30.12.2008 · Das Jahr ist vorbei - und gewinnt über all die ungenannten Jubiläen und Jahrestage an Tiefenschärfe
-Sechzig Jahre McDonald's-Hamburger
Man kann über die Hamburger mindestens so gut schimpfen wie über den Kaffee bei Starbucks - vor allem, wenn man weder das eine gegessen, noch das andere getrunken hat. Die Wahrheit ist natürlich, dass Starbucks-Kaffee dank der Arabica-Bohne vorzüglich mild und doch kräftig schmeckt, und dass der McDonald's-Hamburger seit genau sechzig Jahren einheitlich weich und doch herzhaft mundet. Diese inkommensurable Textur der Weichbrötchenhälften! Die intransigente Tiefenstruktur des gehackten Fleischs! Und dann die Gurke, an die man sich voll distinkter Spannung von allen Seiten heranknabbert, bis sie in einer nuancierten Explosion saurer Noten, aber ohne plakativen Kitsch, den Geschmackssinn provozierend herausfordert! Man kann die taktilen und gustatorischen Finessen dieser abendländisch-kulinarischen Großtat gar nicht genug würdigen. Man muss die Hamburger einfach nur essen - und schweigen. (kai.)
-Vierzig Jahre "Zur Sache, Schätzchen"
Seit vierzig Jahren wird in Deutschland gefummelt, und auch die "Dumpfbacke" ging erst im Kinojahr 1968 in die Umgangssprache ein. Großen Anteil daran hatte Helga Ursula Glas: "Uns Uschi" spielte Barbara im sogenannten Kultfilm "Zur Sache, Schätzchen" und zeigte einen Beinahe-Striptease auf einem Polizeirevier. Schneller und nachhaltiger konnte man nicht berühmt werden. Die Symbolfigur der "68er" war allerdings nicht so liberal, wie sie es als Barbara vorgab. Erzkonservativ war und ist die stramme CSU-Anhängerin Uschi Glas, die seit Jahren kaum noch als Schauspielerin reüssiert. Sie macht vor allem Negativ-Schlagzeilen: als Verkäuferin einer Allergien auslösenden Hautcreme sowie als geschiedene Mutter eines prügelnden und bald wohl vorbestraften Sohns (aus erster Ehe). Darüber hinwegtrösten kann auch nicht, dass sich das einstige "Schätzchen" vor fünf Jahren noch einmal fast nackt präsentierte - beinahe sechzigjährig in einem Männer-Magazin. (pps.)
-Hundertfünfundzwanzig Jahre Coco Chanel
Den Jahrestag am 19. August haben wir ungenutzt verstreichen lassen. Dabei hätte es außer Yves Saint Laurent oder Christian Dior kaum ein anderer Modeschöpfer so sehr verdient, dass man sich an ihn erinnert oder eben: an sie. Denn dass sie eine Frau war, die sich in der Männerwelt der Damenmode durchsetzte (und dazu noch mit männlich klaren Linien), das hätte man ruhig erwähnen können. Auch wäre darauf hinzuweisen gewesen, dass sie als uneheliche Hausierertochter, die mit elf Jahren ins Waisenhaus kam, mit großem Durchsetzungsvermögen ein riesengroßes Modeimperium gründete; dass sie es ihrem Nachfolger Karl Lagerfeld schwermacht, weil man ihn noch immer an ihr misst; und vor allem, dass ihre Nonchalance dringend gebraucht würde in Zeiten salbadernder Modemacher. Gut zwanzig Zeilen immerhin ist es uns hier wert. (kai.)
-Fünfzig Jahre "Frühstück bei Tiffany"
Männer sprach sie nur mit "Herzchen" an, umgarnte sie, ließ sie träumen und leerte ihre Portemonnaies. Die Geschichte der Holly Golightly, die fast neunzehnjährig vom Lande in die große Stadt - New York - zog, um ihre Sehnsüchte nach Liebe und Freude zu befriedigen, jedoch nur Männer, Geld und Rauschgift fand, wurde von Truman Capote geschrieben und vor fünfzig Jahren veröffentlicht. In aller Welt berühmt wurde "Frühstück bei Tiffany" aber nicht nur aufgrund der sprachlichen Brillanz Capotes - "Bei all ihrer schicken Magerkeit, strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und Zitronen-Reinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte" -, sondern durch die Verfilmung, die drei Jahre später auf die Kinoleinwände kam. Der gleichnamige Film ignorierte zwar all die dunklen, drogengeschwängerten Momente des Buches und machte aus dem offenbar schwulen Freund und Bewunderer Hollys einen heterosexuellen Liebhaber. Dem Erfolg des Films tat das aber keinen Abbruch. Und Audrey Hepburn spielte nicht nur Holly, sie war es, Herzchen. (mawy.)
