27.07.2009 · Im Schreck des Ausbruchs der Krise war es durchaus verständlich, dass der Staat den Zusammenbruch des Systems dadurch zu vermeiden versuchte, die Großen zu retten. Doch das darf nicht zur Regel werden. Denn sonst leiden bald alle Institute an Größenwahn.
Von Hans D. BarbierIn Ökonomie ausgebildete Ordnungspolitiker können doch so vieles. Können sie uns nicht eine einfache Steuerungsordnung für die private Finanzwirtschaft entwerfen? Einen Steuerungsautomaten, der keine Übersteigerung mehr zulässt, wie wir sie jetzt erlebt haben und nur langsam abebben sehen? Nein, das können sie nicht. Ordnungspolitiker können aus Erfahrung lernen und ein paar Bedingungen formulieren, unter denen es gelingen mag, die Wiederholung von rasenden Fahrten ins Ungleichgewicht zu vermeiden. Mehr können sie nicht. Aber das ist auch schon eine ganze Menge.
Die erste, wenn auch nicht neue Erkenntnis ist die, dass man nicht die Entdeckungsleistung einer Marktwirtschaft haben kann, die mit Unternehmen bestückt ist, deren Strategie von einem Automaten wie am Schnürchen gezogen wird. Man muss nicht Übungen am Hochreck der Methodologie absolvieren, um zu erkennen, dass dies ein Widerspruch in sich wäre. Die Suchleistung der Marktwirtschaft wird durch den Verzicht auf eine zentrale Steuerung ihrer Elemente erreicht. Wer eine Bank oder ein vergleichbares Institut der Finanzwirtschaft führen will, darf sich nicht blind auf eine eherne Regel verlassen wollen. Ein Unternehmen in der Marktwirtschaft führen heißt, im Dienste des Unternehmensziels auf das Unerwartete zu reagieren.
Risiken verschwinden nicht, indem man sie bündelt
Es gibt für das Führen einer Bank nicht „die Führungsgröße“, die sich als Autopilot in wechselnden Marktlagen einsetzen ließe. Aber es gibt aus der Erfahrung dieser Krise doch ein paar Anhaltspunkte für die Gewinnung von mehr Stabilität der Institute und damit des Marktes. Manches klingt simpel. So die Erkenntnis, dass die Verbriefung durchaus ein geeignetes Instrument zur Erweiterung der Finanzierungsbasis aus der Sicht eines einzelnen Institutes ist, dass aber das Finanzierungsvolumen des Marktes allein dadurch noch nicht vergrößert wird und dass Risiken nicht verschwinden, indem man sie bündelt. Diese Wahrheit ist auch nicht durch neue Regeln zu unterlaufen. Aber man kann die Risikoexplosion von Verbriefungen verhindern, wenn man den Banken vorschreibt, auf ihren Wertpapieren anzugeben, was in ihnen an Risiken steckt. Das ist Risikomanagement durch Produktwahrheit und Produktklarheit.
Eine Lehre steckt auch in den Bemühungen der Staaten, koste es, was es wolle, die Großen zu retten, um einen Zusammenbruch des Systems zu vermeiden. Im Schreck des Ausbruchs der Krise ist die Retterei verständlich gewesen. Es gilt aber, daraus eine Lehre zu ziehen. Doch welche? Finanzierungsinstituten, die unter Wettbewerbsbedingungen arbeiten, eine zulässige Maximalgröße vorzuschreiben, kann nicht die Lösung sein.
„Hurra, wir sind zu groß, um mit der Pleite rechnen zu müssen!“
In dem Augenblick, in dem eine staatliche Aufsichtsbehörde auch nur andeutungsweise zu erkennen gibt, ein Institut gerate in ein relatives Marktvolumen, das es „too big to fail“ mache, wird es sogar rasch an Größenwachstum zunehmen. Denn man wird ihm am Markt der Interbankkredite Sonderkonditionen einräumen, weil man sicher sein kann, dass dieses Institut vom Staat herausgepaukt wird, wenn es auch nur in den Dunstkreis des Pleiterisikos gerät. Aus dem Wettbewerbsmarkt würde rasch ein Oligopol derer, die es schnell genug schaffen, mit oder ohne Inserat dem Markt mitzuteilen: „Hurra, wir sind zu groß, um mit der Pleite rechnen zu müssen!“ Das wäre eine Deformation des Kapitalmarktes, der doch nicht zuletzt wegen seiner Unsicherheiten ein Wettbewerbsmarkt sein sollte.
Aus der Krise lernen. Das heißt wohl: Der Autopilot, der den Finanzmarkt wie mit der Schnur gezogen ohne Störungen von Gleichgewicht zu Gleichgewicht im Wachstum der Weltwirtschaft führt, steht nicht zur Verfügung. Das heißt aber auch: Es ist keine Aufgabe minderen Ranges, die von den Ordnungsökonomen sogenannte Stückwerkstechnik in den Dienst von mehr Stabilität zu stellen.