Eine Vorstellungsrunde durch die Republik wie Horst Köhler plant er nicht. Das habe der niedersächsische Ministerpräsident nicht nötig, dafür sei er zu bekannt: Mit diesem Satz begründet die Staatskanzlei in Hannover, warum Christian Wulff sein Programm bis zum 30. Juni kaum ändert. Er hält die meisten angekündigten Termine ein, strafft sie allenfalls. Er will auch nicht offensiv um die Stimmen in der Bundesversammlung buhlen - das widerspräche der Art, wie er sich in den vergangenen Jahren gab: eher präsidial denn kämpferisch. Stattdessen macht er mehr oder minder weiter wie geplant, geht als Landesvater in der kommenden Woche auf seine jährliche Sommertour, fährt in die Provinz, besucht dreieinhalb Tage lang Firmen und Dörfer nahe der Nordseeküste, von denen selbst Niedersachsenkundige kaum zuvor gehört haben.
Dennoch verändert Wulff sein Auftreten, übt schon mal den Rollenwechsel. In Berlin ist er häufiger als sonst, nicht nur, um den Fraktionen der CDU und der FDP seine Vorhaben zu erläutern. Er formuliert noch sorgsamer als sonst oder ist ungewohnt gesprächig oder schimpft halböffentlich auf Medien, was er sonst nicht tut, nimmt ihnen übel, dass sie ihn aus seiner Sicht ungerechtfertigt dazu trieben, sein Landtagsmandat schon vor der Wahl niederzulegen.
Und er wendet sich an die jungen Leute, möchte der Jugend per Videochat beweisen, dass er es ernst meint, wenn er „die Zukunft“ in den Mittelpunkt einer Präsidentschaft stellen will. Aber auch vor vertrautem Publikum ließ er sich in der vergangenen Woche sehen - beim Tag der Niedersachsen in Celle, um das ihm sonst nicht nahe „Volkstümliche“ zu pflegen; bei einer Debatte über den Widerstand im „Dritten Reich“ in einem Kreis nachdenklicher Menschen; im Zoo von Osnabrück zur Eröffnung einer neuen Afrika-Landschaft. Seht her, lässt sich die Botschaft lesen, mir bleibt die Bodenhaftung wichtig.
Wulff formuliert druckreif und rasch, aber selten tiefgründig
Im Internet, bei spontanen Fragen, ist das schon schwieriger. Wulff demonstriert jedoch eine halbe Stunde lang seine Stärke - auf (fast) alles gibt er eine Antwort, formuliert druckreif und rasch, wiewohl selten tiefgründig oder überraschend. Dabei entspricht dieses Format nicht dem, was er schätzt: alles unter Kontrolle zu haben, auf alles vorbereitet zu sein. Schon die vergangenen Tage waren für ihn eine Herausforderung. Sonst haben er und sein engster Berater Olaf Glaeseker für fast alles eine Blaupause, setzen wie Schachspieler die Züge, planen wie Strategen. Weder den Rücktritt des Bundespräsidenten noch das Angebot der Bundeskanzlerin, diese Aufgabe zu übernehmen, hatte Christian Wulff aber in seinem Raster, das er sich für die nächsten Jahre ausgemalt hatte.
Im Videochat sagt er die Schlagworte, die Politiker zu sagen pflegen - Frieden und Freiheit, Mut zu Entscheidungen, Verständnis, Vertrauen als wichtigstes Gut der Politik. Von den Politikern fordert er, Stil, Respekt, Achtung und Wertschätzung zu wahren, selbst wenn man sich nicht liebe. Er werde in seinem Amt auf die Substanz der Argumente setzen, fügt er hinzu und sendet mit Fußballbildern an die Tagespolitik Signale aus.
Die junge Nationalelf habe in ihrem ersten Spiel in Südafrika gezeigt, was ein gutes Teamwork ermögliche - sprich, daran sollte sich die Koalition, sollten CSU und FDP sich orientieren. Bei einer Frage zur Sozialpolitik wagt er sich hinaus mit dem Satz, Sozialleistungen seien ein Sprungbrett ins Arbeitsleben, nicht etwas, was lebenslang vorgegeben sei. Privates erzählt er nicht viel, er jogge und spiele Basketball, gehe mit seiner Frau gerne auf Popkonzerte. Und auf die Frage nach seinem Amtsverständnis sagt er, ein Bundespräsident könne wertebildend wirken. Dabei nennt er „konservative Tugenden“ wie Aufrichtigkeit.
