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Peter Smits, Vorstandschef der ABB AG „Deutschland braucht Stromautobahnen“

20.04.2008 ·  Energieeffizienz heißt das Zauberwort, um das Klima zu retten und die Produktionskosten zu senken. Der Elektrokonzern ABB stellt Geräte her, die Strom verbrauchen. Macht das heutzutage noch Spaß? Georg Giersberg hat anlässlich der Hannover Messe mit Konzernchef Smits gesprochen.

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Energieeffizienz heißt das Zauberwort, um das Klima zu retten und die Produktionskosten zu senken. Der Elektrokonzern ABB bietet Techniken und Geräte für alle Stufen des Stroms an. Georg Giersberg hat anlässlich der Hannover Messe mit dem Konzernchef Peter Smits gesprochen.

Herr Smits, wir müssen weltweit Energie einsparen. Macht es da Spaß, einen Elektrokonzern zu führen, der Geräte herstellt, die Strom verbrauchen?

Ja. Die Herausforderungen waren selten größer. Es hat sich langsam herumgesprochen, dass wir unseren Wohlstand nicht dadurch mehren, dass wir weniger Technik einsetzen. Wir erhalten unseren Wohlstand nur und erhöhen den der Dritten Welt, indem wir die Energie effizienter einsetzen als bisher. Und da spielt die Elektrotechnik die entscheidende Rolle. Für das Fach haben sich jahrelang nur wenige interessiert. Heute bekommen wir nicht genug Ingenieure.

Video: Messe Hannover startet

Wie viele Ingenieure würden Sie denn einstellen?

Ich würde heute auf der Stelle mehr als 400 Ingenieure einstellen.

Woran mangelt es? Warum gibt es zu wenige Ingenieure?

Es fehlt die Begeisterung für Technik und das Bewusstsein dafür, dass primär Ingenieure die Probleme unserer Gesellschaft lösen. Zum Beispiel den Klimaschutz. Das ist eines der drängendsten, wenn nicht das drängendste Problem unserer Zeit. Das können wir ohne Ingenieure nicht lösen.

Was müssen die Ingenieure denn entwickeln?

Die haben schon viel entwickelt. Den größten Beitrag zum Klimaschutz können wir durch einen effizienten Einsatz von Energie leisten. Heute kommen von 100 Prozent eingesetzter Primärenergie nur 20 Prozent beim Verbraucher an. Der Rest geht bei der Umwandlung im Kraftwerk, beim Transport und bei der Anwendung verloren. Mit heute vorhandenen technischen Lösungen lässt sich der Anteil der Ausbeute von 20 auf 40 Prozent der eingesetzten Primärenergie erhöhen durch bessere Leittechnik im Kraftwerk, durch bessere Übertragungsnetze und durch effizienteren Energieeinsatz im Industrie-, aber auch im Privatbereich.

Der Privatbereich spielt da doch keine große Rolle?

Doch. Im Privathaushalt kann der Stromverbrauch um 50 Prozent reduziert werden durch Verbindung haustechnischer Insellösungen. Was man durch Sonneneinstrahlung aufwärmt, muss nicht beheizt werden. Wo man Licht reinlässt, braucht man keinen Strom. Wenn man also Heizung, Strom, Jalousien und Fenster miteinander verbindet . . .

. . . dann stolpert man über tausend Kabel im Haus.

Nein. Heute kommt im Gebäude zunehmend eine intelligente Bustechnik zum Einsatz, der Standard heißt KNX. Darüber hinaus kann man immer mehr per Funktechnik verbinden. Daher lässt sich heute Energieeffizienz auch in bestehenden Häusern ohne große Bauarbeiten realisieren.

Diese Technik haben Sie auf der Frankfurter Messe Light & Building gezeigt. Ist sie von den Handwerkern denn angenommen worden?

Die vor wenigen Tagen zu Ende gegangene Light & Building war sowohl für die Fachbesucher als auch für einen Aussteller wie ABB ein Erfolg. Wir konnten den Besuchern hautnah zeigen, wie man mit Gebäudetechnik Energie spart und zugleich Komfort und Sicherheit im Haus erhöht. Außerdem sind wir in Frankfurt darin bestätigt worden, dass die Akzeptanz für intelligente Gebäudesystemtechnik auch mit einem ansprechenden Gerätedesign erhöht werden kann.

Hier in Hannover geht es in den kommenden Tagen um Energieeffizienz bei den Erzeugern und den industriellen Abnehmern.

Der große Vorteil der Hannover Messe ist, dass man sich nicht nur den erneuerbaren Energien widmet, sondern als einzige Messe weltweit Techniken für den Einsatz alle Primärenergien zeigt und für den Energietransport und den Einsatz von Energie beim Endabnehmer, vor allem der Industrie.

Aber ABB baut doch gar keine Kraftwerke mehr?

Das ist richtig. Aus dem Bau schlüsselfertiger Anlagen haben wir uns zurückgezogen. Aber in der Kraftwerksleittechnik, sozusagen dem Gehirn des Kraftwerks, sind wir der führende Anbieter der Welt. Und beim Transport von Strom sind wir ebenfalls führend.

Wenn aber in Deutschland die Netze von den Erzeugern getrennt und in einer einzigen Netz AG zusammengeführt werden, ist dieser Markt doch kaum noch vorhanden bei einem Monopolnachfrager?

Ganz im Gegenteil. Deutschland wird gerade für Netze ein spannender Markt. Die Menschen beginnen ja gerade erst zu realisieren, dass es nicht ausreicht, regenerativen Strom zu erzeugen, beispielsweise über die vielen geplanten Windkraftanlagen in der Nordsee. Der Strom muss von dort auch zum Verbraucher gebracht werden.

