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Mauerfall Mein 9. November

09.11.2009 ·  An diesem Tag veränderten sich Biografien. Fünf Redaktionsmitglieder erzählen, was sie am 9. November 1989 erlebten. Von Stefan Locke, Reinhard Müller, Frank Pergande, Matthias Wyssuwa und Petra Urbaniak

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Ich habe meinen 9. November 1989 vergessen. Ich kann mich nicht erinnern. Ich war gerade in der ersten Klasse, sieben Jahre alt. An was ich mich erinnern kann? Alle aus dem Block und dem Nachbarblock und den Blocks gegenüber stürmten plötzlich auf den Parkplatz, tranken Sekt, feuerten Raketen in die Luft, und mein Vater sagte zu mir: „Wir haben jetzt eine bessere Fußballmannschaft.“ Überhaupt sagte er recht häufig, dies oder jenes sei jetzt besser oder werde es bald. Er war Christlicher Demokrat. Meine Mutter schwieg dann meist. Sozialdemokratin. Ich wurde bald Fan von Borussia Dortmund, zumindest vorübergehend. Aber das war gar nicht der 9. November. Das war eine helle Nacht im Sommer, damals in der Wendezeit, nach dem Mauerfall.

An irgendeinem Tag regnete es Geld. Das muss näher am 9. November gewesen sein. Ich war draußen spielen, kroch durch die Büsche. Da begann es Geld zu regnen. Pfennige aus großen Einmachgläsern, geschüttet von den Balkonen unseres Blocks. Warum? Egal, ich kaufte Süßigkeiten. Immer öfter auch lagen kleine Flaggen mit Hammer und Zirkel im Müll. Draußen war es frisch, es roch nach Anfang und Aufbruch. Es muss nach dem 9. November gewesen sein. Es war Frühling.

Für Frieden und Sozialismus. Immer bereit!

Wir hatten Angst, nicht mehr Jungpioniere sein zu dürfen. Wir waren doch gerade erst dazu gemacht worden. Hatten ein frisches, schönes, blaues Halstuch bekommen. Für Frieden und Sozialismus. Immer bereit! Das muss im Herbst gewesen sein. Meine Mutter erzählt immer, wie in der Schule ständig der Unterricht ausgefallen sei. Die Lehrer längst weg. Ich weiß es nicht mehr, ich werde mich gefreut haben. Ein alter Klassenfreund sagt, unser Klassenlehrer, Herr Wustmann, habe den ganzen Morgen am 10. November das Radio laufen lassen. Er muss wohl so etwas gesagt haben wie: „Diesen Tag werdet ihr nie vergessen.“ Wir, die letzten stolzen Jungpioniere der DDR, immer bereit.

Ich werde am 9. November abends wie immer in meinem Kinderzimmer gesessen haben, versunken in Indianer- oder Tierbüchern. Um sieben Uhr, als Schabowski den Satz der Sätze sagte, musste ich immer ins Bett. Meine schönste Erinnerung an diese Zeit ist, wie die ersten Nachbarn, die noch in der gleichen Nacht rüber sind in den Westen, wieder zurückkamen und Geschenke verteilten. Gott sei Dank keine Bananen. Ich mochte keine Bananen. Mir brachten sie in grünen Dosen eine Brause mit, die für lange Zeit mein Lieblingsgetränk werden sollte und die auch bald in allen Kaufhallen zu haben war: „Spritte“ sagte ich dazu.

Es hat Jahre gebraucht, bis jemand mir gesagt hat, dass Spritte eigentlich „Spreit“ ausgesprochen wird. Englisch eben. Ein Bekannter im Westen nahm mich wenig später in seinem Volvo mit, in den ich mich erbrach. Mir ging das alles einfach zu schnell. Erst recht der Volvo. Ich mochte keine Bananen, ich mochte keine schnellen Autos. Wenn ich älter gewesen wäre, wenn ich 14 oder 15 Jahre alt gewesen wäre, hätte es mir wahrscheinlich nicht schnell genug gehen können.

