Ist die Delle die Botin einer Rezession? Es wundert nicht, dass der Rückgang des Sozialprodukts im zweiten Quartal dieses Jahres für angespannte Aufmerksamkeit sorgt. Wirtschaftswissenschaftler bieten Deutungen an. Politiker sind in Habachtstellung. Das sollte man nicht als unangemessene Aufgeregtheit abtun. Und auch der Hinweis, von einer Rezession sprächen die Empiriker unter den Ökonomen doch erst dann, wenn in zwei Quartalen hintereinander eine Schrumpfung zu konstatieren sei, ist kein passendes Argument gegen erhöhte Wachsamkeit bei der Beobachtung der Wachstumsrechnung.
Dennoch bleibt es bemerkenswert, wie das kurzfristige Bild der Konjunktur eine fast schon nervös zu nennende Aufmerksamkeit der Politik in ganz anderem Maße auf sich zieht als alles, was mit den für die Wohlfahrt so entscheidenden langfristigen Bestimmungsgrößen des Wachstums zu tun hat. In weiten Kreisen der Politik herrscht eben immer noch die Devise: „Wenn wir die Konjunktur im Griff haben und richtig steuern, dann kommt das Wachstum von selbst.“ John Maynard Keynes hätte das so nicht unterschrieben. Aber er ist nun schon über siebzig Jahre hin der große Verführer der Verheißung einer erfolgreich gegensteuernden Konjunkturpolitik.
Ein Teil des keynesianischen Erbes
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass die Politik schon bei ersten Anzeichen einer konjunkturellen Schwäche wach wird. Und in der Konkurrenz der Expertisen mag es naheliegen, dass jeder, der in Partei, Fraktion oder Regierung als „Wirtschaftspolitiker“ geführt wird, sich gerne als der Ökonom mit der Hand am Hebelwerk der Konjunktursteuerung profilieren möchte. In den Möglichkeiten der Konjunktursteuerung aber überschätzt die Politik ihre Mittel. Das ist ein Teil des keynesianischen Erbes. Die Ausrichtung der Politik auf die kurzfristigen Zyklen der Konjunktur kann - bei einem Missverständnis der Möglichkeiten des Gegensteuerns - auch zur Falle werden. Gute Ökonomen mit einem ausgeprägten Methodenverständnis laufen da nicht hinein.
Es ist auffällig, dass viele Politiker der Glaube an die Steuerbarkeit der Konjunktur nicht davor schützt, Ratschläge der Ökonomie für die Gestaltung eines wohlstandsfördernden und wohlfahrtsstützenden Wachstumsrahmens als „akademisch“ in den Wind zu schlagen. Der Rat, bei jedem Anzeichen von Schwäche gleich ein Konjunkturprogramm aufzulegen, findet jedenfalls eine unvergleichlich höhere Bereitschaft zum - meist fiskalischen - Handeln als eine noch so plausible und gut begründete Anleitung für einen Politikentwurf, der das langfristige Wachstum fördert oder doch zumindest nicht behindert. Kurzfristig mit Steuern zu steuern ist für die Politik offenbar attraktiver als eine langfristig angelegte Strategie zu entwickeln, die die realen Grundlagen des Wachstums sichert: Arbeit und Energie zum Beispiel.
Der Rhythmus von Quartalsdellen ist Stoff für Statistiker
Die wirtschaftspolitische Kapazität, die in einem Land wie Deutschland in Parteien, Parlamenten und Regierungen versammelt ist, sollte groß genug sein, um auf Konjunkturbeobachtung nicht zu verzichten und doch der langfristigen Wachstumsvorsorge - so weit die Politik das kann - die Priorität einzuräumen. Dabei sollte sich die Politik vorrangig auf zwei Aufgaben konzentrieren: das Produktionspotential zu stärken und die Elastizität der Märkte nicht zu behindern.
„The Wealth of Nations“, dessen Grundlagen Adam Smith uns hinterlassen hat, entscheidet sich nicht am statistischen Bild von einem oder zwei aufeinanderfolgenden Quartalen. Wohlstand sichern heißt, sich mit den Realien des Wirtschaftens zu befassen: mit der Arbeit, die ihr Einkommen sucht und findet; mit bezahlbarer Energie, die verlässlich verfügbar ist. Der Rhythmus von Quartalsdellen ist Stoff für Statistiker. Das so zu sehen mindert die Bedeutung einer verlässlichen Konjunkturanalyse nicht. Es geht darum, nervöses Hantieren an allerlei Schrauben zu unterlassen.
