11.10.2009 · Einer von siebzigtausend Demonstranten, die das Land verändern sollten: Christian Dertinger, Sohn eines Staatsfeindes, dessen Umerziehung zum Kommunisten scheiterte, zieht am 9. Oktober 1989 durch Leipzig, in sein richtiges Leben.
Von Sonja Hartwig und Kilian TrotierAn dem Tag, der Leipzig zur Stadt der Helden machen sollte, ging Christian Dertinger nach Feierabend mit drei Kollegen vom Chemieanlagenbau Bier trinken. Im Parkhotel, gegenüber dem Leipziger Hauptbahnhof. Sie debattierten darüber, wie sie an der Demonstration teilnehmen könnten, ohne groß aufzufallen. Schon während der Mittagspause, als er durch die Goethestraße lief, hatte er Uniformierte gesehen. Nach Dienstschluss stand er dann vor einer olivgrünen Wand mit Helmen und Schutzschildern, die ihm den Weg versperrte. Ihre Order kam von oben und hieß: Ordnung hüten. Er brauchte keine, ihn trieb der Unmut gegen das System, an das er einst als sozialistischer Vorzeigejunge geglaubt hatte und das ihm das erste Kapitel seiner Lebensgeschichte gestohlen hatte.
Mit acht Jahren wurde ihm sein Name genommen, seine Eltern und seine Geschwister. Er bekam eine neue Identität. Der Sohn des Staatsfeindes wurde zum linientreuen Zögling der SED umerzogen, in einem Land, das den Namen seines Vatrs aus der Erinnerung tilgte, der offiziellen wie der privaten: Georg Dertinger, der erste Außenminister der DDR. Als „Konterrevolutionär“ hatte das Regime Georg Dertinger fallenlassen. Wegen des Vorwurfs „imperialistischer Spionagedienste“ wurde er in der Nacht zum 15. Januar 1953 verhaftet. Drei Wochen zuvor hatten ihm Ministerpräsident Otto Grotewohl und Staatspräsident Wilhelm Pieck noch persönlich zum 50. Geburtstag gratuliert.
Georg Dertinger war in der DDR geblieben, ein konservativer Christ, der 1932 noch Franz von Papen bei den Konkordatsverhandlungen mit dem Heiligen Stuhl begleitet hatte, im atheistischen Sozialismus. Deutschland müsse Buße tun, sagte er und setzte sich dafür ein, die Ostgebiete aufzugeben. Die Stalin-Note beruht auf Dertingers Gedanken. Sein Wunsch nach einem neutralen, wiedervereinten Deutschland fand jedoch kein Gehör. Der bürgerliche Außenminister wurde zum Risiko für das System, musste verbannt und vergessen werden.
Ich muss mal weg
Zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht sind plötzlich Leute im Haus der Dertingers, schlagen Schranktüren zu, durchsuchen Schubladen. Christians Mutter Maria sagt: „Ich muss mal weg.“ Oma sei ja da, sie macht ein Kreuzzeichen, dann verschwindet sie, für acht Jahre. Sein Vater bekommt fünfzehn Jahre Zuchthaus.
Jahre, in denen Christian Dertinger in einem Lügengespinst der Stasi aufwächst. Man erzählt ihm, er sei ein Pflegekind, eine Kriegswaise. Seine wahren Eltern seien im Krieg umgekommen, die Dertingers hätten ihn daher aufgenommen, von nun an bekäme er bessere Eltern und einen anderen Namen: Müller. Seine Biografie wird verfälscht, sein Leben von einer Villa in Kleinmachnow bei Berlin nach Schönebeck verlegt, einer kleinen Stadt an der Elbe. Dort lebt er bei Tante Lieschen und ihrem Mann Emil. Einfache Leute, deren einziger Sohn vor Moskau gefallen war, die ihrem zweiten nun ihre ganze Liebe schenken. Und dem Staat einen kommunistischen Knaben.