Endlich keine Jungpioniere mehr

Wir waren so alt. Neuntklässler, endlich keine Jungpioniere mehr. „Die Mauer ist offen.“ Enrico sprach diesen Satz eher beiläufig. „Kam vorhin im Radio.“ Wir standen in der Umkleide im Halbkreis und nickten mehr oder weniger verständig. „Ja genau“, sagte ich. „Hab ich auch schon gehört.“ Dann zogen wir uns um und gingen zum Unterricht. ESP - Einführung in die sozialistische Produktion - stand auf dem Stundenplan. Wie jeden Freitag waren wir früh um 7 Uhr für vier Stunden Block-Unterricht in die „Emaille“ gestiefelt. So hieß der Komplex aus niedrigen Backsteinbauten vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, weil dort früher Eimer und Töpfe emailliert worden waren.

Das Gelände gehörte nun zum „VEB Kombinat Fortschritt Landmaschinen“, das hier Konsumgüter produzieren ließ, unter anderem von uns Schülern. Denn der praktische Teil des ESP-Unterrichts hieß „Produktive Arbeit“. Darin übten sich hier einmal in der Woche alle Schüler von der achten Klasse an aufwärts. Wir standen am Fließband und schraubten Rasenmäher oder Toaster zusammen, kontrollierten die Qualität und verpackten die Produkte schließlich für den Verkauf.

Am Freitagmorgen, dem 10. November, im südöstlichsten Zipfel der DDR fehlte niemand am Fließband. An anderen Schulen, weiter nördlich, war das anders. Wir hatten keinen Westempfang. Da wartete man erst einmal ab. „Hab ich auch schon gehört“, sagte ich also. Aber eigentlich hatte ich keine Ahnung. Für unmöglich hielt die Nachricht niemand, nach den vielen Nachrichten der letzten Tage und Wochen. Es war fünf Tage her, dass wir im Fernsehen - DDR-Fernsehen, wir hatten eben keinen Westempfang - die live übertragene Großdemonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin gesehen hatten. Im Staatsbürgerkundeunterricht hatten wir immerhin über das neue Reisegesetz gesprochen. Dreißig Tage Reisefreiheit bei willkürlichen „Versagungsgründen“ sollte es geben - ein Witz. Was vor einem halben Jahr noch eine Sensation gewesen wäre, war nun lächerlich.

„Ab sofort, unverzüglich“

Am Donnerstagabend hatte ich beim Abendbrot im Fernsehen, wie gesagt: DDR-Fernsehen, Schabowskis Pressekonferenz verfolgt. Sein inzwischen berühmt gewordener Satz, Privatreisen ins Ausland würden künftig ohne Anlass oder Verwandtschaftsverhältnisse kurzfristig genehmigt, und zwar „ab sofort, unverzüglich“, ließ uns zwar aufhorchen, machte uns aber nicht verrückt. In der „Aktuellen Kamera“ wurde der neu-neue Reisegesetzentwurf noch einmal verlesen. Große Aufregung herrschte bei uns im Wohnblock nicht. Kein Aufbruch, kein Motor wurde gestartet, niemand fuhr davon. Ruhig und dunkel lag unsere Kleinstadt, wo Anfang November zum ersten Mal, aber immerhin, demonstriert worden war. „Egon Krenz - wir sind die Konkurrenz!“, skandierte die Kleinstadtmenge, die durch die Stadt zog. Am Abend des 9. November ging niemand nirgendwohin auf die Straße. Ich ging ins Bett.

Wir wollten an diesem Abend auch früh ins Bett, denn am nächsten Morgen wollten wir früh raus. Mit der Schwester meines Mannes und deren Freund wollten wir wie Tausende andere vor uns nach Prag reisen. Der D-Zug „Vindobona“ sollte uns dorthin bringen, Abfahrt acht Uhr Ostbahnhof. Die Visa waren besorgt, die Hin- und Rückfahrkarten waren zur Tarnung gekauft. Eine Rückfahrt war aber nicht vorgesehen. Von Prag aus wollten wir rüber in die Bundesrepublik. In Wächtersbach wohnten Verwandte. Zeugnisse und Geburtsurkunden hatten wir ins Futter unserer Jacken eingenäht, etwas Westgeld unter die Einlegesohlen unserer Schuhe geschoben.

