Das ganze Leben in einer Plastiktüte? "Da steht alles drin", sagt Axel Mitbauer und schiebt die dunkelgrüne Tüte über den Tisch. Selbstbewusst und lasziv schaut die Frau mit der blonden Löwenmähne von der Titelseite des "Stern". Mit Veruschka, die im Herbst 1969 die neue Mode vorstellt ("lustig, lässig, sexy"), hat Mitbauers Geschichte aber nichts zu tun. Seine beginnt erst auf Seite 22, wo die vergilbten Seiten von Tesa-Film zusammengehalten werden.
Es ist die Geschichte einer Flucht aus der DDR - die wahrscheinlich einzige eines ostdeutschen Spitzenathleten, der den Eisernen Vorhang kraft seines Sports überwindet. Vor 40 Jahren, in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1969, schwamm Mitbauer, 19 Jahre alt und DDR-Meister über 400 Meter Freistil, 25 Kilometer vom Ostseebad Boltenhagen in die Lübecker Bucht. "Mitteldeutscher Spitzenschwimmer flieht in den Westen", schrieb diese Zeitung am 20. August. "Da bin ich den Vopos davongeschwommen", steht im "Stern" über dem Schwarzweißbild eines jungen Mannes, der im Kraul durch die offene See pflügt.
Heute trainiert er junge Schwimmer
Kräftige Arme hat Mitbauer immer noch. Seine gewaltige Figur allerdings erinnert inzwischen eher an die eines Ringers. In der Cafeteria des Karlsruher Fächerbads hat er sich ein Weißbier bestellt. Ob es ein kleines Honorar für die Geschichte gebe, fragt er. Nicht für sich, sondern für die Kinder und Jugendlichen, die er trainiert.
Seit Januar 2006 arbeitet Mitbauer hier, als Cheftrainer und Manager soll er die Schwimmgemeinschaft Region Karlsruhe auf Vordermann bringen. Was nicht so einfach ist. Mehr noch als am Geld mangelt es an jungen Leuten mit Zeit und Motivation. "Bringen Sie heute mal jemanden zum Leistungssport!"
Früh über Flucht nachgedacht
Damals in der DDR war das einfacher. Da war eine Karriere im Sport die Eintrittskarte in eine andere Welt. Nicht nur wegen der Fürsorge durch den Staat, sondern weil der Sport die Türen zu Reisen ins westliche Ausland öffnete. Als Sportler fühlte Mitbauer sich wohl im DDR-System. "Ich habe das genossen", sagt er, "ich hatte ja einen gewissen Lebensstandard." Sonst aber konnte er dem Leben dort nichts abgewinnen. Seine Eltern, Leidtragende von Enteignungen, hätten ihn "von vornherein gegen diesen Staat eingestellt". Auf Auslandsreisen wird ihm zudem die Diskrepanz zwischen DDR-Propaganda und Wirklichkeit bewusst, seine Heimat erlebt er als Unrechtsstaat. Schon früh sei ihm klar gewesen, dass er dieses Land verlassen wollte - und zwar mit Hilfe des Sports: "Ich habe das System genutzt, um meine Pläne zu verwirklichen."
An eine spektakuläre Flucht dachte Mitbauer zunächst nicht. Er hatte den konventionellen Weg im Sinn: ausbüxen auf einer Wettkampfreise. So, wie es einige vor ihm (wie der Kanute Günter Perleberg oder der Radfahrer Jürgen Kissner) und etliche nach ihm (wie die Fußballspieler Lutz Eigendorf, Norbert Nachtweih oder Jürgen Pahl) gemacht haben. Mehr als 600 Personen aus dem Sport waren es insgesamt, die nach Erkenntnissen der DDR-Staatssicherheit bis 1989 in den Westen geflohen sind. Im Stasi-Jargon hießen sie "Sportverräter".
Von der Stasi beobachtet
Im Juli 1968 - Mitbauer war gerade 18 - sprach er in Budapest den Essener Schwimmer Wolfgang Kremer und dessen Trainer Werner Ufer an und lotete mit ihnen die Möglichkeit einer Flucht aus. Doch das Vorhaben flog auf, als Ufer ein paar Wochen später in Ostberlin einen Brief mit Informationen über Fluchtwege und -helfer an Mitbauer einwerfen wollte. Die Stasi schien ihn schon zu erwarten.
Mitbauer wurde noch am selben Tag in seiner Heimatstadt Leipzig verhaftet. Sieben Wochen lang hielt man ihn im Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen fest. Einzelhaft, Dunkelzelle, das volle Programm. "Da reden Sie zuletzt mit der Wand, mit Gott oder was weiß ich mit wem." Doch die Versuche der Stasi, ihn zu einer Aussage zu bewegen, die Ufer und damit die Bundesrepublik als Menschenhändler darstellte, scheiterten.
