09.11.2009 · Ein DDR-Sportidol fällt in Ungnade, setzt sich in die Bundesrepublik ab und erfährt noch Tage vor der Wende, wie wenig willkommen ihn der Westen eigentlich heißt: Das Leben des Boxers Richard Nowakowski spiegelt deutsche Wirklichkeit bis zum Herbst 1989.
Von Hartmut ScherzerDer Ost-Berliner Karl-Heinz Wehr ist verärgert. Kurzfristig sagt der mächtige Generalsekretär des Boxweltverbandes seinen Besuch in West-Berlin ab. Denn im Finale der (west-)deutschen Meisterschaften 1989 in der Sporthalle Charlottenburg boxt ein schon 34 Jahre alter Kämpfer, der in der DDR dem sozialistischen Sport einmal als Aushängeschild diente, aber wegen seiner Westkontakte in Ungnade fiel und schließlich im Januar 1989 flüchtete: Richard Nowakowski - fünfmaliger DDR-Meister, zweimaliger Europameister 1977 und 1981, Olympiazweiter 1976 und Olympiadritter 1980.
Auch für die Boxfunktionäre der Bundesrepublik ist dieser DDR-Abtrünnige im Endkampf des Leichtgewichts ein Ärgernis. Die Herren des Deutschen Amateur-Boxverbandes (DABV) fürchten um ihre guten Beziehungen zum Weltverband mit Sitz in Ost-Berlin. Es kommt noch schlimmer: Nowakowski im Trikot des CSC Frankfurt besiegt den zehn Jahre jüngeren WM-Teilnehmer Jörg Kästner. Er ist der beste Boxer des Turniers, und 3000 Zuschauer sind begeistert.
Die Fachleute sind sich einig über den verdienten Sieg des technisch versierten Boxers, der nach sieben Jahren Zwangspause in der DDR nun im Westen ein triumphales Comeback feiert. Verlierer Kästner aber protestiert mit einem Sitzstreik im Ring und verweigert bei der Siegerehrung seinem Bezwinger den Handschlag. Heinz Birkle, Vizepräsident im DABV, tobt: „Fehlurteil! Wo kommen wir hin, wenn abgewrackte DDR-Boxer unsere Titel holen?“
Nowakowski fragte dennoch kess, ob er nun für den geplanten Kampf der Nationalstaffel der Bundesrepublik in der DDR nominiert werde. Schon für die Weltmeisterschaften in Moskau war Nowakowski aus „sportpolitischen Gründen“ nicht berücksichtigt worden. Birkle lehnt Nowakowskis Ansinnen schroff ab. Man schreibt den 28. Oktober 1989. Und Nowakowski muss sich fühlen wie im Niemandsland. Verstoßen im Osten, unwillkommen im Westen.
Polemik aus Ost-Berlin
Die DDR reagiert auf das für sie peinliche Politikum mit Polemik. Am 2. November 1989 versucht der später von Stasi-Vorwürfen (IM Fuchs) belastete Journalist Klaus-Dieter Kimmel in der täglichen Ost-Berliner Zeitung „Deutsches Sportecho“ ein Bild von Nowakowski als charakterlosem Opportunisten zu zeichnen, der „frühzeitig weit über dem Lebensniveau anderer ehrlich arbeitender Bürger unseres Landes“ gelebt habe.