Damals wohnten wir in einer 27 Quadratmeter großen Wohnung in der Schnellerstraße, erster Hinterhof, Fleischer links und Schirm- und Laufmaschenreparaturannahmestelle im Vorderhaus rechts, DDR, Berlin-Schöneweide. Ich war neunzehn Jahre alt.

„Alle fahren hin, was macht ihr hier noch?“

Wir aßen gerade zu Abend. Im Fernsehen lief ein Theaterstück „Der Selbstmörder“, als es an der Tür klingelte. Der Vater meines Mannes stand mit Mantel überm Schlafanzug vor der Tür. Entgeistert schaute er uns an. „Die Grenze soll offen sein! Alle fahren hin, was macht ihr hier noch?“

Er war eingeweiht in unsere Fluchtpläne. Wir glaubten ihm nicht. Er kam rein, trank den ihm aufgenötigten Becherovka, war aber nicht zu beruhigen. Dann hörten wir von draußen Hupen und Rufe. Zu dritt gingen wir runter und liefen zur Brückenstraße, eine Straße weiter, zu den anderen, die mit uns nach Prag wollten. Ein paar Autos fuhren an uns vorbei, Leute riefen aus den geöffneten Fenstern: „Die Mauer ist offen! Wir fahren rüber!“

In der kleinen Küche in der Brückenstraße besprachen wir, was wir machen sollten. Schwiegervater redete auf uns ein: Wir sollten endlich los. Er fuhr uns mit seinem 1200er Lada zur Baumschulenstraße. Je weiter wir Richtung Grenze kamen, umso mehr Menschen waren unterwegs. Auf Motorrädern, in Trabis und zu Fuß. Viele junge Leute, glückliche, staunende Gesichter. Etwa 500 Meter vor dem Übergang stiegen wir aus und gingen zu Fuß weiter; Schwiegervater hatte Angst um sein Auto.

Das Klirren von Flaschen und Gläsern

So gingen wir auf den Grenzübergang Sonnenallee zu. Ins Sperrgebiet hinein. So nah waren wir der Mauer noch nie gekommen. Ein paar Grenzsoldaten standen unschlüssig herum, alle bewaffnet. Die Gewehre sahen wir aus nächster Nähe. Trotz vieler Menschen war es nicht laut, es war eher verhaltenes Gemurmel. An der Grenze war die Schranke oben. Trabants und Wartburgs fuhren hindurch, Menschen gingen am Wachhäuschen vorbei. Aufgeregt flüsterte mein Mann, dass wir unsere Personalausweise bereithalten sollten. Als wir an der Reihe waren, scherte sich der Wachmann überhaupt nicht um die Ausweise in unseren zitternden Händen, er wünschte uns - tatsächlich - einen schönen Abend.

Da waren wir im Westen. Ich erinnere mich an den Jubel der Menschen, an das Klirren von Flaschen und Gläsern. Und an den seltsamen Schock. So einfach, so plötzlich, so völlig ohne Risiko! Zu viert marschierten wir die Sonnenallee entlang und versuchten zu verstehen, was in der letzten halben Stunde passiert war.

Pfarrer Glöckner hatte da in Greifswald gerade noch einmal kehrtgemacht und war zurückgekommen. Es war kurz vor 20 Uhr, Schabowskis Pressekonferenz gut eine Stunde her. Glöckner hatte sich eigentlich zuvor entschuldigt, er müsse zum Gemeindekirchenrat. Der Herbst 1989 war schließlich eine „Feierabendrevolution“, und alles sollte seine Ordnung haben. Alle sahen Reinhard Glöckner, den Pfarrer an der Greifswalder Marienkirche, wie er dann auf einmal wieder auftauchte und im Treppenhaus die Stufen hinaufeilte. Alle konnten ihn sehen, denn zwischen dem großen Saal der Universitätsmensa, gefüllt bis auf den letzten Platz, und dem Treppenhaus ist eine Glaswand.

