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Allensbach-Analyse Auch die „Mauer in den Köpfen“ fällt

 ·  Mit großem Aufwand wurde in den vergangenen Wochen der Ereignisse vor 20 Jahren gedacht, als das SED-Regime die Grenzen öffnete und schließlich zusammenbrach. Die mediale Erinnerung an die Zustände und Ereignisse vor dem Mauerfall hat die Neigung, den Alltag der DDR zu verklären, gebremst.

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Mit großem Aufwand wurde des Mauerfalls vor 20 Jahren gedacht. Feierstunden, Fernsehdokumentationen und Buchveröffentlichungen erinnerten die Deutschen an die Tage, an denen das SED-Regime unter dem Druck der eigenen Bevölkerung die Grenzen öffnete und schließlich zusammenbrach.

Wie aufgewühlt die Menschen damals waren, zeigt das Ergebnis einer Allensbacher Umfrage vom Dezember 1989. Die Frage an die westdeutsche Bevölkerung lautete: „Sind Ihnen irgendwann in den letzten Wochen bei allem, was sich in Deutschland zugetragen hat, die Tränen gekommen?“ 44 Prozent antworteten mit Ja.

Warum haben eigentlich so viele gejubelt?

Das 20-Jahre-Jubiläum ist Anlass genug, jene Atmosphäre in Erinnerung zu rufen, und damit auch das, was in den historischen Tagen in der DDR überwunden wurde. Untersucht man nämlich heute mit den Methoden der Umfrageforschung das Geschichtsbild der Deutschen, den Blick vieler Bürger auf die DDR, dann drängt sich einem die Frage auf, warum damals eigentlich so viele Menschen gejubelt haben.

Die meisten Deutschen sind dankbar für die deutsche Einheit. Auf die Frage „Ist die deutsche Wiedervereinigung für Sie eher Anlass zur Freude oder eher zur Sorge?“ antworteten in den letzten zwanzig Jahren stets deutliche Mehrheiten, für sie sei die Vereinigung ein Anlass zur Freude. Zurzeit stimmen 63 Prozent dieser Aussage zu, 61 Prozent in den alten, 71 Prozent in den neuen Bundesländern. Nur bei 17 Prozent überwiegt die Sorge, im Westen sind es 18 Prozent, im Osten 15 Prozent.

Auch die Frage, ob das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands gelingt, wird überwiegend optimistisch beantwortet: 68 Prozent der Bürger in den alten Bundesländern und 51 Prozent in der ehemaligen DDR sagen heute, sie glaubten, dass das Zusammenwachsen Deutschlands gelingt. 20 Prozent im Westen und 34 Prozent im Osten widersprechen ausdrücklich.

„Bürger zweiter Klasse“?

Die Mehrheiten sind immerhin eindeutig. Der westdeutsche Wert ist sogar der positivste seit dem Jahr 1993, als die Frage zum ersten Mal gestellt wurde. Die „Mauer in den Köpfen“ spielt anscheinend im Alltag eine geringere Rolle als noch in den neunziger Jahren. Das zeigt auch das Ergebnis der Frage „Man hört und liest ja manchmal, dass die Ostdeutschen sich öfter als Bürger zweiter Klasse fühlen. Wie geht es Ihnen: Haben Sie auch das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, oder würden Sie das nicht sagen?“ 35 Prozent der Ostdeutschen sagen heute, sie fühlten sich als „Bürger zweiter Klasse“. Im Jahr 2002 waren es noch 57 Prozent.

Während im deutsch-deutschen Verhältnis seit Jahren eine Entspannung zu beobachten ist, wenn diese auch langsam vorangeht und Schwankungen unterworfen ist, gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen, wenn es um die Bewertung der DDR geht. Dabei hat sich das Bild der zweiten deutschen Diktatur in den neuen Bundesländern in einer Weise ins Positive verschoben, der man mit dem Begriff „Ostalgie“ allein nicht gerecht wird. Die Verklärung der Vergangenheit durch Ausblenden der unangenehmen Erinnerungen kann die Entwicklung nur in einem gewissen Grade erklären. Darüber hinaus werden fundamentale Unterschiede in der Beurteilung demokratischer Grundsätze sichtbar.

„Ostalgie“ blendet Tatsachen aus

Als Nostalgie lässt sich vielleicht noch einordnen, dass heute mehr als drei Viertel der Ostdeutschen, 78 Prozent, der Aussage zustimmen: „In der DDR haben die Menschen besser zusammengehalten, der Umgang miteinander war menschlicher, als es heute der Fall ist“, wobei bemerkenswert ist, dass auch 54 Prozent der Bevölkerung unter dreißig Jahren in den neuen Bundesländern diese Meinung vertreten, die die DDR kaum noch aus eigener Anschauung kennt.

Man erkennt, in welchem Maße solche Ansichten von Generation zu Generation weitergereicht werden. In die gleiche Kategorie fallen die Ergebnisse der Frage: „Gab es in der DDR Dinge, die besser waren als in der Bundesrepublik, oder würden Sie das nicht sagen?“ 76 Prozent der Ostdeutschen antworteten, es habe solche Dinge gegeben. Auf die Nachfrage, woran sie dabei dächten, antworteten 32 Prozent, es habe in der DDR weniger und keine Arbeitslosigkeit und eine größere Arbeitsplatzsicherheit gegeben, 26 Prozent verwiesen auf das angeblich bessere Schulsystem, 25 Prozent auf die Kinderbetreuungseinrichtungen. 21 Prozent sagten, es habe in der DDR ein besseres Sozialsystem oder gar keine Armut gegeben.

