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Mauerstücke in aller Welt Where is the Schutzwall?

08.11.2009 ·  Wir sind ein Geschäftsvolk: Die Mauer steht heute nicht mehr in Berlin, sondern überall. Splitter- und meterweise wanderte sie in Souvenirläden, Museen und oft nach Amerika. Eine Spurensuche nach mehr als 100 Kilometern Beton.

Von Reinhold Manz
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Hinweise auf sie existieren sogar auf dem Roten Planeten, viele Millionen Kilometer von Berlin entfernt. Seit 1997 die Sonde der "Pathfinder"-Mission die Marsoberfläche kartographierte, trägt ein etwa 85 Zentimeter großer Felsbrocken den Namen "Broken Wall". An der Marsmission beteiligte deutsche Wissenschaftler haben dafür gesorgt, dass ein Stück deutscher Geschichte auf dem Mars verewigt wurde. Auch wenn es nur der Name ist, kann diese Anekdote aus dem Weltall stellvertretend dafür stehen, was nach 1989 mit der Grenzbefestigung auf der Erde passiert ist: Rund um den Globus verteilt steht mehr Berliner Mauer als in Berlin selbst.

Die Parole "Die Mauer muss weg!" erfüllte sich nach dem 9. November 1989 innerhalb kurzer Zeit buchstäblich. Schon bevor die noch amtierende DDR-Regierung sie systematisch abräumen ließ und der Mauerbeton größtenteils als Bauschutt endete, wurde sie von "Mauerspechten" zerklopft und in Einzelteilen zerlegt millionenfach als Souvenir verkauft; sie wurde in alle Welt verschifft und als Denkmal wieder aufgestellt. Die Mauer steht heute in Korea, in Israel, in Südafrika, Bolivien, Usbekistan oder Kalifornien. Praktisch über Nacht wurde sie vom Monument der Unterdrückung und des Kalten Krieges zum Symbol der Freiheit und des Friedens - oder auch zum Zeichen, dass der American Way of Life über den Kommunismus gesiegt hatte.

Die Idee seines Lebens

Volker Pawlowski hat sich für die Mauer nie besonders interessiert. Geboren wurde er in West-Berlin, aufgewachsen ist er im Märkischen Viertel. Die Mauer hatte er jeden Tag "vor der Nase", wie er sagt, sie war nichts Besonderes. Dann fiel sie, und Pawlowski, damals seit 18 Jahren auf dem Bau beschäftigt, sah zu, wie Leute Bröckchen für Bröckchen davon abklopften. Und er sah die Stände der fliegenden Händler, die die Steine noch als Souvenirs verkauften, als die Mauer schon gar nicht mehr stand.

Da kam Volker Pawlowski die Idee seines Lebens: Er stieg in den Souvenirhandel ein und wurde zum wichtigsten Lieferanten und Verkäufer von Mauerstücken in Berlin. "Die Mauerteile lagen damals eben rum in den Recyclinghöfen, und ich bin dorthin gefahren und hab' gefragt: ,Hey, verkauft ihr?' Und so hab' ich die Teile bekommen." 90 Prozent der in Berlin verkauften Mauerstücke stammen nach seiner eigenen Aussage aus Pawlowskis Betrieb. Der heute Zweiundfünfzigjährige beliefert Souvenirläden, Museen und immer wieder Kunden im Ausland. Vorräte hat Volker Pawlowski immer noch genug, und im Notfall weiß er, wo sie aufzufüllen wären: "Ich kenne die Höfe, wo sie noch rumliegen", sagt er. "Wir könnten ad hoc hundert Mauerelemente liefern."