Dialogveranstaltung zu Fragen der Zeit

Glöckner hielt einen Zettel in der Hand, den er weiterreichte an den Pfarrer von der Jakobi-Kirchgemeinde, Roland Springborn. Schon war Glöckner wieder verschwunden. Springborn moderierte an diesem Abend zusammen mit Matthias Tuve von der Christuskirche das sogenannte Mensa-Forum. Greifswald lag damals auch im Tal der Ahnungslosen. Damit war kein richtiges Tal wie in Sachsen gemeint, es gibt in Vorpommern keine Täler und Berge. Gemeint war aber hier wie dort: In Greifswald konnten keine westlichen Fernsehsender empfangen werden. Das hatte die Greifswalder aber nicht davon abgehalten, als Erste im Norden der DDR auf die Straße zu gehen.

Das war am 18. Oktober gewesen, einem Mittwoch, dem Tag von Erich Honeckers Rücktritt und zwei Tage nach Gründung des Greifswalder Neuen Forums in der Wohnung der Familie Poldrack. Erst gab es nach Leipziger Vorbild das Friedensgebet im Dom St. Nikolai, dann folgte der Demonstrationszug, erst zögernd, dann aber, von Leuten wie Pfarrer Glöckner geführt, festen Schrittes. Nur einmal kam der Zug ins Stocken: an der zentralen Kreuzung der Stadt, Europakreuzung genannt. Dort stand die Ampel auf Rot.

Der Zug endete nach vielen Stunden vor dem Rathaus, das eigentlich nur ein paar Schritte vom Dom entfernt liegt. Und dort versprach der Erste stellvertretende Oberbürgermeister, Achim Jonas, der noch jung war und in Greifswald als der kommende Mann der SED galt, es werde künftig eine „Dialogveranstaltung zu Fragen der Zeit“ geben, ein öffentliches Gespräch über all das, was die Bürger loswerden wollten. Und richtig, schon am nächsten Tag, einem Donnerstag also, traf man sich in der Mensa, weil dort der größte Raum in der Stadt zur Verfügung stand. Fortan hatte die Feierabendrevolution ihren festen Terminkalender: Mittwoch Friedensgebet und „Demo“, Donnerstag Forum in der Mensa.

Zwischen Mensa und St. Marien

Auch dieser 9. November war ja ein Donnerstag. Es sollte über „sozialistische Demokratie“ und das „Reisegesetz“ diskutiert werden, aber es ging auch um ein Mehrfamilienhaus, das sich Achim Jonas hatte kaufen können und in dem er wohnte. Die Leute meinten, das sei das Privileg des Funktionärs, und erregten sich. „Es wurde viel schmutzige Wäsche damals gewaschen“, sagt Glöckner heute. Die Wogen auf den Mensa-Foren schlugen hoch. Die Schlangen an den Saalmikrofonen wollten nicht kürzer werden.

Roland Springborn las den von Glöckner überreichten Zettel kurz durch. Die Diskussion ging weiter. Schließlich trat er an das Rednerpult und sagte, was Glöckner etwas holprig aufgeschrieben hatte: „Durch die Nachrichten“ - gemeint war die „Aktuelle Kamera“ - „ist soeben gekommen, daß die Grenze zur Bundesrepublik - ab sofort? - ebenso geöffnet ist, wie bisher die Grenze CSSR-BRD passierbar war“. Springborn heute: „Es war ein Augenblick, den ich nie mehr vergesse.“

Pfarrer Glöckner war auf seinem Weg von einer Sitzung zur nächsten durch den Schuhhagen, wie die Straße zwischen Mensa und St. Marien heißt, von einem Bekannten aufgehalten worden. „Ich weiß nicht mehr, wer das war.“ Der erzählte ihm aufgeregt, man könne jetzt über die Grenze. Glöckner wollte das nicht glauben. Er setzte sich zu Hause vor den Fernseher, obwohl der Gemeindekirchenrat drängte. Da sah er Günter Schabowski, hörte die Nachricht, schrieb den Zettel und eilte zur Mensa zurück.

