01.07.2010 · Fußball muss als Metapher für alle Lebenslagen herhalten. Bei der Wahl des Bundespräsidenten gab es „Nachspielzeit“, „Verlängerung“ und „Elfmeterschießen“. Hat die Politik ihre eigene Sprache verloren?
Von Achim DreisFrüher war die Welt noch einfach: die Sportreporter waren die Außenseiter der Redaktion, und die Politikkommentatoren haben uns die Welt erklärt. Damals war das politische System aber auch noch übersichtlich wie eine Deutschland-Fahne: es gab Schwarze, Rote und Gelbe und der Feind kam über den linken Flügel. Heute haben wir eine zerrüttete Fünf-Parteien-Landschaft und der globalisierte Fußball muss als Metapher in allen Lebenslagen herhalten. Den anderen Sozialsystemen sind zu WM-Zeiten offenbar die Sprachbilder abhanden gekommen.
Wer die stundenlange Live-Übertragung zur Wahl des Bundespräsidenten im Fernsehen verfolgte, musste sich vorgekommen sein wie in einer Sportsendung - allerdings aus den 80er Jahren. Die vermeintliche Analogie des Wahl-„Marathons“ zur Fußball-WM wurde durchgekaut bis Sendeschluss. Die knappe Führung für Wulff nach der ersten Abstimmung, die kein „Kantersieg“ für die Koalition war, wurde als „Gelbe Karte“ für Angela Merkel gewertet. Und nach dem zweiten Wahlgang gleich noch mal. Wäre Merkel dann nicht für den dritten gesperrt gewesen? Gleichwohl ging es in die „Verlängerung“, wahlweise auch zwei Mal, in die „Nachspielzeit“ oder gar ins „Elfmeterschießen“.
Dazwischen kurzatmige Interviews mit Generalsekretären, die Auskünfte gaben wie Co-Trainer in der Halbzeit - nur nicht so gut gekleidet wie Hansi Flick. Sind Politik-Journalisten etwa auch nur Fans, die es auf die andere Seite der Absperrung geschafft haben? Die Parteienvertreter warfen sich gegenseitig vor, „Steilvorlagen“ nicht genutzt oder „Elfmeter“ verschossen zu haben. Wir empfehlen: auswechseln. Alle.
Hat die Politik ihre eigene Sprache verloren?
Tautz von Tronje (Tautron)
- 02.07.2010, 11:47 Uhr