Home
http://www.faz.net/-ger-16ibc
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Rücktritt Köhlers Flucht

 ·  Was hat den Bundespräsidenten bewogen, den Bettel hinzuschmeißen? Seine Begründung ist kaum schlüssig. Köhler hatte hohen Rückhalt im Volk. Seine moderierende Rolle hätte behilflich sein können, den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Doch er hat den Eklat vorgezogen, statt auszuharren.

Artikel Lesermeinungen (29)

So überraschend der Wirtschaftsfachmann und hohe Beamte Horst Köhler in das höchste Staatsamt gekommen ist, so überraschend zieht er sich zurück. Was den Bundespräsidenten bewogen hat, den Bettel hinzuschmeißen, ist wohl kaum schlüssig begründet mit dem Vorwurf, seine Kritiker hätten es an Respekt gegenüber dem Amt fehlen lassen.

Selbst wenn der Vorwurf schwer wiegt und im Zusammenhang mit der jüngsten Afghanistan-Debatte möglicherweise berechtigt ist, worüber sich streiten lässt, muss man fragen, warum Köhler flüchtet, statt diesen Respekt energischer einzufordern. Um seine Wiederwahl hatte Köhler im vergangenen Jahr schließlich durchaus hartnäckig zu kämpfen gewusst, nachdem die SPD mit Gesine Schwan eine ernst zu nehmende Gegenkandidatin ins Rennen geschickt hatte.

Erwächst dem Amt nicht mehr Schaden, wenn sein Inhaber es aufgibt, ohne einen auf Anhieb überzeugenden Grund benennen zu können? Köhler hat nach wie vor hohen Rückhalt im Volk, viele hatten offenkundig Vertrauen zu ihm. Man hätte sich gewünscht, dass der Präsident in diesen wirtschaftlich so unruhigen Zeiten seinen Beitrag zur Stabilität im Land leistet. Dass er an seinem Platz bleibt, auch wenn ihm in der zweiten Amtsperiode der Wind kräftiger ins Gesicht wehte, die Entfremdung zwischen Bundespräsident und Regierung zu wachsen schien und seine Äußerungen mehr Widerspruch als zuvor herausforderten.

In der jetzt endlich aufgebrochenen, schwierigen und konfliktträchtigen Spardebatte hätte der Bundespräsident eine moderierende Rolle finden und der schwarz-gelben Koalition, der er das Amt verdankt, bei der Herkulesaufgabe behilflich sein können, den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Schließlich hatte Köhler zunächst durch sein stetes Eintreten für Afrika und dann durch seine wachsende Marktkritik viel soziale Glaubwürdigkeit erworben. Spätestens nachdem er die Finanzmärkte als „Monster“ bezeichnet hatte, galt er nicht länger als wirtschaftsliberaler Deutschland-Sanierer. Im Gegenteil hat Köhler mit seiner Marktskepsis in der Wirtschaft manchen enttäuscht, der sich vom Ökonomen im Präsidentenamt mehr Verständnis für die Zwänge des Wettbewerbs gewünscht hätte.

Geduld ist Köhlers größte Stärke nicht, sein Temperament kann er nicht immer zügeln. Er hat den Eklat vorgezogen, statt auszuharren, Missverständnisse auszuräumen und zu werben für seine Sicht der Dinge. Köhler hat seine Chance vertan.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

Jüngste Beiträge