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Zur Ordnung Und führe uns nicht in Versuchung

16.03.2009 ·  Die Finanzkrise hat die Öffentlichkeit die Gier der Banker geißeln lassen. Warum aber spricht niemand von fehlleitenden Bilanzierungs- und Regulierungsvorschriften?

Von Hans D. Barbier
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Wir wissen nicht, ob Banker fromm sind. Aber es ist doch nicht ganz unwahrscheinlich, dass sie als gebildete Leute die Gebetszeile kennen, in der es heißt: „Et ne nos inducas in tentationem!“ Nicht von einem prüfenden Gott, wohl aber von fehlleitenden Bilanzierungsvorschriften und von Teilen der Regulierung sind die Banken und ihnen ähnliche Finanzierer offenbar in die Versuchung geführt worden, Geschäftsmodelle zu betreiben und sich in Volumina zu begeben, in denen ihnen das kapitalistische Gebot des statistischen Ausgleichs von Risiko und Chance aus den Augen geriet.

Zu wissen, in welche Erwartungsfallen die Banken gelaufen sind, wäre wichtig für den Zuschnitt von Reformen, die eine Wiederholung des jetzt zu erleidenden Desasters weniger wahrscheinlich machen. Eine Lösung, die sich in den ersten Tagen der Krise so manchem aufgedrängt hat, fällt aus: Es kann nicht sinnvoll sein, die Einlagen, die Banken annehmen, und die Kredite, die sie aufnehmen, in einen von Gläubigern jederzeit zu inspizierenden Tresor zu legen.Trifft irgendwann in diesem virtuellen Gehäuse ein Habenzins von null auf einen Sollzins von unendlich?

Bis zur Strangulierung

Das aber wäre nicht der Ausweis der paradiesischen Deckung aller Bedürfnisse auf Erden, sondern das Ergebnis einer ins Extrem getriebenen Strangulierung der Kapitalmärkte. Dennoch spielt die gelingende Produktion von Sicherheit eine entscheidende Rolle für die Stabilität der Finanzmärkte. Für die Produktion von kalkulierbarer Sicherheit aber sind - seit sich die Erwartungen der Menschen an Märkten begegnen - die Versicherungen zuständig.

Eine Reform des Finanzmarktes, die für mehr Stabilität durch aktuarisch gestützte Sicherheitserwartungen sorgt, müsste also die Finanzinstitute zur Versicherung der Einlagen der Kunden verpflichten. Und nicht nur dazu. Das in diesen Wochen viel genannte Risiko der „Systemik“ besteht doch darin, dass eine „eigentlich“ nicht gefährdete Bank fällt, wenn eine ihrer gewichtigeren Schuldnerbanken durch Einlagenentzug ins Wanken gerät. Damit das nicht geschieht, wird staatlich „gerettet“, und zwar - wie bei allem, was der Staat in Gelddingen tut - auf Kosten der steuerzahlenden Bürger.

Wer die Kosten kennt, respektiert das Kalkül

Die Banken und vergleichbare Institute müssten also dazu verpflichtet werden, die Einlagen der Kunden und ihre eigenen Interbankverpflichtungen zu versichern. In welchem Maße das letztlich zu Lasten der Kunden oder zu Lasten der Gewinnmargen der Banken geht, hängt von den Marktbedingungen ab. Doch das ist immer so: In einer Marktwirtschaft hängt eben alles von den Marktbedingungen ab. Aber auf welcher Marktseite auch immer die Kosten hängenbleiben: sie würden transparent, sie würden als gewichtige Faktoren die Marktentwicklung steuern, und sie würden eben nicht die Masse der unbeteiligten Steuerzahler treffen, sondern diejenigen, die sich am Markt einen Vorteil von der Kreditbeziehung versprechen, sei es als Kreditgeber oder als Kreditnehmer.

Und mit einem solchen Element der Reform des Bankenmarktes würde nicht nur über die marktgerechte Kostendeckung der dann größeren Sicherheit der Marktbeziehungen entschieden. Der Zwang zur Versicherung der Kundeneinlagen und der Interbankeinlagen würde einen Druck hin zum wieder etwas genaueren Rechnen auslösen. Dieser Druck hat gefehlt, als der Kapitalmarkt seine Blasen getrieben hat - sicherlich aus Gründen, die nicht alle mit dem Abschluss einer Einlagenversicherung zu beseitigen sind. Das Wägen von Chance und Risiko wird offenbar immer dann unscharf, wenn der Weltkapitalmarkt zu einer neuen, schäumenden Welle seiner Expansion ansetzt. Der Blick auf die Versicherungspolice kann da ernüchternd wirken. Die Kosten zu kennen und im Gewinnkalkül zu respektieren, gehört zu den durchaus auch moralischen Grundlagen des Kapitalismus. Et ne nos inducas!

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung

Quelle: F.A.Z.
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