-Hundert Jahre Maggi-Brühwürfel
"Helfen und Dienen" - so lautete das Motto des Firmengründers Julius Maggi. In einer Zeit der Mangelernährung sollte das auch der Brühwürfel leisten. Frisches Suppenfleisch war vor hundert Jahren dreißigmal teurer als die "Bouillon in Würfelform", mit der Maggi 1908 auf den Markt ging. Der Brühwürfel sparte Geld und Zeit - das Unternehmen verzichtete wegen dieser unschlagbaren Verkaufsargumente im ersten Jahr sogar auf jegliche Werbung. Man hatte Angst, mit der Produktion nicht nachzukommen, sollte die Nachfrage sprunghaft wachsen. Seit der Einführung der maschinellen Produktion zwei Jahre später verkauft Maggi allein in Deutschland vierzig Millionen Brühwürfel im Jahr, und das bis heute. Quasi erfunden und erstmals vermarktet wurde ein derartiger "Fleischextrakt" allerdings schon Ende des 19. Jahrhunderts von einem anderen: dem Chemiker Justus Liebig. (fäh.)
-Hundert Jahre Inter Mailand
Manchmal gibt es im Leben nur Schwarz oder Weiß. Bayern oder 1860, HSV oder St. Pauli, Hertha BSC oder Union Berlin. Da wird nicht abgewartet oder abgewogen, da muss eine klare Entscheidung her. Und wenn man in Mailand wohnt, Herz und wenig Fußballverstand besitzt, dann muss die Entscheidung natürlich gegen den AC und zugunsten von Inter Mailand fallen. Vor hundert Jahren, so lautet die Legende, wurde Inter aus dem Fleische des AC gegründet - frustrierte Mitglieder hatten den schwarz-roten Verein, der damals noch "Milan Cricket and Football Club" hieß, verlassen und in weinseliger Stunde den schwarz-blauen Football Club Internazionale Milano gegründet - kurz Inter Mailand. Trotz aller Feindschaft teilen die beiden Vereine sich heute ein Stadion - dieses aber trägt den Namen von Inters erfolgreichstem Stürmer: Giuseppe Meazza, einem der seltenen Italiener in der Mannschaft. (mawy.)
-Sechzig Jahre Bambi
Wie langweilig muss eine Preisverleihung gewesen sein, an deren Ende man nur über die Zoten eines Stefan Raab über Uschi Glas diskutiert? Langweilig genug, um sie zu ignorieren jedenfalls, und doch wollen wir wenigstens nachreichen, was bunte Blätter längst geschrien und geschrieben haben: Die Bambi-Verleihung ist dieses Jahr sechzig geworden. Gefeiert wurde in Offenburg, was Nicht-Offenburger gerne mit Offenbach verwechseln, das aber in Wahrheit kein Vorort von Frankfurt ist, sondern ein Städtchen im badischen Niemandsland. Das hat auch der ein oder andere Stargast lernen müssen, der einen Film, ein Album oder nur sich selbst anpreisen wollte und am Ende des Abends beglückt und überrascht das zart-güldene Rehkitz in der einen Hand hielt und mit der anderen in die (nicht goldenen) Kameras winkte. Herzlichen Glückwunsch. (mawy.)