106 Kilometer Mauer

Der "Antifaschistische Schutzwall" der DDR bestand 1989 aus 127 Kilometern Zäunen, 302 Wachtürmen und 106 Kilometern geschlossener Mauer: rund 45.000 aneinandergereihte L-förmige Beton-Elemente, 3,60 Meter hoch und 1,20 Meter breit. Noch in der Nacht des 9. November begann sich diese "Grenzmauer 75" aufzulösen. Die ersten Mauerspechte rückten mit Hammer und Meißel an. Hilflos mussten DDR-Grenztruppen zusehen, wie die Grenze, die sie jahrelang bewacht hatten, durchlöchert wurde.

Bald erkannte auch die DDR-Regierung, dass sich der geschichtsträchtige Beton zu Geld machen ließ. Der wertvollste Abschnitt wurde im Januar 1990 abgebaut und in Sicherheit gebracht: ein 300 Meter langer Streifen entlang der West-Berliner Waldemarstraße und am Leuschnerdamm, wo die berühmtesten Mauermaler wie Thierry Noir und Kiddy Citny Mitte der achtziger Jahre den Beton bemalt und besprüht hatten. Die Mauer-Graffiti, zuvor von der DDR-Führung immer als Vandalismus geschmäht, standen plötzlich unter Schutz. "Da ging es noch nicht um den flächendeckenden Abbau der Mauer, man wollte nur die Graffiti in Sicherheit bringen. Die entstandene Lücke wurde hinterher gleich wieder mit einem Zaun verschlossen", sagt Ronny Heidenreich von der Mauergedenkstätte Bernauer Straße.

Verkauf für gute Zwecke klappte nicht recht

Heidenreich hat für das jüngst erschienene Buch "Die Berliner Mauer in der Welt" (Berlin Story Verlag 2009) recherchiert, wie die Grenzbefestigung zu Geld gemacht wurde. Mit dem Vertrieb wurde das DDR-Außenhandelsunternehmen "Limex" beauftragt, den Verkauf an Privatleute, Unternehmer und Galeristen wickelte in West-Berlin die "Lelé Berlin Wall Verkaufs- und Wirtschaftswerbung GmbH" ab. "Lelé" brachte einen Katalog heraus und schaltete Anzeigen in aller Welt. Als werbewirksames Highlight fand im Juni 1990 eine Auktion in Monaco statt: 81 bemalte Mauersegmente kamen zum Aufruf, namhafte Käufer boten mit. Ljiljana Hennessy ersteigerte ein Mauerteil für ihren Garten, ebenso ließ sich der König von Tonga, Taufa'ahau Tupou IV., eines nach Hause kommen. Ein Bill Gates geschenktes Mauersouvenir endete als Skulptur auf dem Firmengelände von Microsoft.

Die Verkaufserlöse von "Limex" und "Léle", rund zwei Millionen D-Mark, wurden auf ein Sonderkonto überwiesen und sollten einem guten Zweck zugutekommen. Das klappte nicht recht. Wie viel "Lelé" wirklich einnahm, blieb im Ungewissen, die Inhaber sind nicht mehr aufzufinden. Zudem klagten die Mauerkünstler Noir und Citny eine halbe Million Mark für sich ein. Nur rund 900.000 D-Mark kamen am Ende Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen zugute.

Autobahnen auf Mauerschutt gebaut

Die Auktion in Monaco im Sommer 1990 war erst der Beginn der Mauergeschäfte. Etwa um die gleiche Zeit begann die NVA in Berlin, die Grenzanlagen flächendeckend abzubauen. Gingen zuvor alle Verkäufe über "Limex" und "Lelé", wurde die Mauer nun zu einem fast frei verfügbaren Gut. Die Berliner Bauunternehmen, die am Abbau beteiligt waren, nahmen den Beton für zwanzig Mark pro Tonne gleich mit. Das endete damit, dass ein Großteil der Mauerteile geschreddert und zu Bauschutt verarbeitet wurde. "Das passierte mit 99 Prozent des Mauerbetons", sagt Heidenreich. "Die Autobahnen von Berlin Richtung Ostsee wurden alle auf Mauerschutt gebaut." Viele Segmente wurden in Garagen, Silos oder Schweineställen verbaut - und später teilweise wieder demontiert und weiterverkauft, als die Besitzer merkten, wie wertvoll der Beton eigentlich war.