Im warmen Zug Richtung Charlottenburg

Dort saßen also Hunderte von Greifswaldern und erregten sich noch immer ahnungslos über Jonas' Hauskauf-Schnäppchen - das Wort Schnäppchen kannte man allerdings noch nicht. „Im Gemeindekirchenrat war dann von der Grenze überhaupt keine Rede, wir hatten genug Probleme mit der Kirche“, erzählt Glöckner, der später eine Zeitlang Greifswalder Oberbürgermeister wurde. Als er endlich an diesem Abend zu Hause war, brach er in Tränen aus. „Ich weiß noch, wie ich als sechzehn Jahre alter Junge damals so bei mir dachte, die Siegermächte würden wohl erst nach dreißig Jahren verschwinden und erst dann könne es wieder ein geeintes Deutschland geben. Der Spannungsbogen hatte sich an diesem Abend aufgelöst. Das hat mich mitgenommen. Das nimmt mich noch heute mit.“ Warten musste er auf diesen glücklichen Moment freilich nicht dreißig, sondern vierzig Jahre lang.

Im Mensa-Forum brach nach Springborns Mitteilung Jubel aus. Die Leute trampelten mit den Füßen, dass die Neonröhren an der Decke bedenklich schepperten. Als sich die Gemüter nach ein paar Minuten wieder beruhigt hatten, ging das Präsidium zur Tagesordnung über. Nur der Punkt Reiseerleichterungen hatte sich erledigt. Bald verließen die Ersten den Saal, neugierig auf anderes. „Nach zwanzig Minuten war der Saal leer“, sagt Springborn heute. Die ersten Greifswalder sollen noch in dieser kalten Nacht nach Berlin aufgebrochen sein.

Wir vier Berliner Ossis waren da auf unserer „Flucht“ in den Westen schon längst von der Sonnenallee über die Karl-Marx-Straße bis zum Hermannplatz gelaufen, gingen dann runter in die U-Bahn-Station. In einem warmen Zug ging es Richtung Charlottenburg. Ein West-Berliner Fahrgast hatte offenbar im Suff mitbekommen, was passiert war, und nuschelte halblaut vor sich hin: „Na ja, besser als die Türken ...“ Wir taten so, als seien wir Wessis.

„Die Lage der Nation ist interessant“

Um fünf Uhr morgens klingelten wir bei Klaus Purath in der Schweidnitzer Straße. Purath war ein ehemaliger Studienkamerad meines Schwiegervaters. Er soll in den Fünfzigern angeblich ein guter FDJler gewesen sein, in den Sechzigern war er Chemielehrer und gemäßigter Sozialist, in den Siebzigern stritt er sich mit sämtlichen Schulräten Ost-Berlins und arbeitete bis zur Genehmigung seines Ausreiseantrags 1985 im Kombinat „Elektrokohle“.

Purath öffnete die Tür, lachte laut und sagte: „Da seid ihr ja, ick hab mir jedacht, dass ihr kommt.“

Als andere also längst schon im Westen angekommen waren, bauten wir tief im Südosten an unserem Fließband noch immer Rasenmäher und Toaster zusammen. Einige Mitschüler sprachen davon, am Wochenende mit ihren Eltern mal „rüber“ fahren zu wollen. Einen Walkman kaufen, eine „Bravo“-Ausgabe, ein Glas Nutella. Am Freitagnachmittag schaltete ich wie immer seit September „Elf 99“ ein, das neue Jugendmagazin im DDR-Fernsehen ohne Jungpioniermist. Die Reporter filmten in West-Berlin. Ein Ost-Berliner mit Jeansjacke dankte in die Kamera hinein überschwänglich Egon Krenz, „dat er diese Reisemöglichkeit möglich jemacht hat“. Jetzt seien endlich mal richtige Reformen drin. „Und ick kann nur an alle Landsleute appellieren: Bleibt hier!“ Der Mann hatte gut reden, er stand ja auf dem Ku'damm.

