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Auf einen Espresso Entschleunigte Tiger

19.10.2009 ·  Leihen Sie Ihr Handy bloß nie minderjährigen Kindern. Die tippen womöglich wild auf den Tasten rum und im Nu ist das Handy gesperrt. Bis wir die PUK wiederfinden, ist das Wochenende fast vorbei. Dabei wollten wir auf die Themen der vergangenen Woche zurückzublicken: Sarrazin, Staatsfinanzen und Leonardo da Vinci.

Von Holger Appel
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Wir sollen an dieser Stelle Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen Blick durch die Woche bieten. Bitte schön, die hat nämlich prima angefangen. Wenn der Vater mit dem Sohne zum Bäcker fährt, darf der Filius auf Papas Handy Videofußball spielen. Wir wissen nicht, warum immer Alemannia Aachen gegen Jamaika 20:2 gewinnt und nicht endlich mal Deutschland die Holländer mit einer Packung nach Hause schickt, aber wenn es dem jungen Mann Spaß macht, sei's drum. Mit Politik kann das in seinem Alter noch nichts zu tun haben. Wahrscheinlich gefallen ihm einfach die schwarz-gelb-bunten Trikots. Jedenfalls schafft es der ortsansässige Bäcker samstags vormittags, fünf Frauen hinter dem Tresen zu beschäftigen, wovon aber nur eine bedient. Leichter Unmut in der Schlange. Egal, ein Bäcker ist schließlich kein D-Zug. Nach zwanzig Minuten sind sechs ofenfrische Brötchen erstanden, deren Temperatur sich umgekehrt proportional zur Laune des hungrigen Käufers verhält. Beim Entern des Autos reicht der Filius das Handy an, mit leicht zerknirschtem Gesichtsausdruck. Auf dem Display steht: "Sie haben drei Mal die falsche Pin eingegeben. Das Handy ist gesperrt. Geben Sie die PUK ein." Die soll man bekanntlich gut verstecken. Nun, so ein Wochenende ohne Handy ist eine ganz neue Erfahrung. Psychologen raten ja dauernd zur Entschleunigung. Das klappt vorzüglich. Schon am nächsten Tag haben wir mit unserem Sohn wieder gesprochen.

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Sie finden das kleinkariert? Stimmt schon, wir sind wahrlich nicht die Einzigen, die eine harte Woche hinter sich haben. In der Bundesbank geht es dieser Tage ja auch recht lustig zu. Da plaudert der Herr Sarrazin ein wenig über türkische Wärmestuben, und schon interessiert sich niemand mehr für die Geldpolitik. Der Chefbundesbanker war darüber so wenig amüsiert, dass er dem Herrn Vorstandskollegen gleich die Hälfte seiner Aufgaben weggenommen hat. Danach haben sich beide auf eine gedeihliche künftige Zusammenarbeit geeinigt. Klar doch. Andererseits, die halbe Arbeit für das gleiche Geld, das könnten wir auch gut gebrauchen. Also, werte Herausgeber dieses Qualitätsblatts, wir würden da gerne mal was über Offenbacher Wärmestuben publizieren ... O.k., o.k., wir lassen es.

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Der Bundesbankvorstand ist gespalten, Volkes Meinung auch, da will die Politik nicht hintanstehen. Sehr hübsch zu beobachten ist zum Beispiel, wie die Union alles daransetzt, die tigerhaft gestartete FDP als Bettvorleger landen zu lassen. Erst sagt Herr Solms, dass die Staatsfinanzen fürchterlich in Unordnung seien, was das Wahlvolk trotz der zweifelsfrei korrekten, aber auch nicht wirklich überraschenden Feststellung als Absage an die versprochenen Steuerentlastungen versteht. Den Eindruck rückt der Herr Westerwelle in einem Brief an hunderttausend Freunde der FDP gerade: "Wir kennen unsere Verantwortung." Die Bundeskanzlerin aber auch! "Ich bin der Meinung, dass wir nichts ändern an der Mitbestimmung", spricht Angela Merkel auf dem Gewerkschaftstag der IG BCE, und während die Funktionäre noch jubelnd von den Stühlen kippen, schiebt sie hinterher, dass auch die Diskussion um eine Lockerung des Kündigungsschutzes "nicht hilfreich" sei. Vor den Gesundheitsfonds, ein anderes Objekt des liberalen Änderungswillens, hat die Kanzlerin auch schon ein deutlich schimmerndes Stoppschild gestellt. Am Wochenende ist große Entscheidungsrunde mit den Parteispitzen. Das wird sicher lustig. Der gemeine Leistungsträger blickt gespannt nach Berlin und hofft, dass der Begriff Schonvermögen auch irgendwas mit seinem sauer verdienten Nettogehalt zu tun haben könnte.

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Obwohl, wenn wir ehrlich sind, interessiert uns das alles überhaupt nicht mehr. Wir haben im Keller eine 33 mal 24 Zentimeter messende Kreidezeichnung gefunden, die wir vor ein paar Jahren für 19000 Dollar ersteigert haben. Ein Kumpel ist gestern mit so einer schicken Multispektralkamera vorbeigekommen und hat einen Fingerabdruck am oberen linken Rand des Velinpapiers mit dem bezaubernden Renaissance-Porträt eines jungen Mädchens entdeckt. Vom Mittel- oder Zeigefinger des Leonardo da Vinci soll der sein, was zu einer gewissen Aufregung in unserem Frankfurter Vorort geführt hat. Mit den 100 Millionen Pfund, die uns ein anonymer Sammler geboten hat, wollten wir uns eigentlich sofort nach Zypern absetzen. Aber da lümmelt schon ein Starinvestmentversenker der Dresdner Bank mit seinen müden 4,5 Millionen Euro Bonus herum. Wir machen deshalb jetzt erst mal Urlaub auf Mallorca und ziehen dann nach Mauritius. Volle Kanne entschleunigen. Das Handy bekommt der Sohn zum Fußballspielen.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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