Wir haben doch ein gutes Netz, reicht das nicht aus?

Nein. Das deutsche Stromnetz ist einst gebaut worden, um von einem Kraftwerk den Strom lokal zu verteilen. Dann kam Ende der neunziger Jahre die Deregulierung. Die Netze wurden also verknüpft und mussten größere Mengen über weite Strecken durchleiten. Jetzt kommt mit den Offshore-Windparks eine neue Herausforderung hinzu. Es muss nicht nur der Strom von den teilweise mehr als 100 Kilometer vor der Küste liegenden Anlagen an Land geleitet werden. Er muss auch von der Küste zu den Verbrauchern geleitet werden, die zumeist in Süddeutschland sind. Als Drittes kommt hinzu, dass neue Kohlekraftwerke aus Transportgründen (für die Kohle) am Meer oder an Flüssen gebaut werden, also auch nicht in der Nähe der Abnehmer.

Das heißt . . .

. . . wir müssen das deutsche und auch das europäische Stromnetz ausbauen.

Also bekommt jede Überlandleitung eine parallel verlaufende Leitung dazu?

Nein. Wir müssen analog zum Autoverkehr Stromautobahnen bauen. Wie bisher nur Wechselstromleitungen. Für lange Strecken sind aber Gleichstromleitungen eine gute Alternative.

Wir bräuchten also mehr Gleichstromleitungen in Europa?

Das ist eine Option.

Gibt es denn die Technik dafür?

Ja. Im Ausland werden die Leitungen längst gebaut. Beispielsweise in Brasilien oder in China. Vom Drei-Schluchten-Staudamm nach Schanghai wird alles von der Hochspannungs-Gleichstromübertragung, der sogenannten HGÜ-Technik, erledigt. Aber auch in Europa kommt sie schon zum Einsatz. ABB ist dabei, eine solche Leitung über knapp 600 Kilometer von Norwegen nach Holland zu verlegen.

Seit wann gibt es diese Technik?

Die HGÜ-Technik ist seit über 50 Jahren erfolgreich im Einsatz. Wir haben sie inzwischen auch weiterentwickelt für kürzere Distanzen. Sie nutzt eine andere Form der Umspanntechnik.

Was kostet der Ausbau des deutschen Netzes?

Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur ergab eine kumulierte Investitionssumme von 13,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020.

Der Ausbau lohnt sich also vor allem für ABB?

Er muss sein, wenn wir bis 2020 die politisch vorgegebenen Ziele erreichen wollen, inzwischen sogar 30 Prozent der Energie aus regenerativen Energien zu bekommen und diese vor allem als Windkraftanlagen in der Nordsee stehen.

Wäre es nicht vielleicht doch besser, Strom zu sparen, statt immer mehr Strom zu transportieren?

Daran arbeitet die Elektroindustrie seit vielen Jahren. Unsere Branche hat auch hier schon die Geräte entwickelt. Sie müssen nur eingesetzt werden.

Wo liegen denn die Stromverschwender?

Das größte Einsparpotential liegt im Antriebsbereich, in all den Elektromotoren, die es in der industriellen Produktion gibt. 90 Prozent aller Elektromotoren arbeiten ohne moderne Antriebstechnik.

Was heißt das?

Das heißt, sie laufen ständig auf Hochtouren, so als würde man ständig mit Vollgas autofahren. Man kann aber auch in der Prozessautomation viel tun, zum Beispiel in der Zementindustrie, wo viel Kraft, also viel Strom gebraucht wird.

Wenn man mit neuen, sogenannten drehzahlgeregelten Motoren so viel Energie einsparen kann, warum tut das denn niemand?

Zum einen scheuen viele Unternehmer und Manager die Investitionen. Es kostet immer erst einmal Geld. Hinzu kommt, dass in den Unternehmen die Investitionen meist von anderen Personen zu rechtfertigen sind als die laufenden Betriebsausgaben.

Wie kann man das ändern?

Die CO2-Diskussion hat hier schon zu einer Änderung im Bewusstsein geführt. Heute wird sogar eine Gasförderplattform in der Nordsee mit Strom aus norwegischer Wasserkraft gespeist - um eine gute Kohlendioxidbilanz vorweisen zu können und keine Verschmutzungszertifikate kaufen zu müssen. Aber immer noch gibt es in weiten Teilen der Wirtschaft ein mangelhaftes Wissen über die Stromsparmöglichkeiten.

Wie kann man das Wissensdefizit beheben?

Zum Beispiel über eine Messe wie die Hannover Messe. Wir zeigen hier unser ganzes Programm zum Klimaschutz.

Aber ABB kennt jeder. Brauchen Sie so eine Messe, um sich zu präsentieren?

Ja. Es gibt für uns drei Gründe, auf der Hannover Messe auszustellen. Zum einen ist sie ein Schaufenster. Hier können wir unsere ganze Angebotspalette zeigen. Zum Zweiten dient die Messe dem Austausch mit Fachleuten. Und drittens werben wir auf der Messe mit unseren Produkten für die Ingenieurwissenschaften.

Was gibt es Neues auf der Hannover Messe?

Wir zeigen auf der Messe viele Weiterentwicklungen in der Energie- und Automationstechnik. Die Technologien sind nicht alle neu, viele haben wir schon lange. Aber in Hannover wird man sehen können, was heute alles marktreif und einsatzfähig ist, um kurzfristig schon Teilziele der Energieeinsparung und der Energieeffizienz zu erreichen. Hannover wird zeigen, dass die Industrie viel weiter ist, als viele meinen. Jetzt muss die Technik nur angewandt werden.

Die Fragen stellte Georg Giersberg.

Quelle: F.A.Z.
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