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Old Economy Die Reindustrialisierung Deutschlands

22.04.2008 ·  Es ist Hannover Messe und Deutschland blickt auf den Industrie-Boom: Andere Länder ächzen unter der Finanzkrise - Deutschland schlägt sich wacker. Ausgerechnet mit Old Economy. Die Rufe nach mehr Dienstleistungen verstummen. Das neue Zauberwort: Reindustrialisierung.

Von Lisa Nienhaus und Christian Siedenbiedel
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„Wir spüren nichts von der Finanzkrise, gar nichts“, sagt Hans-Jochen Beilke. „Außer dass die Banker jetzt alle etwas geknickt herumlaufen.“ Beilke ist Vorsitzender der Geschäftsführung der EBM Papst, die 9800 Mitarbeiter hat, davon mehr als 5000 hierzulande.

EBM Papst ist ein typisch deutsches Unternehmen: Es ist unbekannt, provinziell und Weltmarktführer. Man baut Ventilatoren. „Wir wachsen, und unsere Auftragslage ist sehr gut“, sagt Beilke. Für das Geschäftsjahr 2008/2009, das gerade beginnt, erwartet er ein Wachstum von 6,5 Prozent. Außerdem will das Unternehmen 1000 Menschen einstellen, 500 davon in Deutschland. Im Juni wird ein neues Werk im kleinen Mulfingen nahe Heilbronn eröffnet, wo EBM-Papst größter Arbeitgeber ist.

Es ist fast schon unheimlich

Ein Einzelfall in Zeiten weltweiter Krisenstimmung? Keinesfalls. Im deutschen Maschinenbau läuft es hervorragend. Die Finanzkrise, die Amerika in eine Rezession gestürzt hat und nun auch die britische und spanische Konjunktur bedroht, hat der deutschen Industrie bisher wenig anhaben zu können. Bei der Hannover Messe, der größten Leitmesse der Branche, herrscht beste Stimmung. Kein Umsatzeinbruch, keine Finanzierungsprobleme: „Wir spüren nicht, dass Banken sich mit Krediten zurückhalten“, sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des Maschinenbauverbands VDMA.

Bundeskanzlerin Merkel eröffnete die größte Industrieschau der Welt. Die Messe gilt international als führende Plattform für neue technologische Entwicklungen. Partnerland ist dieses Jahr Japan.

Seit 2004 befindet sich die Branche auf Wachstumskurs. „Einen solchen Boom haben wir seit den Jahren 1967 bis 1970 nicht mehr gesehen“, sagt Wortmann. Da macht es auch wenig, dass die Exporte nach Amerika im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen sind. „Für uns sind viele andere Länder wichtig. Russland, Brasilien, China, Australien, die arabischen Länder.“

Es ist fast schon unheimlich. Der Teil der Wirtschaft, dem man vor zwanzig Jahren den nahenden Tod prophezeite, trägt Deutschland auf einmal sanft durch die Finanzkrisenzeiten: die Industrie. Sie exportiert, sie baut aus, sie stellt ein - und federt watteweich die Einbrüche im Bankensektor ab. Seit ein paar Jahren wächst sogar wieder der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung. „Die Deindustrialisierung in Deutschland ist gestoppt“, sagt Rolf Kroker vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Wir reindustrialisieren sogar wieder. Damit ist Deutschland eine Ausnahme unter den entwickelten Ländern.“ Die Stimmen, die vor wenigen Jahren mahnten, Deutschland müsse den Dienstleistungssektor ausbauen, sind verstummt.

Besonders stark in Ostdeutschland

Besonders stark kommt die Industrie dort wieder, wo sie keiner vermutet hatte: in Ostdeutschland. „Die Unternehmen haben sich in den letzten Jahren umstrukturiert und auf dem Weltmarkt etabliert“, sagt Kroker. „Und jetzt sind auf dem Weltmarkt Investitionsgüter gefragt.“ Der Konjunkturknick in Amerika ist für die deutschen Industrieunternehmen dabei bedenklich, aber nicht katastrophal. Denn die Schwellenländer kaufen kräftig Ausrüstungen, und der hohe Ölpreis führt dazu, dass die Förderländer mehr Geld für Fördertechnik ausgeben. Die Exporte von Deutschland nach Asien, nach Russland, in den Nahen Osten und nach Europa wirken in der Krise stabilisierend.

