29.10.2009 · 1965 wurde Carl-Wolfgang Holzapfel am Checkpoint Charlie verhaftet, neun Monate lang saß er danach in der Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. Unter der Regie der Künstlerin Franziska Vu kehrt er nun für eine Woche in seine Zelle zurück.
Von Marcus JauerDie Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit lag mitten in einem Wohngebiet. Es muss in den Plattenbauten, die den großen, grauen Komplex umstehen, Fenster gegeben haben, von denen aus man über die Mauern und Wachtürme hinweg direkt auf den Hof sehen konnte, denkt man. Das bekommt man heute gar nicht mehr zusammen.
An diesem Morgen sind viele Schulklassen nach Hohenschönhausen gekommen. Auf ihrem Berlinausflug steht das Gefängnis, das nun eine Gedenkstätte ist, für den Ort, an dem sie erfahren sollen, wie es wirklich war in der DDR. Da sind die schweren Tore, die Elektrozäune auf den Mauern, die Zellentrakte, Büros und Telefone, da sind die älteren Männer, die sie führen und erzählen, wie sie hier früher eingesperrt waren und wofür. „Ich bin eure Flaschenpost aus einer anderen Zeit“, sagt ihnen einer zum Abschied.
„Wir haben uns das gut überlegt“
Währenddessen gibt Hubertus Knabe in einem schmucklosen Raum eine Pressekonferenz. Er ist Direktor der Gedenkstätte, die er nun für ein Kunstprojekt öffnen will. Das Projekt besteht darin, dass sich ein ehemaliger Häftling eine Woche lang in eine Zelle einsperren lassen und dabei rund um die Uhr von einer Kamera beobachten lassen will. Das Ganze wird ins Internet übertragen. „Wir haben uns das gut überlegt“, sagt Hubertus Knabe.
Er leitet die Gedenkstätte seit acht Jahren und hat sie zu einem antikommunistischen Schutzwall ausgebaut. Die Titel seiner Bücher lauten „Die Täter sind unter uns: Über das Schönreden der DDR-Diktatur“ oder „Honeckers Erben: Die Wahrheit über die Linke“. Es heißt, er sitze in dem Büro des früheren Direktors. Vielleicht schaut er deshalb auf die DDR nur wie auf einen Knast. Was die Spitzelei für die Stasi angehe, würde er für niemanden die Hand ins Feuer legen, hat er einmal gesagt, außer für sich selbst. Hubertus Knabe kommt aus dem Westen.
Daneben sitzt Carl-Wolfgang Holzapfel, der auch aus dem Westen kommt und 1965 am Checkpoint Charlie mit einem Plakat gegen die Mauer protestierte. Als er damit die Staatsgrenze der DDR übertrat, wurde er verhaftet und nach Hohenschönhausen gebracht, wo er neun Monate in Einzelhaft saß. Jetzt ist er zurück und will jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen, Frühstück und Mittag durch die Türklappe entgegennehmen, den Tag in seiner Zelle auf- und abgehen und nachts mit dem Rücken auf dem Bett liegen, die Hände über der Decke, alles wie damals, nur ohne Stasi. Aber es gibt ja die Leute im Internet, die ihn nun beobachten.
Stasihaftpantoffeln zum Stasihaftanzug
Was Kunst an dem Projekt ist, kann er nicht genau sagen. Womöglich ist es die Ausstellung, welche die Künstlerin Franziska Vu von dieser Woche machen wird, womöglich sind es aber auch schon die Gedanken, die ihm in der Zelle kommen und die er laut vor sich hin sprechen wird. „Ich wünsche Ihnen Kraft, dass sie das seelisch durchstehen“, sagt Hubertus Knabe, „ansonsten rufen Sie mich an.“
Dann ist die Pressekonferenz zu Ende, und die Reporter folgen Carl-Wolfgang Holzapfel in den Zellentrakt, wo er sich umzieht. Als er auf den Gang tritt, trägt er einen blauen Stasihaftanzug und Stasihaftpantoffeln, hält karierte Stasibettwäsche auf dem Arm und eine grobe Stasidecke und geht in die Stasizelle hinein, die mit Stasilinoleum ausgelegt ist und in der es ein Stasiholzbett gibt und ein Stasiklo mit schwarzer Stasiklobrille, und dann sehen zwei dutzend Reporter der Künstlerin Franziska Vu dabei zu, wie sie hinter ihm die Stasizellentür schließt und den Stasiriegel vorschiebt. Es ist alles echt und doch alles falsch.