Verklärung der DDR

Hier ist sicherlich der Ausdruck „Ostalgie“ angebracht. Nicht, dass diese Aussagen in jeder Hinsicht falsch sein müssen, doch sie blenden offensichtlich die Tatsache aus, dass das Regime unliebsamen Bürgern den Zugang zu Beruf und Bildungschancen verwehrte, Kinder und Jugendliche in den Ausbildungsstätten massiv indoktrinierte und dass allgemein ein äußerst niedriger Wohlstand und oft schlechte Arbeitsbedingungen herrschten. Das Gleiche gilt bei der vorher beschriebenen Frage für die Atmosphäre der Unsicherheit und des allgemeinen Misstrauens, die, wie die Allensbacher Umfragen aus der unmittelbaren Nachwendezeit deutlich zeigen, in der DDR ebenso vorhanden war wie in anderen Diktaturen.

Dass die Verklärung der DDR über bloße Nostalgie hinausgeht, zeigt sich an den Antworten auf Fragen zum Rechtsstaat, etwa wenn zwei Argumente gegeneinander gehalten wurden. Das erste lautete: „Natürlich hatte die DDR auch ihre schlechten Seiten. Aber wenn man sich an die Regeln hielt, konnte man dort ganz gut leben. Für mich hat in der DDR keine Willkür geherrscht.“ Die Gegenposition lautete: „Sicher gab es Menschen, die sich in der DDR wohl gefühlt haben. Aber das ändert nichts daran, dass die DDR eine Diktatur war, bei der man vor willkürlichen Übergriffen des Staates nicht sicher sein konnte.“ 83 Prozent der Befragten in der alten Bundesrepublik stimmen der zweiten, nur 6 Prozent der ersten Meinung zu. Ganz anders das Antwortverhalten in den neuen Bundesländern: Hier sagen 47 Prozent, für sie habe in der DDR keine Willkür geherrscht. Lediglich 36 Prozent widersprechen.

Nicht viel weniger deutlich fallen die Antworten auf die Frage „Würden Sie sagen, die DDR war ein Rechtsstaat, oder würden Sie das nicht sagen?“ aus: 75 Prozent der Westdeutschen, aber nur 37 Prozent der Ostdeutschen sagen heute, die DDR sei kein Rechtsstaat gewesen. 13 Prozent in den alten wie auch in den neuen Bundesländern bezeichnen sie ausdrücklich als Rechtsstaat. Unentschieden sind im Westen 12 Prozent, im Osten dagegen die Mehrheit von 50 Prozent.

Vorzüge von Demokratie und Freiheit vermitteln

Bemerkenswert sind die Antworten der jungen Generation unter dreißig Jahren in Ostdeutschland: 66 Prozent sind sich nicht sicher, ob die DDR ein Rechtsstaat gewesen sei oder nicht. Das Beispiel bestätigt einen Befund der Demokratieforschung: Es wird oft angenommen, die Vorzüge von Demokratie und Freiheit seien so offensichtlich, dass sie den Menschen nicht erklärt, nicht aktiv nahegebracht werden müssten. Doch diese Annahme ist falsch. Es ist die zentrale Aufgabe der politischen Bildung, den Unterschied zwischen Rechtsstaatlichkeit und Willkür zu vermitteln. Geschieht dies nicht, fehlt den Bürgern die Orientierung. Angesichts der Umfrageergebnisse ist es nicht übertrieben festzustellen, dass auf diesem Gebiet in den letzten Jahren wenig Erfolge erzielt worden sind.

Allerdings deuten die Umfrageergebnisse auch darauf hin, dass die starke Beschäftigung mit dem Thema in den Medien zum 20-Jahre-Jubiläum des Mauerfalls dem Vergessen und der Verklärung der DDR etwas entgegengewirkt hat. Die Interviewer überreichten den Befragten Kärtchen, auf denen Aussagen über die DDR standen. Die Frage dazu lautete: „Hier auf diesen Karten steht einiges, was uns Leute über die frühere DDR erzählt haben. Wenn Sie einmal danach gehen, was Sie selbst erlebt oder darüber gehört haben: Bei was davon würden Sie sagen, das stimmt, genau so war es?“ Im Januar 1992, als diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, sagten 54 Prozent der Befragten in den neuen Bundesländern, man habe sich in der DDR „unfrei und gefangen“ gefühlt.

Im Juni dieses Jahres - 2009 - gaben noch 37 Prozent diese Antwort, heute ist es mit 57 Prozent wieder mehr als die Hälfte. Der Aussage „Man hat sich bespitzelt gefühlt, man konnte kaum jemandem trauen“ stimmten 1992 43 Prozent der Ostdeutschen zu, im Frühjahr dieses Jahres 30 Prozent, heute 39 Prozent. „Es war quälend, so viel Unrecht mit ansehen und geschehen lassen zu müssen, ohne etwas tun zu können“ meinten 1992 34 Prozent, vor einem halben Jahr 23 Prozent, heute sind es 32 Prozent.

Die Erinnerung an die tatsächlichen Geschehnisse und die Präsentation von Dokumenten sind nicht ohne Folgen geblieben. Vermutlich wird diese Wirkung nur von Dauer sein, wenn die Auseinandersetzung mit dem Thema über die Jubiläumsfeiern hinaus langfristig fortgeführt wird. Für die Bevölkerung wäre das eine unerfreuliche Nachricht. Auf die Frage „Neulich sagte uns jemand: ,Man sollte einen Schlussstrich unter die DDR-Vergangenheit ziehen' - sehen Sie das auch so, oder sehen Sie das nicht so?“ antworten 50 Prozent der Befragten in Ost und 52 Prozent in West: „Das sehe ich auch so.“ Doch angesichts der Umfrageergebnisse gewinnt man den Eindruck, als habe die Vergangenheitsbewältigung, deren viele Deutsche schon jetzt überdrüssig sind, tatsächlich noch gar nicht richtig begonnen.

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