Ab in den Zug nach Berlin

Da standen dann noch Tausende andere, mittenmang ich, Student aus dem Westen, einen Tag später, am Samstag. „Die Lage der Nation ist interessant.“ Den denkwürdigen Satz hatte ein Komilitone am Freitagvormittag an die Tafel eines Hörsaals der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster geschrieben, einen stummen bundesrepublikanischen Hilferuf am 10. November 1989. Als Linker bekannt, wollte er nicht Dienst nach Vorschrift machen. Zwecklos: Obwohl sich gerade das Staatsziel der Bundesrepublik Deutschland zu erfüllen begann, ging alles seinen gewohnten Gang: Staatsorganisationsrecht, Sachenrecht, Familienrecht. Kein Wort zum Jahrhundertereignis. Vorlesungen, als ob nichts geschehen wäre.

An welchem Tag, wenn nicht an diesem, hätte man einfach die Lage der Nation zum Thema machen müssen? Also ab in den nächsten Zug nach Berlin. Auf die Mauer am Reichstag kam man nicht mehr, dort stand jetzt eine dichte Reihe von Vopos. Am Potsdamer Platz, einst der verkehrsreichste Platz Europas, wurde im Ödland im Beisein von Bundespräsident von Weizsäcker die Mauer aufgemacht. Jemand hatte da sein Auto stehengelassen. Erst steigt einer aufs Dach, um besser sehen zu können, dann der Zweite, und dann geht es ganz schnell: Jetzt ist es sowieso egal, denken wohl alle. Nach Sekunden war kein Platz mehr auf dem völlig eingedrückten Wagen.

Vom Ostbahnhof nach Frankfurt am Main

Weizsäcker nimmt dann auch an einem Gottesdienst in der Gedächtniskirche teil. Irgendwann werden die Türen abgeschlossen, obwohl draußen sich die Massen drängen und innen noch viele Plätze frei sind. Während des Gottesdienstes hörte man die Draußengebliebenen empört an die Kirchentür hämmern: „Aufmachen“. Auf der Straße verteilt die Junge Union Buttons mit dem Aufdruck „Freiheit“. Jemand fragt: Gibt es die umsonst? Ein JU-Schnösel antwortet barsch: „Nein, Freiheit muss man sich verdienen!“ Im Getümmel auf den Straßen steht plötzlich Eberhard Diepgen und sagt den Satz: „Jetzt geht die Nachkriegszeit zu Ende.“ Aber warum guckt er so ernst dabei? Im KaDeWe will eine DDR-Bürgerin von einer anderen Dame wissen, ob sie auch aus dem Osten sei. Die antwortet: „Sehe ich etwa so aus?“

Das hätte uns vier Ausreisewilligen auch passieren können. Wir mussten dann aber noch einmal rüber in unsere kleine Ost-Berliner Wohnung in der Schnellerstraße, erster Hinterhof, Schöneweide. Das haben wir auf unserer Abenteuerfahrt in den Westen lange diskutiert. War alles nur ein nächtlicher Irrtum? Würde die überrumpelte DDR-Staatsmacht dem ganzen Spuk ein Ende bereiten? Und die Grenzen wieder schließen? Aber wir mussten noch einmal zurück, um unsere Taschen und die Jacken mit den eingenähten Dokumenten zu holen. Am Wochenende fuhren wir dann zum Ostbahnhof und stiegen in den Zug. Nicht nach Prag, sondern nach Frankfurt am Main.

Mit Klaus Purath in der Schweidnitzer Straße in Berlin haben wir eine Verabredung. Er hat eine Flasche zwanzig Jahre alten Cognac aufbewahrt, für den 9. November 2009.

Von Stefan Locke, Reinhard Müller, Frank Pergande, Matthias Wyssuwa und Petra Urbaniak

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