-Hundert Jahre gefunkte Fahndungsfotos
Anno 1908: Als der Dieb sich in einem englischen Gasthaus der in Frankreich erbeuteten Juwelen erfreuen wollte, ahnte er nicht, dass der Gastwirt längst die Polizei verständigt hatte. Er hatte den Dieb auf einem Bild in der "Daily Mirror" erkannt. Es war ein Fahndungsfoto, das erste, das per Bildtelegraf versendet wurde - von Paris nach London. Ein Kabel zwischen den beiden Hauptstädten hatte die Signale übertragen. Bis zu fünfzehn Minuten musste man damals noch am anderen Ende der Leitung warten, bis aus Pixeln ein Bild entstand (unser Fahndungsfoto links zeigt die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt). Immerhin schneller als die Post, die brauchte Tage für den Weg. Doch auch der Polizei-Erfolg bei der Übertragungspremiere brachte nicht den Durchbruch für die Technik. Die deutschen Behörden führten die Bildtelegrafie von Fahndungsfotos erst zwanzig Jahre später ein. (mawy.)
-Fünfzig Jahre Verkehrssünderkartei
Im Fußball gibt es zwei magische Punktegrenzen: Vierzig Punkte reichen für den Klassenerhalt, siebzig für die Meisterschaft. Auch im Straßenverkehr gibt es eine magische Punktegrenze. Achtzehn Punkte in Flensburg - und weg ist der Führerschein. Seit nunmehr fünfzig Jahren werden Verkehrsvergehen deutscher Führerscheininhaber im Verkehrszentralregister vermerkt. Eingetragen wurden anfangs aber nur schwere Vergehen und Führerscheinentzug. Das Punktesystem für Mehrfachtäter wurde erst 1974 eingeführt. (mawy.)
-Fünfzig Jahre Elvis in Deutschland
Seine Hüften waren es nicht allein: Dabei wurde "Elvis the Pelvis" (englisch für Becken - als Anspielung auf seine aufreizende Art, sein Hinterteil zu bewegen) im Fernsehen meist nur von der Hüfte aufwärts gezeigt. Doch er war der Inbegriff des Verruchten, sah blendend aus, sang wie ein Schwarzer, war aber weiß und trug dazu noch eine geschwärzte "Schmalzlocke" auf dem Kopf. Als der "King" 1958 im hessischen Bad Nauheim landete, gab es kaum eine deutsche Frau, die sich ihm nicht hingegeben hätte. (In der Presse hieß es: "So viel Lärm um diesen heulenden Derwisch.") Der 23 Jahre alte Soldat interessierte sich indes für die 14 Jahre alte (Stief-)Tochter eines amerikanischen Luftwaffenoffiziers. Jahre später heiratete er die kleine Priscilla. Den Deutschen unvergessen bleibt vor allem sein auf Deutsch gesungenes Volkslied "Muss i denn zum Städtele hinaus". (pps.)
-Zwanzig Jahre Österreichisches Hospiz
Vor zwanzig Jahren wurde das Österreichische Hospiz an der Via Dolorosa in Jerusalem wiedereröffnet. Es ist das älteste Pilgerhaus seiner Art am Ort und wurde 1863 im österreichischen Historismus errichtet. Es zieht Pilger und Touristen an und ist ein Zentrum der deutschsprachigen Katholiken in der Stadt. Von der Terrasse aus lässt sich das Stadtleben beobachten: Muslime gehen zum Gebet in die Al Aqsa, Christen sind auf dem Leidensweg Jesu in Richtung Grabes- und Auferstehungskirche, ultraorthodoxe Juden eilen vom Damaskus-Tor quer durch die Altstadt zur Klagemauer. Dazu eine Sacher-Torte und eine Melange - und fertig ist die westöstliche Mischung. (jöb.)
-Fünfzig Jahre Herzschrittmacher
Wenn das Herz den Takt verliert, hilft ein elektrischer Impuls ihn wiederzufinden. 1958 betteten der Arzt Åke Senning und der Medizin-Ingenieur Rune Elmqvist den ersten Herzschrittmacher vollständig in einen menschlichen Körper ein. Empfänger war der 43 Jahre alte Arne Larsson. Er litt unter Herzrhythmusstörungen und musste mehrmals täglich wiederbelebt werden. Aber auch der erste Schrittmacher half nicht viel - die Batterie hielt nur wenige Stunden. Schon am nächsten Tag erhielt er seinen zweiten Schrittmacher, Laufzeit gut eine Woche. Insgesamt sollten ihm 22 Geräte eingepflanzt werden, bevor Larsson 2001 stirbt - im Alter von 86 Jahren. (mawy.)