Kimmel, nach der Wende in der „Bild“-Chefredaktion tätig, schreibt in einem Artikel mit der Überschrift: „In die Seile geraten: Richard Nowakowski - Die ganze Wahrheit“. Ein Textauszug: „Als sich der Boxer mit seinem Trabant mit überhöhter Geschwindigkeit überschlug und dabei sein mitfahrendes Kind tödlich verunglückte, wurde für Richard Nowakowski geltendes Recht gebeugt. Die das geduldet, sich nicht dagegen aufgelehnt haben, dürfen über seinen Weg zum BRD-Meister nicht verwundert sein.“
Fußball im Olympia-Stadion
Der Unfall - übrigens in einem Wartburg geschehen - des aktuellen Europameisters ereignete sich 1981 ohne dessen Verschulden und hatte daher weder Anklage noch Strafe zur Folge. Eine weitere Anklage Kimmels: „Bei der WM 1982 in München traf sich Richard Nowakowski mit seiner Großmutter und verließ, ohne dies irgendjemandem mitzuteilen, mit dieser für längere Zeit die Stadt.“
Der Schicksalstag des DDR-Boxers ist der 14. Mai 1982, ein Samstag. Nowakowski hat am Vorabend im WM-Halbfinale in München gegen den Kubaner Horta verloren. Tante, Onkel, zwei Cousinen und Großmutter aus Stuttgart holen den ausgeschiedenen Bronzemedaillengewinner im DDR-Quartier am Olympia-Park kurzfristig ab. „Es war niemand da, bei dem ich mich hätte abmelden können“, erinnert sich Nowakowski.
Alle seien beim Bundesligaspiel der Bayern im Olympia-Stadion gewesen. Die Nowakowskis verbringen den Nachmittag in einem Café am Stachus. Der Sportler kehrt, wie selbstverständlich, zur Mannschaft zurück, schließlich lebt seine Frau Petra mit den kleinen Kindern, Christine und Steffi, in Schwerin. Erst zu Hause spürt der missliebig gewordene DDR-Prominente mit den Westverwandten die Konsequenzen des Münchner „Vergehens“: Er wird fallengelassen. Das fest versprochene Haus wird gestrichen. Der SC Traktor Schwerin hat nur noch als Nachwuchstrainer für ihn Verwendung.
Egon Krenz kümmert sich
Der so mit erst 26 Jahren zum Rücktritt aufgeforderte Boxer arbeitet aber fortan lieber im Wald in der Forstwirtschaft, besitzt er doch Jagdschein und Gewehr - nach dem EM-Titel 1981 noch ein Gunstzeichen Erich Honeckers. Im Telegramm des Staatsratsvorsitzenden stand: „. . . und wünsche Ihnen für Ihre sportliche Laufbahn weiter viel Erfolg und persönliches Wohlergehen“.
Das Wohlergehen endet auch außerhalb des Rings, als Nowakowski 1984 einen Ausreiseantrag stellt. Der einstige Günstling wird von Stasi-Leuten zur Vernehmung abgeführt. Das Jagdgewehr wird konfisziert. Erst Egon Krenz, zum zweiten Mann im DDR-Regime aufgestiegen, sorgt Monate später dafür, dass dem ehemaligen Boxstar die Waffe zurückgegeben wird. Man kennt sich, der aussortierte Staatsamateur und der hohe Partei-Funktionär stammen beide aus Ribnitz-Damgarten.
Das Comeback in Frankfurt
Dennoch stellt Richard Nowakowski 1988 abermals einen Ausreiseantrag. Es gibt mittlerweile ein neues Gesetz in der DDR, wonach die Fahrt zum Besuch von Verwandten ersten und zweiten Grades nach „Westdeutschland“ genehmigt werden kann. Oma Nowakowski feiert am 31. Januar 1989 ihren 75. Geburtstag. Im Zug von Berlin nach Stuttgart teilt Richard seiner Schwester und seinem Vater mit, dass es für ihn keine Rückfahrt geben werde. Stattdessen fährt er nach Gießen - ins Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge.
Nun heißt es: Job finden, Familie rüberholen. Nowakowski bietet sich bei Klubs der Bundesliga als Trainer an. Zuerst versucht er es beim Meister BSK 27 Ahlen. „Doch es war Karneval, und ich hatte nur Betrunkene am Telefon“, erzählt er. An den Chef Egon Kaderka kommt er einfach nicht ran. Beim CSC Frankfurt findet er nüchterne Gesprächspartner, eine Bleibe und Bares - allerdings als Boxer, nicht als Trainer. Nowakowski lässt sich überreden, wieder in den Ring zu steigen. Er findet zusätzlich Arbeit beim Sponsor, bei einem Container- und Entsorgungsunternehmen.
