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China Das Morgenlicht im Mauerriss

09.11.2009 ·  Der Mauerfall wird in China als rein deutsches Ereignis dargestellt, ohne Bezug zu China und zu den niedergeschlagenen Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Doch die ekstatischen Berliner Tage sind bis heute populär.

Von Mark Siemons, Peking
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„Es ist eine objektive Realität“, fasst der ehemalige Botschafter Chinas in Deutschland Mei Zhaorong seine Gedanken zum Mauerfall zusammen: „Wir akzeptieren sie.“ Er habe, sagte Mei jetzt der Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“, registriert, dass viele DDR-Bürger später unglücklich gewesen seien über den Zusammenbruch ihres Staats, aber er habe gleich erkannt: „Das ist ein anderes Land, da gibt es nichts zu bedauern.“ Sofern in diesen Tagen in China vom Mauerfall überhaupt die Rede ist, wird er als rein deutsches Ereignis, als Vorstufe der von China begrüßten Wiedervereinigung, dargestellt, ohne Bezug zur chinesischen Gegenwart und erst recht ohne Verbindung zu den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im gleichen Jahr.

Seit den neunziger Jahren analysiert die Kommunistische Partei Chinas den Untergang der Sowjetunion, um im eigenen Herrschaftsgebiet unter allen Umständen die These zu widerlegen, der Mauerfall sei der Anfang vom Ende des Kommunismus gewesen. In der pekingfreundlichen Hongkonger Zeitung „Wen Wei Po“ interpretiert der Publizist Qiu Zhenhai den Mauerfall jetzt als die erste Phase im Ringen zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die Übernahme Hongkongs durch die Volksrepublik aber als die zweite: Die Konfrontation sei wieder offen. Doch öffentliche Äußerungen mit einer solchen Terminologie sind heute selten. Der Deutschland-Forscher Liu Liqun von der Pekinger Hochschule für Auslandsstudien bezeichnete gegenüber dieser Zeitung die Dichotomie von sozialistischem und kapitalistischem System als zu vereinfachend für die Gegenwart; das heutige China sei weder mit der DDR noch mit dem China vor zwanzig Jahren zu vergleichen.

Der eigene Weg in die Moderne

Für das ausländische Publikum verwendet die „Global Times“, der englischsprachige Ableger der Parteizeitung „Renmin Ribao“, den Ausdruck „sogenanntes chinesisches Modell“. Dieses Modell in Anführungszeichen sei in den zwanzig Jahren seit dem Mauerfall zur „realen Herausforderung“ der These geworden, mit dem Triumph des westlichen Liberalismus sei die Geschichte an ihr Ende gekommen: „Indem China sich von einem Waisen des Weltsystems zu einem wichtigen Mitspieler entwickelt hat, hat es die Welt dazu gebracht, sich am Kopf zu kratzen und ihre Sicht zu überdenken.“ Inzwischen sei klar, dass China seinen „eigenen Weg“ in die Moderne finden müsse, denn alle Vorbilder, denen es bisher gefolgt sei, hätten ihre Schwächen erwiesen. „Der Anfang einer neuen Geschichte“ ist der ungezeichnete Leitartikel überschrieben.

Die Abstraktheit des geschichtsphilosophischen Blickwinkels kommt souverän daher, aber eine andere Sprache spricht der Umstand, dass der Preis nicht genannt wird, den das Land für das Einnehmen dieser Vogelperspektive zahlen soll: Kontrolle und Zensur. Auch Chinesen, die die Meinung teilen, dass ihr Land seinen eigenen, nicht unbedingt westlichen Weg gehen müsse, sehen oft keineswegs ein, dass deswegen die Meinungsfreiheit und andere selbstverständliche Rechte auf Dauer beschränkt werden. So war es bezeichnend, dass die vielen Chinesen, die das Berliner Internetprojekt „berlintwitterwall“ zu ihrer Sache machten - von 3300 Kommentaren waren binnen weniger Tage 1500 auf Chinesisch -, den Einsturz der „Great Firewall“ forderten, wie in China das System der staatlichen Websitesperrung genannt wird: „Die Freiheit gehört dem Volk, strengt euch an beim Umstoßen der Mauer“, hieß es in einem Eintrag. Nicht weniger bezeichnend war es, dass diese Twitter-Seite kurz darauf in China gesperrt war.

Mut, Glauben, Gewaltlosigkeit

Schon an den staatlichen Restriktionen merkt man, wie populär die ekstatischen Berliner Tage bei vielen Chinesen bis heute sind. Vor drei Jahren siedelte der Regisseur Lou Ye die erotische, im Epochenjahr 1989 spielende Geschichte seines Films „Summer Palace“ sowohl in Peking als auch in Berlin an; er bekam fünf Jahre Berufsverbot dafür. Und ein Interview mit Rainer Eppelmann, das die Wochenzeitung „Nandu Zhoukan“ aus Kanton jetzt bringt, zeugt von einer so großen Fähigkeit, sich in die deutsche Lage vor zwanzig Jahren hineinzuversetzen, dass man fast denken könnte, es gehe um die chinesische Gegenwart. „Was braucht eine Bürgerbewegung am meisten, Mut, Glauben oder Gewaltlosigkeit?“, lautet eine der Fragen („Gewaltlosigkeit“, antwortet Eppelmann), und eine andere: „Hätten Sie vor dem Mauerfall gedacht, dass das Morgenlicht so schnell kommen würde?“ („Nein.“)

Der Künstler Ai Weiwei meint freilich, der Fall der Berliner Mauer habe für das heutige China nur eine geringe, allenfalls symbolische Bedeutung. Der Staat sei stärker und mächtiger geworden, aber die Gesellschaft habe jetzt weniger Energie als noch vor zehn Jahren, sagte Ai dieser Zeitung. China sei dabei gescheitert, sich eine eigene ideelle Grundlage zu schaffen. Schon lange vor der Gründung der Volksrepublik habe sich das Land Wissenschaft und Demokratie aneignen wollen, das sei auch das Ziel der Kommunistischen Partei gewesen, aber heute dürfe darüber nicht mehr gesprochen werden. „Wir haben großen Respekt“, sagt Ai Weiwei, „aber wir empfinden auch große Trauer.“

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