Der Rest der Betonelemente blieb in den Höfen der Bauunternehmen liegen und gelangte von dort unter anderem in die Hände von Volker Pawlowski. Vor allem in den neunziger Jahren war die Nachfrage groß: Amerikaner waren heiß auf ein Stück "Berlin Wall". Zahlreiche der heute in den Vereinigten Staaten aufgebauten Mauerstücke sind Geschenke aus Deutschland, viele wurden von Soldaten als Erinnerung an die Zeit in Berlin mitgebracht. Die Autoren des Mauerreste-Buchs haben 54 verschiedene Orte in den Vereinigten Staaten ausfindig gemacht, an denen eines oder gleich eine ganze Reihe Mauerelemente steht: vom CIA-Hauptquartier in Washington D.C. über das Hilton-Hotel in Dallas bis zum "Hawaii Community College" in Honolulu. Jeder amerikanische Präsident des ausgehenden 20. Jahrhunderts von Reagan bis Bush hat ein Mauerstück vor seiner Gedächtnisbibliothek aufstellen lassen, meist durch Gedenktafeln als Trophäe inszeniert. "Wenn man sich den Umgang mit der Mauer in den USA anschaut, geht es fast immer um den Sieg im Kalten Krieg und um das Eintreten für die amerikanischen Werte, das dann auch zum Mauerfall geführt hat", sagt Heidenreich. "Die Geschichte der Berliner Bevölkerung oder der Grenzöffnung am 9. November wird so gut wie gar nicht thematisiert."

Bemalt erst nach 1989

Volker Pawlowski verkauft heute noch viel nach Übersee. Das Stück "Berlin Wall" bekommt man bei ihm jedoch nicht einfach so als nackten Stein. Die Mauerbrocken werden vielmehr immer in Plastikschalen verpackt oder in Schlüsselanhänger eingearbeitet. Besonders stolz ist Pawlowski auf das von ihm erfundene "Clipcard-System", das es möglich macht, winzige Mauersplitter in Postkarten einzuschweißen. Außerdem sind alle Mauerstücke aus dem Hause Pawlowski frisch bemalt: Er stellt die Elemente bei sich auf und lässt sie von jungen Künstlern vollsprayen, bevor er sie zerlegt. Manche werfen ihm deswegen Geschichtsfälschung vor. Das lässt ihn kalt. "Dazu kann ich bloß sagen: Die East Side Gallery ist, wenn man es so sieht, auch gar keine richtige Mauer. Da werden die Leute entlangchauffiert, und man sagt ihnen: Hier steht das letzte Stück bemalte Mauer. Dabei ist die East Side Gallery auch nach der Wende bemalt worden. Aber ist die Mauer dadurch falsch?"

Hauptsache also, der Beton ist echt. Und das garantiert Volker Pawlowski mit einem mitgelieferten Zertifikat. Tatsächlich wurden die meisten Mauerstücke, die heute in der ganzen Welt als Denkmäler stehen, erst nach dem Mauerfall bemalt oder wie die East Side Gallery erneut verziert. Den Käufern oder Beschenkten ist das meistens gleichgültig. 3900 Euro kostet ein komplettes Segment bei Pawlowski.

Ob er keine moralischen Bedenken habe, aus der Mauer ein Geschäft zu machen, wird der Souvenirhändler häufig gefragt. Das bringt ihn nicht aus der Fassung: "Ich verkaufe den Leuten doch einfach ein Stück Geschichte", antwortet er dann gelassen. Er selbst hat zu Hause keinen einzigen Splitter aufbewahrt. Warum? Ganz einfach: "Ich kann sie eigentlich nicht mehr sehen, die Mauer." Außerdem weiß Pawlowski, dass in Berlin noch mehr davon herumliegt, als er in seinem ganzen Leben verkaufen kann.

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