Über die Standspur
Die ungarisch-österreichische Grenze ist inzwischen durchlässig geworden. Nowakowski organisiert die Flucht seiner Familie mit einem Boot über die Donau. Doch er wartet am verabredeten Ufer im Westen vergebens. Die Telefongespräche sind abgehört worden. Die Stasi überwacht Petra Nowakowski, nimmt sie sogar vorübergehend fest und verhindert die Ausreise aus der DDR in die Tschechoslowakei.
Für den Familien-Zusammenschluss nach zehn Monaten muss erst die Mauer fallen. Aufgeregt wie bei keinem seiner über dreihundert Kämpfe erlebt Nowakowski vor dem Fernseher im Haus des CSC-Managers Horst Gauß das welthistorische Ereignis. Die Flüge von Frankfurt anderntags nach Berlin sind ausgebucht. Man findet einen Platz in einem Flieger von Stuttgart aus. In seinem alten Opel Kadett rast Nowakowski über die Autobahn, auf der Standspur vorbei an Staus, und stellt das Auto irgendwo am Flughafen-Gebäude einfach ab, um die Maschine nach Berlin ja nicht zu verpassen.
Drei Tage nach der Mauer fallen plötzlich die Antipathien
Am 12. November jenes Jahres feiert der CSC Frankfurt sein 25-jähriges Jubiläum. DABV-Präsident Kurt Maurath heißt nicht nur Petra und die beiden Mädchen, sondern auch den zwei Wochen zuvor noch so unwillkommenen Richard Nowakowski auf einmal „herzlich willkommen. Der DABV hat nichts gegen dich.“ Auf einmal. Schon drei Tage nach dem Mauerfall sind die Antipathien von damals vergessen.
Mit dem CSC Frankfurt wird Richard Nowakowski 1990 auch letzter deutscher Mannschaftsmeister der alten Bundesrepublik. Für die neue Einheitsliga hat Bayer Leverkusen den Schweriner Erfolgstrainer Fritz Sdunek engagiert. Nowakowski folgt seinem einstigen Lehrmeister zur Werksstaffel. Den Wechsel seines Entdeckers zu den Profis nach Hamburg als Trainer-Assistent macht Nowakowski nicht mit. Um selbst Profi zu werden wie Henry Maske, fühlt er sich mit 35 Jahren zu alt. Das Gym in der „Ritze“, einem Rotlicht-Etablissement auf dem Kiez, wäre der neue Arbeitsplatz gewesen.
Das Talent der Tochter
„Nee, Fritz, in Frankfurt war ich Müllfahrer. Jetzt auch noch im Puff arbeiten - da gehe ich lieber zurück nach Schwerin und mache etwas anderes als mit Boxen.“ Er sagt Sdunek ab. Auch im Osten ist mit Entsorgung Geld zu verdienen, viel Geld. „Durch mein im Westen angeeignetes Wissen in diesem Geschäft hatte ich nach der Wiedervereinigung im Osten einen riesigen Vorsprung. Diesen Vorteil verdanke ich allein dem Boxen“, sagt er heute.
Inzwischen ist der 54 Jahre alte Nowakowski ein erfolgreicher Unternehmer und wohlhabender Immobilienbesitzer mit Haus und Grundstück am See in Schwerin. Die Ehe ist seit zehn Jahren geschieden. Den 95. Geburtstag der Großmutter haben die Nowakowskis dieses Jahr noch gefeiert. Kurz danach ist die Schicksalsfrau seiner Boxkarriere gestorben. Richard Nowakowski sagt, er gebe jetzt dem Boxen in seiner Heimatstadt etwas zurück: als Sponsor und seit dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga auch als Sportlicher Leiter des BSC Schwerin. Demnächst könnte der Name Nowakowski auch für einen Kampf im Ring wieder angekündigt werden. „Meine dritte Tochter kann es nicht erwarten, bis sie zehn Jahre alt wird und endlich boxen darf“, sagt Richard Nowakowski: „Sophie hat meine boxerischen Gene.“