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Merkel und die Rücktritte Die stoische Kanzlerin

 ·  Gefasst, abgeklärt, kühl: Angela Merkel reagiert auch auf Rücktritte in ihrer eigenen Art. Ihre Meinung zur überraschenden Demission des Bundespräsidenten ist nur aus den Nuancen zu erschließen.

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Es tagte das CDU-Präsidium. Es ging um Sparmaßnahmen im Bundeshaushalt und auch die Verwerfungen, die der angekündigte Rückzug Roland Kochs aus der Politik nach sich ziehen könnte. Respekt für Koch und Dank wurde geäußert. Häufiger während der Sitzung hatte Angela Merkel, die Parteivorsitzende, den Raum zu verlassen - in der Aufgabe der Bundeskanzlerin. Die Zuspitzung der Lage im Mittelmeer, die Erstürmung eines Schiffskonvois auf dem Weg nach Gaza durch die israelische Armee war Thema von Telefonaten - mit israelischen und mit türkischen und mit anderen ausländischen Staatsleuten. So fiel es nicht weiter als größere Besonderheit auf, dass gegen zwölf Uhr die Parteivorsitzende den Raum abermals verlies. Niemand im Raum wusste, dass Horst Köhler gesprochen werden wollte.

Wenige Minuten dauerte das Gespräch, in dem die Bundeskanzlerin, wie sie später sagte, den Bundespräsidenten von seinem Rücktritt abzuhalten versuchte. Zurück im Präsidium sagte sie nichts davon. Keine Mitteilung, kein Wort. Wenig später war die Sitzung vorbei. Hermann Gröhe, der Generalsekretär, berichtete von den Notwendigkeiten der Sparpolitik und davon, Roland Koch sei Dank gesagt worden. Die Teilnehmer der Sitzung, sagte Gröhe, hätten die Ankündigung des Hessen bedauert, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen. Koch habe sich im inhaltlichen Teil der Sitzung engagiert beteiligt.

Jürgen Rüttgers habe über die Lage in Nordrhein-Westfalen berichtet, und CDU wie SPD dort würden in „ernsthaften Bemühungen“ versuchen, ein großes Koalitionsbündnis zu zimmern. Nichts aber wussten die Leute im Präsidium davon, was sich 90 Minuten später im Schloss Bellevue ereignen sollte. Frau Merkel wollte, wird kolportiert, nicht dazu beitragen, dass Köhlers Rücktritt vor dessen eigener Erklärung bekannt würde. Vielleicht wollte sie es auch noch einmal versuchen, diesen zu verhindern, und diesen Versuch nicht durch eigene Unachtsamkeit und Plauderei vereiteln.

Angela Merkel liebt es, sich mit Fußballspielern zu zeigen

Es hätte ein schöner Abend werden können. Bei den Fußballspielern der Nationalmannschaft in Eppan in Südtirol hätte sie entspannt plaudern können. Frau Merkel liebt es, spätestens sei dem sogenannten Sommermärchen 2006, sich mit Trainern und Spielern zu zeigen. Sie hätte Trost spenden können - wegen der nun wirklich verletzungsbedingten Rücktritte von Spielern. Sie hätte mit dem neuen Kapitän Lahm sprechen können. Sie hätte den jungen Männern sagen können, der Mensch wachse mit seinen Aufgaben. Es wurde nichts daraus. Es blieb bei einigen Telefonaten nach Südtirol, und wahrscheinlich war es nicht einmal erforderlich, die Bitte um Verständnis vorzutragen.

Wahrscheinlich sah sich Frau Merkel in ihrer Befürchtung bestätigt, in Zeiten wie diesen sei es am besten, das Land gar nicht zu verlassen. Auslandsreisen sind - in der Regel und nach den Maßstäben von Regierungschefs - auch von Erholung geprägt. Erholung von innenpolitischen Wirren. Erholung von quengelnden Parteifreunden. Erholung von ganz wichtigen Ministern und Beamten. Gepflegte Gespräche mit Staatsoberhäuptern. Aufenthalte unter ganzen anderen Umständen - im fernen Hollywood, im teuersten Hotel am Golf. Frau Merkels Reise nach Amerika war zu einer Odyssee geworden, die - so gesehen - ihre Sonnenseite hatte. Doch Frau Merkel ist pflichtbewusst, sie kann es womöglich nur mit schlechtem Gewissen genießen. Sie arbeitet viel und nimmt dafür viel in Kauf. Sie lässt es sich nicht anmerken. Oder etwa doch?