Doch an diese Lüge dachte er nicht an diesem 9. Oktober 1989, als das Land sich innnerhalb weniger Stunden verändern sollte. Er dachte nur: „Dieser Sozialismus hängt mir zum Hals heraus.“ Christian Dertinger, einer von siebzigtausend Demonstranten, einer der Helden der friedlichen Revolution. Ein Opfer der radikalen Maschinerie, das sich nicht als Opfer sieht. Er war ein Komparse unter vielen, einer aus dem Volk, das mit Kerzen in der Hand zwischen waffenstarrenden Soldaten demonstrierte.
Der SED-Staat war am Zusammenbrechenwankte, das Projekt „Kommunistischer Knabe“ scheiterte schon viel früher. Fast dreißig Jahre zuvor war die Lüge der Stasi aufgeflogen. Christian Dertingers Leben wendet sich ein zweites Mal: Maria Dertinger kommt aus der Haft und verlangt ihren Sohn zurück. Christian wird wieder ein Dertinger, seine Mutter für ihn aber zur Verräterin, die seine Pflegeeltern auf dem Gewissen hat: Lieschen stirbt ein paar Wochen später, ihr Mann geht in die Elbe. Christian Dertinger, sechzehn Jahre alt, wird wiederum „umgepolt“. Der atheistisch Erzogene lebt als Katholik, geht jeden Sonntag in die Kirche und beginnt ein Studium der Theologie. Die Umbrüche in seinem Leben veranlassten ihn nie zu einem Aufbruch, aber zur Auflehnung.
Wir sind das Volk
Am 9. Oktober 1989, kurz nach achtzehn Uhr, stand er zusammen mit seinen Arbeitskollegen, „einer davon ein IM, IM Lange“, auf dem Karl-Marx-Platz, im dichten Gedränge. Sie skandierten: „Losgehen“, „Reiht eucht ein“ und schließlich „Wir sind das Volk“. Als sich der Demonstrationszug sich dem Hauptbahnhof näherte, den Polizisten abgeriegelt hatten, ließ er sich nach hinten fallen, „Prinzip Ziehharmonika“: Alle hatten Angst, keiner wollte feige sein. Kurze Zeit später wollte er über eine Brücke verschwinden. Sie war überfüllt und all seine Freunde liefen weiter. Die Masse schützte sich selbst. Dertinger blieb, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Dann die Runde Ecke, die stockdunkle Stasizentrale, in der alles abgeriegelt war, das Gewandhaus, der Karl-Marx-Platz. „Wir hatten es geschafft. Ich hätte heulen können.“
Doch ein Mann heult nicht, sagt Dertinger heute. Wieder sind die Straßen und Gassen in Leipzig voller Menschen. Christian Dertinger, nun fünfundsechzig Jahre alt, ist unter ihnen, hält in der linken Hand einen Plastikbecher, darin flackert ein Teelicht. Mehr als hunderttausend Menschen laufen um den Innenstadtring, alle tragen sie Lichter. Auf dem Platz, der heute Augustusplatz heißt, formt der Kerzenschein einen Schriftzug: „Leipzig 89“.
Als Dertinger an Polizisten vorbeigeht, meint er ironisch: „Da stehen sie ja noch, die Genossen von damals.“ Der Sohn des ersten DDR-Außenministers sieht sich nicht als Held, erzählt dann aber doch von heldenhaften Taten. Davon, dass er nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens gegenüber jedem, der es hören wollte, über das menschenverachtende Vorgehen schimpfte, auch vor SED-Genossen, deren höchste Funktionäre das Vorgehen der chinesischen Regierung gelobt hatten. Bei Wahlen sei er stets in die Kabine gegangen, um den ganzen Zettel durchzustreichen. Er spricht von der Gruppe der 20 in Dresden, von Christian Führer, Friedrich Magirius und Christoph Wonneberger in Leipzig. Und auch von der Masse, aus der er einige nun, zwanzig Jahre später, vor dem Gewandhaus wiedertrifft.
Am 10. Oktober ging Christian Dertinger wieder zur Frühschicht in den Chemienanlagenbau, 2. Stock am Brühl. Nur ein paar hundert Meter weiter hatten sich am Abend zuvor die Siebzigtausend versammelt. An Arbeit war erst einmal nicht zu denken, alle sprachen nur noch über die Demonstration. „Wir wussten nicht, was wir geschafft hatten, aber wir wussten, dass wir etwas geschafft hatten.“