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Fernseh-Frühkritik Wie ich der DDR den Sargnagel verpasste

06.11.2009 ·  Zerfahren war die Talkshow von Maybrit Illner im ZDF zum Thema Mauerfall. Doch sie hatte einen Höhepunkt: Der schwer erkrankte Günter Schabowski erklärte, warum es keinen Grund gibt, der untergegangenen DDR nachzutrauern.

Von Michael Hanfeld
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Ein Stück Erinnerungskultur hätte die Talkshow von Maybrit Illner am Donnerstagabend sein können, die Gästeliste war danach. Doch bekamen Monika Maron, die 1988 aus der DDR ausgereiste Schriftstellerin, die aus Thüringen stammende Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der frühere sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse, eine Frage vorgelegt, die den Blick auf die friedliche Revolution vom November 1989 und die darauf folgende deutsche Einheit unter ein ganz bestimmtes Vorzeichen setzte, das einen freien Blick auf das Geschehen von damals einengte: „Zwanzig Jahre Mauerfall: Einheit ja! - Gerechtigkeit nein?“ lautete das Thema.

Die Befindlichkeiten von heute

Damit war der Weg zu einer Debatte zum Beispiel darüber, wer welchen Beitrag zur Neuordnung Europas geleistet hat und wie es dazu kommen konnte, schon halbwegs verbaut. Denn es war klar, dass es, obwohl Eduard Schewardnadse in der Runde saß, schnell um die hiesigen Befindlichkeiten von heute gehen würde. Und so war es denn auch, um die Wertigkeit von Freiheit und Gleichheit ging es, um alte Vorurteile über Ost und West, die besonders Monika Maron ins Reich der Vergangenheit verwies und plötzlich dann um die Bildungspolitik und die Schwierigkeiten von Einwandererkindern.

Das war nichts und alles in einem und sehr schade, zerfranst auch noch von Fragen wie jener, für die Maybrit Illner das verunglückte Zitat von Helmut Kohl aus dem Oktober 1986 bemühte, in dem er den angeblich so PR-begabten Michail Gorbatschow in einem „Newsweek“-Interview in einem Atemzug mit Goebbels genannt hatte. Wer darauf zu sprechen kommt, kehrt direkt in die letzte Phase des Kalten Kriegs zurück. Das kann man tun, nur muss danach auch noch etwas kommen, zumindest eine halbwegs genaue Betrachtung des Wegs zur deutschen Einheit, des Umschwungs und des Zusammenspiels zwischen Kohl, Bush senior und Gorbatschow. Diese Betrachtung aber gab es nicht, es blieb bei oberflächlichen Stellungnahmen, Schewardnadse deutete an, wie tief das Kohl-Zitat von 1986 saß, beeilte sich dann aber, den Deutschen zur Einheit zu gratulieren.

Schabowski nennt die DDR einen „Versager“

Einen Höhepunkt hatte die Sendung von Maybrit Illner trotzdem und für diesen zeichnete Günter Schabowski verantwortlich. Schwer erkrankt, von der Krankheit gezeichnet, war es ihm nicht möglich, an der Runde im Studio teilzunehmen. Doch lag ihm offenkundig viel daran, ein Interview zu geben, für das ihn Maybrit Illner im Krankenhaus besuchte. Schabowski, dessen verunglückte Verkündung der neuen Reisebestimmungen am 9. November dem friedlichen Sturm auf die Mauer den Boden bereitete, wollte noch einmal Tacheles reden, so wie er es schon in der Vergangenheit tat. Er scheut sich nicht, mit dem Staat, dem Regime, dem er diente und mit sich selbst abzurechnen.

Die DDR, sagte er, „war ein Versager“, folgerichtig sei es gewesen, dass sie zugrunde ging, ein Unrechtsstaat, der Sozialismus überholt und nicht zu realisieren, die Vergesellschaftung des Kapitals ein Unfug. Er habe dem Sozialismus (und damit der DDR) „gottlob den Sargnagel verpasst“, sagte er, nachdem ihm Maybrit Illner die Vokabel in ihrer Frage vorgegeben hatte. Dass Schabowski dies am 9. November 1989 wohl eher unfreiwillig tat, davon war keine Rede und das war auch nicht entscheidend. Er wollte noch einmal sagen, dass es keinen Grund gibt, der DDR nachzutrauern, nicht mehr, nicht weniger.

Das letzte Wort hatte Eduard Schewardnadse, der, wiederum auf eine Frage, die eine solche Antwort nahelegte (Welche Mauern müssen wir heute einreißen), meinte, die neue Mauer stehe in seiner Heimat Georgien: „Wir haben jetzt leider unsere eigene Berliner Mauer.“ Die umzustoßen, daran wird das von Putin und Medwedjew regierte Russland anders als Gorbatschow und Schewardnadse 1989 es für Deutschland taten, nicht mitwirken. Die heutigen Kremlherren habe diese Mauer - mit der Schewardnadse die Abtrennung Ossetiens meinte - schließlich gerade erst errichtet.

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