21.04.2008 · Der deutsche Maschinenbau will in diesem Jahr 30.000 neue Jobs schaffen - bislang war nur von 10.000 die Rede. Die Unternehmen haben trotz aller Widrigkeiten in einem umkämpften Weltmarkt ihre Position sogar noch ausgebaut.
Von Rüdiger KöhnDer deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat seine internationale Wettbewerbsposition im vergangenen Jahr gefestigt. Zwar sind die Unternehmen im internationalen Wettrennen unverändert auf dem zweiten Rang. Doch hat sich der Abstand zum eindeutigen Marktführer Vereinigte Staaten verkleinert. Während die Amerikaner einen Rückgang von fast 7 Prozent in der Produktion hinnehmen mussten, legten die Deutschen ein kräftiges Wachstum von fast 14 Prozent hin. Damit sank der weltweite Marktanteil der Vereinigten Staaten von 21 auf 19 Prozent, der der Deutschen stieg von 14 auf 15 Prozent.
Bei diesem Vergleich auf Euro-Basis kommt es natürlich zu Verzerrungen. Denn Wechselkurseffekte spielen eine erhebliche Rolle, nachdem der Dollar gegenüber dem Euro beträchtlich an Wert verloren hat. Dennoch ändert sich nichts an der Tendenz. Die Wechselkursverschiebungen waren zum Teil auch dafür verantwortlich, dass der bislang drittgrößte Maschinenbauer der Welt - Japan - von den Chinesen verdrängt worden ist, wobei ein großer Teil des Wachstums von fast 27 Prozent auch real stattgefunden hat.
Keine Bremsspuren zu erkennen
Nach den bisherigen Erwartungen zu urteilen, dürfte der deutsche Maschinenbau auch in diesem Jahr schneller wachsen als der gesamte Weltmarkt, vor allem aber als die Vereinigten Staaten. Damit wird der Weltmarktanteil weiter steigen. Gegenwärtig sind zumindest keine Bremsspuren zu erkennen; auch nicht im Zusammenhang mit der aktuellen Situation in China. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass deutsche Maschinenbauer unter der gegenwärtigen Unsicherheit leiden würden, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). China ist wegen der Tibet-Politik im Vorfeld der Olympischen Spiele heftig in die Kritik geraten, was zunehmend das Klima zwischen deutschen Firmen und Chinesen zu belasten scheint. VW oder Adidas stehen jedoch eher im Rampenlicht als die kleineren Maschinenbauer, die sich unterhalb des Radars der Öffentlichkeit befinden.
Die aktuellen Weltmarktzahlen belegen die Widerstandskraft der deutschen Unternehmen. Und sie sind eine Erklärung für die andauernde Zuversicht dieser Branche, die in diesem Jahr auf einem bereits hohen Niveau noch einmal um mindestens 5 Prozent wachsen will; zum fünften Mal hintereinander. Manfred Wittenstein, Präsident des VDMA, wird an diesem Montag auf der Pressekonferenz anlässlich der Hannover Messe die Wachstumsprognose noch einmal bestätigen.
Stark steigende Rohstoff- und Materialkosten
Die Bestätigung ist insofern eine wichtige Aussage, als derzeit die Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Erwartungen zurücknehmen. Erst vor wenigen Tagen haben sie im Frühjahrsgutachten das Wachstum für 2008 nur noch mit 1,4 statt der ursprünglich genannten 1,8 Prozent veranschlagt. Das Beibehalten der VDMA-Prognose ist auch deshalb hervorzuheben, weil sich die Rahmenbedingungen seit Herbst letzten Jahres nochmals für eine Branche spürbar verschlechtert haben, die 77 Prozent ihrer Produktion in das Ausland liefert. Dabei ist der drastische Wertverlust der amerikanischen Währung allein jedoch nicht bedrohlich, da nur ein Fünftel der Ausfuhren in Dollar oder an den Dollar gekoppelten Währungen (wie der chinesische Yuan) abgewickelt werden. Schwerer wiegen die stark steigenden Rohstoff- und Materialkosten. Die gestiegenen Stahl- und Edelstahlpreise schlagen voll durch. Doch können die Firmen diese negativen Effekte durch durchschnittlich 2 bis 3 Prozent höhere Preise abfedern.
Zum Dritten aber droht die Finanzkrise auf die reale Wirtschaft durchzuschlagen. Zwar haben die deutschen Maschinenbauer bislang davon nichts gespürt. Doch hängt die Unsicherheit wie ein Damoklesschwert über dieser Industrie. Von mangelndem Vertrauen wird gegenwärtig allerdings wenig gesprochen, bestärkt durch die unvermindert positive Auftragslage in den ersten Monaten des neuen Jahres. Für den VDMA selbst völlig überraschend sind die Aufträge im Februar im Inland um 12 Prozent gestiegen. Aus dem Ausland - Dollar-Verfall hin, schwache amerikanische Wirtschaft und Finanzkrise her - kamen 7 Prozent mehr herein. Hinter vorgehaltener Hand wird in der Branche darüber gesprochen, dass die Produktion schon für das gesamte Jahr 2008 ausgelastet ist. Die Auftragsbücher sind schon heute so gefüllt, dass sie im Durchschnitt die Beschäftigung der nächsten sieben Monate sichern.
Abkühlung womöglich im nächsten Jahr
Doch wird ein Abbruch der seit fünf Jahren andauernden Dynamik nicht zu verhindern sein. Normalerweise bewegen sich die Auf-und-ab-Zyklen im Maschinenbau in drei, maximal vier Jahren. Die Frage stellt sich, wie stark die Abkühlung ausfallen wird, die womöglich im nächsten Jahr kommt. Angesichts des Rundlaufs hat derzeit niemand eine Antwort. Die Zuversicht dominiert, weil der Aufschwung breit angelegt ist. Zwölf der 28 erfassten Bereiche verzeichneten im Zeitraum Dezember bis Februar zweistellige Zuwachsraten im Bestelleingang, sieben immer noch einstellige Zuwachsraten. Im vergangenen Jahr waren es noch 18 Bereiche, die mit einer zweistelligen Rate wuchsen.
Der Optimismus in einer Branche mit 6000 vor allem kleinen und mittelständischen, meist von Familien geführten Unternehmen scheint nicht an Glanz zu verlieren. Denn sie bauen ihre Produktionskapazitäten unvermindert aus, nachdem sie sich bis vor zwei Jahren wegen der Ungläubigkeit über einen langwierigen Aufschwung mit dem Ausbau der Produktion zurückgehalten hatten. Ergebnis: Die Kapazitäten waren 2007 mit 92 Prozent so hoch ausgelastet wie nie zuvor. Die Branche hat reagiert.
30.000 neue Stellen in diesem Jahr
Im vergangenen Jahr hat sie 50.000 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Mit 935.000 Mitarbeitern ist der Maschinenbau größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. In diesem Jahr - so die ursprüngliche Planung - sollten 10.000 neue Stellen hinzukommen. Nun werden es noch mehr: Die Branche erwartet rund 30.000 neue Stellen
in diesem Jahr. Das teilte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) am Montag in Hannover mitteilte. Hinzu kommen 50.000 Leiharbeiter in den Betrieben. „Der Maschinenbau schwimmt auf einer Erfolgswelle“, resümierte VDMA-Präsident Manfred Wittenstein. Wie die Branche das angesichts der Knappheit an qualifizierten Kräften schafft, ist nicht eindeutig. Einerseits werden Zeitverträge in Festanstellungen umgewandelt. Andererseits schrauben Firmen ihre Ansprüche zurück.