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Zur Ordnung Blindflug über den Zyklus

27.04.2009 ·  Über ein halbes Jahr ist es nun her, dass die Welt erfahren hat, wie labil ihre Finanzsysteme sind. Reformen der Regelwerke wurden in Aussicht gestellt. Aber bisher hat sich, außer den Rettungsaktionen der ersten Schrecksekunde und der Vorbereitung von steuerfinanzierten Bad Banks, wenig getan.

Von Hans D. Barbier
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Über ein halbes Jahr ist es nun her, dass die Welt erfahren hat, wie labil ihre Finanzsysteme sind. Reformen der Regelwerke wurden in Aussicht gestellt. Aber bisher hat sich, außer den Rettungsaktionen der ersten Schrecksekunde und der Vorbereitung von steuerfinanzierten Bad Banks, wenig getan. Auch die Londoner Konferenz der G 20 hat nicht erkennen lassen, wie die kapitalistisch orientierte Welt die Herzen ihrer Wirtschaftssysteme in einen ruhigeren und damit auch gesünderen Rhythmus bringen will.

Gesucht wird eine Regulierung, die wie ein automatischer Stabilisator wirkt. Das heißt: Man sucht nach einer Regulierung, die über das Auf und Ab eines ganzen Wirtschaftszyklus den Banken ihre Risikosituation zuverlässig zeigt. Dass das so sein sollte, ist einleuchtend. Denn es ist eines, in Zeiten einer mählich an Kraft gewinnenden Konjunktur das angemessene Verhältnis zwischen Eigenkapital, Forderungen und Einlagen zu finden. Und es ist ein anderes, in einem überschießenden Aufschwung aus dem Rechnungswesen zu erfahren, ob alle größer werdenden Zahlen noch in einem Verhältnis zueinander stehen, das die Stabilität der Bank garantiert. Vor allem an dieser Information scheint es doch - bis heute - vor dem Ausbruch der Krise gefehlt zu haben.

Aber wie sähen Kennziffern aus, die es der Führung einer Bank ermöglichten, aufkommende Risiken zu erkennen? Denn nur dann, wenn Kennziffern das leisten, kann der aufsichtsrechtliche und der politische Teil der "Aktion Sicherheit" folgen: die Finanzinstitute darauf zu verpflichten, den Aufsichtsbehörden und dem fachkundigen Publikum zu zeigen, ob und in welchem Umfang Risiken auftauchen. Und es geht dabei nicht nur um Informationen "nach draußen". Die Finanzinstitute selbst müssten sich doch schon aus Eigeninteresse an der Suche nach verlässlichen, dem Zyklus folgenden und ihn in Umrissen vorausschauend modellierenden Warngrößen beteiligen. Der Blindflug über den Zyklus ist - wie sich jetzt zeigt - ein Hazardspiel. Es ist ein Hasardspiel für die Gestaltung beider Seiten der Bankbilanzen und für die Kunden; aber auch für die Politik, die plötzlich einer Situation Herr werden soll, die in der Kürze der Handlungsreaktionen jede Regierung, jede Notenbank und jede Regulierungsbehörde überfordert. Warum also ist es so schwer, Risikokennziffern zu bilden, die nicht erst in der Not aufleuchten, sondern die die Situation erkennen lassen, wenn noch Zeit zum ruhigen Steuern ist?

Beim Ausbruch der Krise ist ja manches Richtige auch im Schreck des Augenblicks gesagt worden. Manche Banken hatten das Maß dessen verloren, was ihren Bilanzen nach den Usancen eines wägenden Kaufmannes hätte zugemutet werden dürfen. Mancher hat den Hals nicht voll bekommen, mancher hat überhaupt nicht mehr gesehen, was geht und was nicht geht. Warum aber ist es so schwer, ein paar Fragen, die sich mittlerweile selbst dem Laien aufdrängen, mit einer regulatorischen Antwort zu versorgen? Warum ist es so schwer, Kennziffern zu entwickeln, die einer Bank über einen ganzen Zyklus hinweg zeigen, was sie ihrer Kapitalausstattung noch oder schon nicht mehr zumuten kann? Gibt es keine vorstellbare Regulierung, die wenigstens ansatzweise wie ein automatischer Stabilisator wirkt? Wie sähe eine Kennziffer aus, die den Banken zeigt, ob sie auf der - ja schließlich legitimen - Suche nach immer höheren Gewinnen in Risikobereiche gerät, die zum Systemrisiko werden können? Allein der Erklärungsschlüssel "Gier" führt doch nicht dahin, wo eine einzelwirtschaftlich und systemisch nützliche Reform zu finden wäre.

Wer den buchhalterischen Stabilitätsautomaten fände, der ginge als Retter in die Geschichte des Finanzkapitalismus ein. So wird es nicht kommen. Aber es wundert schon, wie zäh sich die Suche nach einer doch auch nützlichen Stückwerksreform gestaltet.

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard- Stiftung.

Quelle: F.A.Z.
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