24.11.2009 · Mein harter Zusammenprall mit der Sanften Revolution: Die Berliner Mauer war offen, aber in Bratislava zeigte das Fernsehen die Hohe Tatra und Kurorte. Der Autor Michal Hvorecký erinnert sich an den November 1989.
Von Michal HvoreckýIm November 1989 war ich zwölf Jahre alt, und von Politik hatte ich, ähnlich wie die meisten tschechoslowakischen kommunistischen Parteibonzen, überhaupt keine Ahnung. Ich besuchte das Gymnasium auf der Straße der Roten Armee in Bratislava. Unsere Klasse war ein Ausbildungsexperiment – das nach einem Pädophilie-Skandal um den Gründer erbärmlich scheiterte. Ein heikler Fall, den die ŠtB – unsere Version der Stasi – komplett unter den Teppich gekehrt hatte. Sexuellen Missbrauch gab es offiziell im real existierenden Sozialismus nicht.
Die Berliner Mauer war schon ein paar Tage offen, aber das wusste ein Bratislaver Bürger nur aus den österreichischen Nachrichten. In unseren Medien herrschte eine Herbstidylle, die Politik war fast gänzlich aus Fernsehen und Radio verschwunden. Die Welt änderte sich auch im Ostblock so schnell, dass wahrscheinlich keiner in der Redaktion der parteitreuen Abendnachrichten wusste, was man eigentlich senden durfte und was nicht. Deswegen liefen ständig Dokumentationen über die Hohe Tatra und verschiedene slowakische Kurorte. Oft, wenn Gorbatschow aus Moskau sprach, sah ich auf dem Bildschirm nur den schwarzweißen Schriftzug: „Sendestörung – wir bitten um Geduld“.
Wer den ORF nicht empfangen konnte, geduldete sich und wusste nichts von der Zeltstadt vor der Deutschen Botschaft in Prag oder von den Tausenden, die über die ČSSR und Ungarn nach Österreich flohen. Meine Heimat lag ruhig und vergessen zwischen Freiheit und Diktatur. Doch viele kannten inzwischen das Gefühl, am Montagmorgen auf Arbeit wieder einen Kollegen weniger anzutreffen. Auch mein Cousin lebte bereits im Notaufnahmelager Traiskirchen.
Parteiblätter im Altpapier
Über Politik sprach man in meiner Schule genauso wie heute, wenn der slowakische Premierminister Robert Fico – der nach seinen eigenen Worten die Wende gar nicht bemerkt hatte – eine Schulklasse besucht, also hinter verschlossenen Türen und ohne Zeugen. Aber zum Glück gab es auch Ausnahmen. Meine Mutter hat vor kurzem einen Brief von mir entdeckt, von einem Schulausflug 1988, in dem ich meine Lieblingslehrerin Frau Čížková zitierte: „Michal wird erst dann Ordnung in seinen Sachen haben, wenn in der Tschechoslowakei der Kommunismus herrscht, und das wird nie passieren.“ Diese Dame sprach ganz offen mit uns, jeden Tag, sie hatte alles an russischer Literatur gelesen und wusste auch, wie man den Schülern den Stoff am besten vermittelte, doch die pflichtgemäß abonnierten sowjetischen Parteiblätter landeten bei ihr sofort im Altpapier.
Ich liebte damals Science-Fiction-Romane und ging gern zu den ersten inoffiziellen Demonstrationen auf dem Platz des Slowakischen Nationalaufstands, weil dort die Redner reichlich phantasierten – angeblich würden wir in fünf Jahren Österreich überholt haben! In der offiziellen Geschichtsschreibung hat die Sanfte Revolution am 17. November in Prag begonnen, wo eine Demonstration zur Erinnerung an den Studenten Jan Opletal, der genau fünfzig Jahre zuvor von den deutschen Besatzungstruppen erschossen worden war, zum Fanal wurde. Aber erste Proteste gab es bereits am späten Nachmittag des 16. November in Bratislava. Voll Erstaunen sah ich die Gruppe von ungefähr zweihundert Studenten – im Prinzip die komplette alternative Szene der Donaumetropole –, die ihren stillen Marsch durch die Altstadt vor der Parteizentrale beendete. Der schockierte greise Apparatschik Gejza Šlapka wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Im spontanen Gespräch mit den zwei Generationen jüngeren Menschen drohte er erst mit harten Sanktionen, nur um im gleichen Atemzug neue Studentenwohnheime zu versprechen.