Eine Dauerlösung ist das nicht. Die anderen Wirtschaftszweige müssen mitziehen, damit das deutsche Krisenwunder von Dauer ist. Da sind viele Forscher weniger zuversichtlich. Ein wenig wurden deshalb zuletzt die Erwartungen an das deutsche Wirtschaftswachstum nach unten korrigiert. Die führenden Forschungsinstitute erwarten für dieses Jahr jetzt nur noch ein Wachstum von 1,8 statt 2,2 Prozent. Aber immerhin.

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern steht Deutschland noch gut da. In Amerika, wo die Krise begann, spricht man von Rezession und Konjunkturprogrammen. In Spanien stürzte der Zusammenbruch der Baubranche die Wirtschaft in eine schwere Krise. Und auch Großbritannien und Italien haben in diesen Tagen viel mehr mit dem Abschwung zu kämpfen als die Bundesrepublik.

Der neue „gesunde Mann Europas“?

Das ist neu: Noch vor fünf Jahren galt Deutschland als „kranker Mann Europas“, wie es der Ökonom Hans-Werner Sinn damals formulierte. Die Wachstumsraten hinkten weit hinter denen anderer Länder her. Was hat sich seither verändert? Sinn selbst führt die Aufholjagd Deutschlands vor allem auf einen „Kurs der Bescheidenheit“ zurück. Die Preise und die Löhne in Deutschland sind in den vergangenen Jahren weniger gestiegen als in vielen anderen europäischen Ländern. „Das hat die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Arbeitnehmer wieder erheblich gestärkt“, glaubt Sinn.

Außerdem hat Deutschland Glück gehabt. Meint zumindest Roland Dörn, Konjunkturexperte beim Forschungsinstitut RWI in Essen: „In Deutschland war der Immobilienmarkt seit dem Vereinigungsboom ja praktisch tot.“ Und wo kaum einer in Häuser und Bürogebäude investiert, gibt es keine Immobilienblase - und damit auch keinen Zusammenbruch des Immobilienmarktes wie in Amerika oder in Spanien.

Es drohen „Spannungen“

Deutschland steht innerhalb Europas sogar so gut da, dass es zum Krach mit den anderen Euro-Ländern kommen könnte. Sagt Ulrich Blum, der Präsident des Forschungsinstituts IWH in Halle. Seit die Europäer nämlich eine gemeinsame Währung haben, können sie die Zinsen nur gemeinsam anheben oder senken. Wenn die anderen Länder die Zinsen senken wollten, weil es ihrer Wirtschaft schlechtgeht, die Deutschen aber nicht, weil es ihrer gutgeht - dann drohen „Spannungen“, sagt Blum.

In der Krise kommt Deutschland offenbar auch eine Eigenschaft zugute, die für einen kräftigen Aufschwung normalerweise eher hinderlich ist: die vorsichtige Art. „In Deutschland wird viel weniger über Kredite finanziert als etwa in Amerika“, sagt Christian Dreger, Konjunkturexperte beim Forschungsinstitut DIW in Berlin. Das gelte sowohl für Privatleute als auch für Firmen. „Weil die Investitionen in Deutschland zu größeren Teilen aus Eigenkapital finanziert werden, brechen sie in der Finanzkrise nicht so stark ein.“

Also alles bestens? Jein. Denn auch wenn die Forscher der Wirtschaft eine erstaunliche Robustheit attestieren. Zum Jubeln finden sie keinen Anlass. Denn die Risiken sind noch nicht gebändigt. Wer weiß schon, wie viel Geld die Banken in ihren Kassen finden, um Investitionen zu finanzieren? Wer weiß, welche Spätfolgen die Finanzkrise zeigen wird?

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