Ein sprachlicher Lapsus mag Ausdruck von Stimmung, Gefühl und auch Verärgerung sein. Also sagte sie im Kanzleramt, zu einer Zeit, in der sie eigentlich hätte im Flugzeug nach Bozen sein wollen: „Ich bedauere diesen Rücktritt auf das Allerhärteste. Ich muss sagen, dass ich ihm natürlich auch gesagt habe, dass ich Respekt vor diesem Rücktritt habe.“ Gefühlig wurde sie später im Fernsehen gefragt, schon jetzt habe sie doch allerhand Probleme gehabt. Sie sagte: „Wie sagt man so schön: Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen.“ Nun sei noch eine dazu gekommen. Und später noch einmal: „Man kann auch mit den Herausforderungen wachsen.“

Hätte sie sich empören sollen, können, dürfen?

Angela Merkel gehört nicht zu jenen Politikern, die ihr Inneres nach außen kehren. Sie ist vergleichsweise gleichbleibend freundlich. Sie wirkt gefasst. Hätte sie sich empören sollen, können, dürfen? Im Binnenbetrieb mag das anders sein. In der Union ist die Rede davon, die Empörung dort über Köhlers Abgang sei groß. Von Entsetzen ist die Rede. Köhler habe keinen Grund für einen Rücktritt gehabt. Er habe die Unterstützung der Koalition gehabt. Er habe einen Apparat gehabt, der ihm zuarbeite. Von Fahnenflucht ist die Rede. Er solle nicht beleidigt sein, weil er kritisiert worden sei. Er sei ohnehin ein Choleriker, der nun wegen einiger Wechsel in seinem Amt Leute verloren habe, die ihn beruhigen konnten.

Nie würde Angela Merkel im öffentlichen Raum so sprechen. Sie belässt es bei „Respekt“ und „Bedauern“ und „Dank“. So klang das bei Köhler und vordem bei Koch, von dem - immerhin - bekannt war, dass er aufhören wollen. Bloß der Zeitpunkt war ihr, der CDU-Vorsitzenden, unbekannt - bis eben vor einer Woche zwischen Wiesbaden und Abu Dhabi telefoniert wurde. Auch da wirkte ihre Reaktion unterkühlt. Schon den Untergang eines ganzen Staates habe sie erlebt, kann sie manchmal erzählen.

Nicht einmal sie scheint Köhlers wahre Gründe zu kennen

Nun aber scheint nicht einmal Frau Merkel die wahren Gründe Horst Köhlers zu kennen. Von mangelndem Respekt hatte der gesprochen. Ihr Unwissen machte Frau Merkel mit undeutlichen Bemerkungen deutlich, in denen sie - nach eigener Darstellung - das Gespräch mit Köhler schilderte: „Er hat das gesagt, was er dann auch öffentlich gesagt hat. Dass er Sorge hatte, dass der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten auch verletzt ist, weil ja auch die Frage der Verfassung und Ähnliches bei einigen Kritikern im Gespräch war.“ Und: „Ich habe das auch zu respektieren, das ist die Auffassung, die er gezeigt hat und die auch deutlich gemacht hat, dass er auch gerade dieses Amt ein Stück weit schützen und prägen will. Ja, aber bedauern tue ich es trotzdem.“

Vielleicht hat Frau Merkel auch an Oskar Lafontaine gedacht, an 1999 und an dessen Rücktritt und an Gerhard Schröder. Auch ihr Vorgänger im Bundeskanzleramt operierte damals - öffentlich - mit den Begriffen von Dank und Respekt. Es ist die Sprache von Politikern, wenn sie als Verfassungsorgane sprechen. Und auch die Beweggründe der Rücktrittswilligen ähneln sich. Meistens ist bei ihnen davon die Rede, sie könnten nicht mehr bewegen und keinen Einfluss mehr nehmen - in der SPD, in Hessen, im Bund. Frau Merkels Sprache ist anders. Sie könne viel sagen, hat sie Anfang des Jahres gesagt - es hülfe nichts, wenn niemand mitmache. Die Beschränkung der eigenen Handlungsmöglichkeiten hat sie akzeptiert. Jene, die gerne von ihr Entscheidungen per Auf-den-Tisch-Schlagen wünschen, hat sie überdauert.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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