Alles änderte sich - nur die Verkehrsregeln nicht
Die November-Demos verfolgte ich unter großen Schmerzen, denn ich hatte, kurz nachdem sie begonnen hatten, meinen ersten und hoffentlich auch letzten Autounfall. Alles änderte sich damals so radikal – und ich war der Meinung, dass auch die alten Verkehrsregeln nicht mehr galten und ich die Straße direkt vor einem Bus überqueren könnte. Dass ich mich irrte, verstand ich sofort, als mich die harte Kofferraumklappe eines Škoda 120 erwischte (die bei diesem Modell vorn war). Das Auto fuhr nur ungefähr dreißig Stundenkilometer, aber der Aufprall beförderte mich auf den Gehsteig. Wahrscheinlich stand ich unter Schock, denn meine Beine zappelten wie beim Boogie-Woogie.
Eine Weile lang benahm ich mich vollkommen idiotisch und beruhigte die erschrockenen Zuschauer, dass eigentlich nichts passiert und ich völlig in Ordnung sei. Krampfhaft umklammerte ich meine Knie, die vibrierten, als gehörten sie gar nicht zu mir. Einige Augenzeugen starrten schockiert auf meine Brust, also guckte ich auch dorthin. Ich blutete wie ein Monster in einem trashigen B-Movie, aber wie es in diesem Genre nun mal oft so ist: Um die Oberfläche stand es bedrohlicher als um die Substanz – nur mein Kinn war geschickt abgeschnitten worden.
Heimkehr in Bandagen
Der Mann, der mich überfahren hatte, war ein sehr sympathischer Typ, ein unglaublich netter Kerl. Zusammen mit seinem Kollegen brachte er mich ins Krankenhaus, wo mich die Ärzte mit heißer Nadel zusammennähten und dann mit kleinen Hämmerchen auf meinen Gliedmaßen herumklopften. Mitten in der Nacht durfte ich wieder nach Hause gehen. Die beiden Männer begleiteten mich bis zu unserer Wohnungstür: sie in langen Mänteln und ich bandagiert dazwischen – das Bild eines von zwei Geheimagenten zusammengeschlagenen Demonstranten.
Meine Mutter hatte seit ein paar Tagen schon eine erneute militärische Intervention durch die Sowjets befürchtet. Es gab damals viele kleine Hinweise auf so etwas. Vor allem der gefürchtete Parteiveteran Vasil Bilak wollte Volksmilizen mobilisieren und nach Prag schicken, und er verkündete: „Nur die Armee kriegt das Ganze wieder hin!“ Im August 1968 war er einer der Initiatoren des Einmarsches der Warschauer Vertragsstaaten gewesen.
Das bizarre Trio vor der Tür
Als meine Mutter nun das bizarre Trio vor der Tür stehen sah, wurde sie kreidebleich. „Was ist denn passiert?“, fragte sie verängstigt. „Ein Autounfall“, antwortete der Mann. „Sonst nichts? Das ist ja wunderbar!“, sagte sie. Wie bitte? Warum „wunderbar“? Ich verstand überhaupt nichts mehr. Ich hatte Mitleid erwartet, Geschenke und vielleicht auch extra Taschengeld.
Die sowjetischen Panzer kamen dann doch nicht. Nach Großdemonstrationen im ganzen Land, die auch von Polizeieinsätzen nicht mehr verhindert werden konnten, traten am 24. November 1989 das Präsidium und das Sekretariat der Kommunistischen Partei zurück. Am 29. Dezember wurde der Vorsitzende des unabhängigen Bürgerforums, Václav Havel, einstimmig zum neuen tschechoslowakischen Staatspräsidenten gewählt.
Die Narbe von damals am Kinn habe ich bis heute. Auch zwanzig Jahre später schmerzt sie noch ab und zu.