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Auf einen Espresso Fröhliche Weihnachten

29.05.2009 ·  Liebe Leserinnen und Leser. Wir wünschen Ihnen eine schöne Bescherung. Es ist wahrlich Weihnachten im Mai. Und zwar in Berlin.

Von Holger Appel
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Fröhliche Weihnachten, liebe Leserinnen und Leser. Wir wünschen Ihnen eine schöne Bescherung. Sie wundern sich darüber, Ende Mai? Schauen Sie mal beim Möbelhaus Segmüller vorbei, die feiern das nämlich jetzt, wie wir der Radiowerbung entnehmen. Wer lesen kann, ist allerdings klar im Vorteil. Auf der Homepage freut sich ein halbnackter Weihnachtsmann auf brutzelnde Grillwürstchen, und das Fest des Möbels heißt tatsächlich Mainachten. Solange es Rabatte rechtfertigt, ist offenbar nichts zu blöd. Andererseits sind wir wahrscheinlich durch die Berichterstattung in dem vor Ihnen liegenden Qualitätsblatt ein wenig irregeleitet, denn was darin steht, lässt nur einen Schluss zu: Es ist wahrlich Weihnachten im Mai. Und zwar in Berlin.

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Arcandor stößt mit seinem Wunsch nach einer Liquiditätsspritze auf Gegenliebe, weil dem Vorstand keine privatwirtschaftliche Lösung für seine ruinierten Karstadt-Kaufhäuser einfällt. Porsche hätte gern eine Staatsmilliarde, Infineon bräuchte mal eben 500 Millionen. Den Milchbauern muss auch geholfen werden, weil das, was der Verbraucher zu zahlen bereit ist, auf keine Kuhhaut geht. Und für Opel ist ohnehin Bescherung. Wir haben beim fröhlichen Ausfüllen unserer nur 13 Seiten umfassenden Steuererklärung schon mal gesucht, ob ein Kästchen „Solidarbeitrag für Unternehmenspleiten“ eingefügt wurde. Aber das hat die diebische Elster vom Finanzamt bislang zum Glück vergessen.

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Eine ganze Nacht haben die Regierungsspitzen also verhandelt, wie man die an Opel zu überweisenden Steuermilliarden am besten tarnen kann. Eine zündende Idee hatte niemand, weshalb man sich vertagt und auf den Wirtschaftsminister Guttenberg – den Einzigen, der noch nicht vom kollektiven Helfersyndrom mit des Bürgers Geld befallen ist – ein wenig eingedroschen hat. Magna, zum Favoriten für die Übernahme der Rüsselsheimer erklärt, musste am Mittwoch in dieser Zeitung lesen, dass seine Offerte Essig ist, und nacharbeiten. Die inzwischen etwas angefressenen Sergios von Fiat bleiben mit ihrem gar nicht so schlechten Konzept zumindest bis Freitag im Rennen, obwohl der omnipräsente Opel-Chef Klaus Franz (oder ist der nur Betriebsratschef?) längst beschlossen hat, sich von den Spaghettikochern nicht retten lassen zu wollen. Wenigstens hat der Mann Herzblut, was man in den obersten Geisterfahrern von General Motors nicht erkennt. Der Europa-Chef verliert sich im Forst der Finanzen und fordert für die total schuldenfrei beim Staat zu parkende Firma 300 Millionen Euro extra. Einen Tag später sagt der amerikanische Oberboss, das sei ein Irrtum: Sorry für das Chaos. Derweil macht Amerika vor, wie man mit solchen Brüdern umgeht. Da wird GM knallhart in die Insolvenz geschickt. Nun gut, der Präsident steuert 50 bis 100 Milliarden Dollar zu, aber ansonsten ist das eine lupenrein marktwirtschaftliche Lösung.

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Solche Glanzleistungen hätten wir gern auf der „Konferenz der Misserfolge“ in Köln diskutiert. Die erste mit ungeschönten Berichten und wahren Tipps, haben die Veranstalter versprochen. Wir hätten da auch gern unseren Lieblingsfrischkäse auf den Tisch gebracht. Die EU hat in einem Anfall von Liberalismus die Packungsgrößen freigegeben, und Philadelphia hat prompt reagiert. „Der Genuss in neuer Verpackung“, wirbt der Hersteller, vergisst aber zu erwähnen, dass er den Inhalt bei stabilem Preis von 200 auf 175 Gramm geschrumpft hat, was uns zu einer lupenrein marktwirtschaftlichen Reaktion veranlasst hat. Wir essen jetzt Buko. Wir hätten auch gern über Fußball geplaudert, über Borussia Dortmund zum Beispiel, die durch ein Abseitstor von Hamburg gegen Frankfurt in der 91. Minute aus dem internationalen Geschäft geflogen sind, was die Aktie weitere 20 Prozent ihres ohnehin armseligen Wertes gekostet hat. Lieber BVB, schon mal in Berlin angerufen? Da sollte doch eine Staatsbürgschaft drin sein.

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Leider kommt es zu all den Diskussionen nicht, denn die Misserfolgsorganisatoren machen ihrer Idee alle Ehre: „Abgesagt!“, teilen sie mit, „wir hatten kaum zahlende Teilnehmer.“ Ach, könnten wir doch die Krise auch einfach absagen. Und die drohende Steuererhöhung gleich mit. Das wünschen wir uns zum echten Weihnachten. Bis dahin werden wir noch einige schöne Bescherungen erleben. Wetten?

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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