17.12.2008 · Das Kinojahr, wie es wirklich war
Wie der Blick von Kristin Scott Thomas in "So viele Jahre liebe ich Dich" die ganze Geschichte enthält und doch unlesbar bleibt.
Wenn in "Waltz with Bashir" die Hundemeute unter dem Fenster des Kriegsveteranen zum Stehen kommt - und er weiß, dass er der Einzige ist, der sie sehen kann.
Die Augen des Roboters Wall-E, als er auf einem kleinen Fernseher einen großen Tanzfilm sieht.
Der Auftritt von Samuel L. Jackson nach dem Abspann von "Iron Man": als Nick Fury, dem weißesten aller Marvel-Superhelden.
Der lange Blick durchs Zielfernrohr des Jägers am Anfang von "No Country for Old Men".
Wenn der südfranzösische Postbote in "Willkommen bei den Sch'tis" schon im Anorak ins Auto steigt, weil er im Norden Schlimmstes befürchtet.
Als in "The Sparrow" von Johnnie To das Ballett der Regenschirme die Choreographie eines Diebstahls verdeckt.
Der erste Blick durch das Auge des Gelähmten in "Schmetterling und Taucherglocke" - und das Glück, wenn das erste Wort buchstabiert ist.
Die endlose Kargheit der Hügel in der Anfangssequenz von "There Will Be Blood", in deren Tristesse die Musik von Johnny Greenwood wie eine Sirene hinein schreit.
Die sprachlosen Telefonate zwischen Tommy Lee Jones und Susan Sarandon in "Im Tal von Elah", die ihren zweiten Sohn ans Vaterland verloren haben.
Wie Tilda Swinton in "Michael Clayton" als Anwältin vor dem Auftritt in der Damentoilette ihre Schweißflecken zu bekämpfen versucht.
Die wässrigen Augen von Daniel Craig, wenn er in "Ein Quantum Trost" angetrunken an der Bar eines Flugzeugs sitzt und auf die Frage, was er denn trinke, sagt: Keine Ahnung.
Der Bauch von Sabrina Ouazani, der eine Gruppe französischer Restaurantgäste in "Couscous mit Fisch" das Ausbleiben des Hauptgangs vergessen lässt.
Der Kathedralenkopf in Guillermo del Toros "Hellboy 2".
Das Ächzen des Stahls, wenn sich in James Benings "RR" die Lokomotiven in Bewegung setzen.
Die undurchdringliche Finsternis, in die die Heldin am Ende des spanischen Horrorfilms "Rec" flieht - vergeblich.
Die wunderbar naseweise Ellen Page in "Juno", die nicht halb so abgebrüht ist, wie sie tut.
Wenn Will Smith in "I Am Legend" mit dem Auto Antilopen auf der Fifth Avenue jagt.
Wie der junge Emile Hirsch in Sean Penns "Into the Wild" den alten Hal Holbrook auf einen Berg scheucht, um ihm zu zeigen, dass er lebendiger ist, als er glaubt.
Wenn der Geschäftsmann in "Das jüngste Gewitter" den arabischen Friseur beleidigt und der ihm anschließend eine saubere Schneise durch die Haare rasiert.
Wenn in "10.000 B.C." die feingepixelten Mammuts durch die Steppe donnern.
Wenn Jude Law in "My Blueberry Nights" der schlafenden Norah Jones einen Sahnerest von den Lippen küsst
Wenn der Agentenchef in "Burn After Reading" sein Unverständnis des Wirrwarrs mit dem Satz zusammenfasst: "Jesus, what a clusterfuck!"
Wenn Tim Roth in "Jugend ohne Jugend" als alter Mann ins Krankenhaus eingeliefert wird und sein Körper sich zu verjüngen beginnt.
Wenn Heath Ledger und Charlotte Gainsbourg in "I'm Not There" zum Song "I want you" durch die Straßen von New York laufen wie in einem Film der Nouvelle Vague.
Wenn Misel Maticevic in "Das Gelübde" wie im Fieberwahn auf einen Glockenturm klettert.
Wenn zwei halbwüchsige Gauner in "Gomorrha" Dialoge aus Brian De Palmas "Scarface" nachsprechen.
Wenn der ergraute Harrison Ford in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" sich in einem fliegenden Kühlschrank rettet.
Wenn in "Kung Fu Panda" die Teigbällchen fliegen und mit Stäbchen aufgefangen werden.
Wenn Arta Dobroshi in "Lornas Schweigen" noch einmal die abgetragenen Jeans ihres ermordeten Mannes in die Hand nimmt und dabei kurz innehält.
Wie Albert Finney in "Tödliche Entscheidung" ins Krankenhaus geht und seinen eigenen Sohn mit einem Kissen erstickt.
Wenn die Menschen in "The Happening" mitten im Central Park rückwärts zu gehen beginnen.
Wenn Cécile de France in "Ein Geheimnis" mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser eintaucht.
Wenn Corinna Harfouch in "Im Winter ein Jahr" das erste Mal das Bild ihrer Kinder sieht, das sie in Auftrag gegeben hat.
Wie Javier Bardem in "Vicky Cristina Barcelona" im Restaurant an den Tisch der beiden Amerikanerinnen tritt und ihnen ein ungeniert eindeutiges Angebot macht. apl/kil/lue./malt/pek