Der „Wettkampf seines Lebens“
Mitbauer kam zwar frei, für den Sport aber wurde er von den DDR-Funktionären lebenslang gesperrt. Knapp ein Jahr später stand Mitbauer vor dem, wie er sagt, "Wettkampf seines Lebens". Es war ein warmer Sommerabend in Boltenhagen. Gemeinsam mit seiner Mutter traf er in einem einsamen Strandkorb die letzten Vorbereitungen. Vor der Strecke war ihm nicht bange. "Ich war überzeugt, dass es klappt", sagt er heute.
"Wenn man jeden Tag 20 Kilometer trainiert, kann man auch einmal 25 Kilometer schwimmen." Die Umstände ließen ihn aber grübeln: "Wie lange bin ich im Wasser? Wie orientiere ich mich ohne Kompass? Wie ist es mit der Verpflegung, habe ich Trinkwasser? Wie groß ist die Kälte?" Das Wasser der Ostsee hatte nur 18 Grad. 30 Tuben Vaseline drückte Mitbauer in einem Bottich aus. Damit schmierte er sich gegen die Kälte ein, die ihm zu schaffen machen würde.
Ostsee war beliebte Fluchtroute
Und wie sollte er die Grenzposten überlisten? Die Ostsee war eine beliebte Fluchtroute. Mehr als 5000 DDR-Bürger versuchten bis 1989 ihr Glück auf diesem Weg, manche mit abenteuerlichem Gerät. Entsprechend aufmerksam waren die Grenzposten.
Eine Woche lang studierte Mitbauer ihr Verhalten. So fand er heraus, dass einmal in der Stunde die Suchscheinwerfer zum Abkühlen ausgeschaltet werden mussten. Gegen 21 Uhr nutzte er einen solchen Moment zum Sprung ins Wasser. Als die Scheinwerfer ihn zu erfassen drohten, tauchte er ab.
Übernachtung auf einer Leuchtboje
Auf offener See hielt er mit Hilfe der Sterne Kurs. 25 Kilometer nur mit sich allein - viel Zeit zum Grübeln eigentlich. "Aber im Wettkampf hat man nur noch seine Aufgabe im Sinn." Die großen Gedanken hatte er sich schon vorher gemacht. Der Rückblick auf das Leben, die Konzentration auf die Aufgabe, die Aussicht auf ein neues Leben - das seien die stärksten Eindrücke dieses Tages gewesen.
Nach rund vier Stunden erreichte er eine Leuchtboje, das Ziel konnte nicht mehr weit sein. "Aber wie weit genau, das wusste ich nicht." Weiterschwimmen? Mitbauer entschied sich dagegen, verbrachte den Rest der Nacht auf der Boje, um sich am nächsten Morgen noch einmal von der Sonne für die letzten Kilometer wärmen zu lassen. Es war kurz nach sieben, als die Besatzung des Fährschiffs "Nordland" ihn entdeckte. Mit Genuss, aber auch mit Routine erzählt Mitbauer heute von diesem Moment. Wo er denn herkomme, habe ihn der Kapitän per Flüstertüte gefragt. "Von drieben." Darauf der Kapitän: "Das hört man."
Sein großes Ziel aus dem Osten
Mitbauer versteht es, sich zu verkaufen. Gelernt hatte er das schon an seinen ersten Tagen im Westen. 10 000 Mark bekam er damals vom "Stern" für die Geschichte. Gut für einen, der fast nackt in einem neuen Leben angekommen war. Schwimmflossen, Badehose, darin eingenäht ein Ring und eine Medaille - mehr hatte Mitbauer nicht bei sich, als er in Travemünde an Land ging. "Man fängt wirklich bei null an", sagt er. Ein bisschen halfen Verwandte in Bremen und Josef Neckermann, der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, der ihm 400 Mark monatlich aus seinem Privatvermögen zusteckte.
Schließlich hatte Mitbauer noch ein großes Ziel aus dem Osten mitgebracht: die Teilnahme an Olympischen Spielen. Von der DDR fühlte er sich darum betrogen: 1964, mit 14, hätte er an den Ausscheidungsrennen teilnehmen können, den Funktionären aber war er noch zu jung. 1968 hatten sie ihn bereits aus dem Sport verbannt. 1972 in München wäre die letzte Chance gewesen. Doch er verletzte sich kurz vor den Qualifikationsrennen. Danach gab er dem Studium an der Sporthochschule, dem Beruf also, Vorrang - und später der Familie.
Film über Mitbauers Flucht
Kürzlich war ein Fernsehteam im Fächerbad, um einen Bericht über Mitbauer und seine Flucht zu drehen. Für ein paar Schwimmszenen wurde er gedoubelt - vom eigenen Sohn. Axel-Carlo, Jahrgang 1992, scheint nicht nur das Talent, sondern auch etwas vom (nötigen) Eigensinn des Vaters geerbt zu haben.
Er steht im C-Kader des Deutschen Schwimm-Verbandes, über fünf Kilometer Freiwasser war er bereits deutscher Jahrgangsmeister. Zu den Spielen 2016, sagt der Senior, könne er es schaffen. Ein Mitbauer bei Olympia, das wäre nicht nur "eine Genugtuung". Es wäre die nächste große Geschichte.
