zum Hohn hieß der in den letzten Kriegswochen gesprengte Bau seit seiner Reparatur 1949 auf Beschluss der SED „Brücke der Einheit“. Prompt erklärten westliche Schrifttafeln, dass es gerade die Namensgeber seien, die die Einheit zerstört hätten und weiterhin verweigerten.

Musterbeispiel subtiler Sanierung

Ein weißer Strich auf der Mitte der Fahrbahn war hier der Eiserne Vorhang. Er verschwand nach 1989, blieb aber längere Zeit noch die unsichtbare Demarkationslinie zwischen westdeutscher Chuzpe und ostdeutscher Naivität. Ringsum nämlich witterten westliche Investoren das große Geschäft, kauften Ufergrundstücke an Jungfernsee, Tiefem See und Glienicker Lake, die sie mit erbärmlich biederen, aber enorm lukrativen „Stadtvillen“ bebauten. Die einzigartige arkadische Landschaft mit ihren Blickbezügen wurde, trotz Protesten der Denkmalpfleger und Anlieger, zerstört – und die wiedervereinte Republik hatte ihren ersten Baukandal.

Auch die Villa Schöningen, restituiert und an einen Investor verkauft, sollte Neubauten weichen. Ein Abrissverbot versuchte er mit gezielter Vernachlässigung zu umgehen – gegen das Niederlegen baufälliger historischer Substanz vermag meist auch der Denkmalschutz nichts. In letzter Sekunde kauften Mathias Döpfner und Leonhard Fischer dem gottlob entnervten Investor die Villa ab und ließen sie als „Symbolort der deutschen Teilung und Wiedervereinigung“ zur öffentlichen Erinnerungsstätte restaurieren.

Entstanden ist ein Musterbeispiel subtiler Sanierung: Von außen ist das Ensemble – ein Miteinander graziler antikisierender Kuben, die einen zentralen schlanken Aussichtsturm mit schlanken Bogenöffnungen umgeben – sofort wiedererkennbar als hinreißendes Exemplar des arkadisch-zivilen, preußischen Klassizismus, den der Hofbaumeister Ludwig Persius, das Werk und die Ideen Karl Friedrich Schinkels fortführend, in und rings um Berlin und Potsdam schuf. Auch im Inneren wurde gerettet, was zu retten war – einige herrlich stuckierte Salons, Kamine, das anmutige Treppenhaus mit Sternenhimmel-Decke und einer Nische mit der Büste des eigentlichen Bauherrn, König Friedrich Wilhelm IV.; wo Neues geschaffen werden musste, beschränkte man sich auf Neutralräume in den ruhigen Proportionen und Maßen des Alten.

Die Köchin neben der NSDAP-Bibliothek

Stellvertretend für die wechselvolle Geschichte des Hauses steht eine zierliche Plastik der Athene, ehemals in einer Rundnische an der Schaufront postiert. Der Körper, schrundiger, teilweise geborstener Zinkguss, ist echt, der Kopf ein Gipsabguss des zerstörten originalen.

Verkörpert diese behutsam wiederhergestellte, aber doch gezeichnete Athene, so wie das ganze gerettete Haus, eine Ehrenrettung des besseren Preußen? Steht sie für die Schande des Ostens und den Segen der Wiedervereinigung? Wenn es doch so einfach wäre – denn die Geschichte der Villa Schönigen ist, wie die der Glienicker Brücke, ein „deutscher Schicksalsroman“ (Döpfner). Ein Willkürakt König Friedrich Wilhelms IV. steht am Anfang: Beim Blick aus Schinkels wunderbarem Glienicker Schlösschen über den See störte ein schlichtes Wohnhaus am Ende der damaligen Glienicker Brücke das ästhetische Empfinden des Monarchen. Ankauf, Abriss, Entwurf der Villa durch Persius, Bezug seitens des Hofmarschalls Kurt Wolfgang von Schöning. Nach kurzfristigen Besitzerwechseln wird die Villa zum Hauptaufenthalt der kunstsinnigen jüdischen Familie Wallich, die sie 1888 vom Hofarchitekten Ernst von Ihne stilgerecht umbauen und 1922, trotz des Siegs des Neuen Bauens, noch einmal von Alfred Breslauer klassizistisch erweitern lässt. 1933 Schikane durch die Nazis, Selbstmorde, Emigration. 1940 bewohnt die ehemalige Köchin Teile der Villa, in der auch eine Bibliothek der NSDAP residiert. 1945 Beschlagnahmung durch die Rote Armee, Lazarett, Offizierswohnung. 1950 erhält der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund das Anwesen und richtet ein Wochenheim für bis zu hundert Kinder und Jugendliche ein.

Ihnen diente die Villa Schöningen noch bis 1992. Und so, wie es nach 1968 für links sich Dünkende zum guten Ton zählte, die DDR für die „Zerschlagung des Junkertums“ und die „Umwidmung“ von Villen zugunsten Jugendlicher oder kultureller Zwecke zu loben, kritisierten flüchtige westliche Betrachter kurz nach der Wende zwar den Zustand des Ensembles, nicht aber seine Funktion.

Ein lange gefleddertes Arkadien

Ruinenromantik, in Preußen angelegt, in der DDR grassierend, vebrämte vieles. Dass ihr in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges auch Flüchtlinge mit fürchterlichen Folgen aufsaßen, bezeugt die neue Dokumentation. In ihr sind Teile des „Stalinrasens“ zu sehen, zwei Meter hohe, dicht stehende Stahlspieße direkt unter der Wasseroberfläche. Wer in den Westen schwimmen wollte, spießte sich beim Versuch, die scheinbar harmlose Ufermauer zu erklettern, darin auf.

Genauso grauenerregend ist eine zunächst unauffällige Landkarte, deren konzentrische rote Linien sich als Simulation eines fiktiven polnischen Atomschlags auf westdeutsches Gebiet entpuppen. Das auch der Westen solche Szenarien kannte, schmälert den nachträglichen Schrecken so wenig wie der Blick auf geglückte Fluchten mittels gepanzerter Fahrzeuge über die Glienicker Brücke, an die man sich als Husarenstücke erinnert und die man gelegentlich in oft grässlich aufgedonnerten Verfilmungen nachserviert bekommt.

Auch der Agentenaustausch, insbesondere der meistbeachtete von 1986, als mit vier Westagenten auch der sowjetische Dissident Natan Scharanski die Weiße Linie im Tausch gegen vier Ostagenten überschritt, wird behandelt. Die Wiener Kuratorin Lena Maculan aber setzt auf die, die mit der Brücke, der Villa und der hermetischen deutschen Teilung lebten: Kinder, die ahnungslos nahe der Mauer spielen, Jugendliche, die Folk und Rock in die vergitterte Weite schmettern, das staunende erlöste Gesicht eines Anwohners, der lange am See wohnte, ohne ihn je gesehen zu haben, und nun zum ersten Mal seinen Liegestuhl auf die Terrasse mit Seeblick stellt, die trancehaft ungläubigen Augen der Potsdamer, die erstmals die Brücke Richtung Westen passieren.

Im ersten Moment überstrahlen diese Eindrücke die zeitgenössischen Kunstwerke, die im Obergeschoss zum Thema 1989 ausgestellt sind. Doch auf Dauer werden auch sie – beispielsweise Neo Rauchs 2006 gemaltes, rätselhaftes, auf einen Hammer und Sichel speienden Vulkan fixiertes Figurengewimmel mit dem Titel „Das alte Lied“ – den Blick auf dieses lange gefledderte Arkadien in der Nähe von Berlin schärfen.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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