Auch von Linken respektiert
Konservative Tugenden: Das hätte ein Leitbild des Abends sein können, an dem Wulff zusammen mit dem früheren Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling, später Bosnien-Repräsentant der Vereinten Nationen, und dem früheren Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau an die Männer des 20. Juli als Vorbild für heute erinnert; er spreche ja, sagt er dort mit wissendem Lächeln, „als niedersächsischer Ministerpräsident“. Wie kaum ein anderer deutscher Politiker von Rang widmet sich Wulff dem Gedenken an die Männer und Frauen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, was ihm auch von der Linken Respekt einbringt.
Regelmäßig besucht er das schlesische Kreisau und spricht mit Jugendlichen über das Vermächtnis dieses Aufbegehrens gegen Hitler. Seit fünf Jahren trägt er in seltener Pflege einer wenig öffentlichkeitswirksamen Tradition in Hannover, organisiert von der Konrad-Adenauer-Stiftung, seine Gedanken zum Widerstand vor - Bundeswehrsoldaten und Angehörige der Opferfamilien danken es ihm. Dieses Mal schlug er vor, künftig stärker auch jene zu würdigen, die schon in den Jahren zwischen 1929 und 1933 Widerstand leisteten und früh Unheil verhüten wollten, die Weitsichtigen - damit auch Sozialisten wie Otto Wels und Kommunisten, denen sonst Wulffs Zuwendung nicht gilt.
Wulff: Ich will nicht in die Politik „hineinfunken“
Aber angespannt ist er in diesen Tagen schon. Das zeigt sich auch an der Breitseite, die er in diesem Kreis, in dem nur wenige Journalisten sitzen, gegen die Medien abgibt. Sie bereiten ihm genügend Anlass, sich zu ärgern; er brauche, sagt Wulff, wohl auch im Hinblick auf die Erfahrungen Horst Köhlers, mehr Gelassenheit - „sonst werde ich zerrieben“. Auch an Wulff, der sich stets kontrolliert gibt und daher manchmal auch kühl wirkt, geht nicht alles spurlos vorbei. Dabei war er vor sechs Wochen so entspannt und gelassen wie selten - da hatte er gerade sein Kabinett umgebildet und mit Aygül Özkan die erste muslimische Ministerin der Bundesrepublik berufen. Allseits war er dafür gelobt worden, auch von der Opposition erhielt er Zeichen des Respekts. Entspannt und gelassen - das könnte er nach einer erfolgreichen Wahl am 30. Juni wieder sein.
Neben seinen landesväterlichen Aufgaben - er behauptet, er liebe sie auch nach sieben Jahren, was bei seinen öffentlichen Auftritten sichtbar wird - absolviert er weiterhin politisches Routineprogramm, nimmt am Bildungsgipfel teil und an der monatlichen Landtagssitzung. Nur ist dies vermutlich seine letzte, mal abgesehen von jener am 1. Juli, in der er sich in Hannover verabschieden will. Wenn denn alles so kommt, wie es aus seiner Sicht kommen soll. Im Landtag ist er mal amüsiert - als ein CDU-Abgeordneter von der „Regentschaft“ Wulffs spricht -, mal heftig. Dann wettert er gegen Bremen, wirft der Hansestadt im Streit um den Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven vor, sie habe einer niedersächsischen Firma „ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen“.
Vorbild Nelson Mandela
Business as usual - Christian Wulff macht weiter Landespolitik, stellt sich in den Tagen vor der Wahl aber auch der neuen Herausforderung. Der FDP-Bundestagsfraktion - sie stellte ihm sieben Fragen nach seinen Schwerpunkten und seinem Amtsverständnis - sagt er bei seiner Vorstellung, er verstehe sich als Bundespräsident aller Deutschen und wolle nicht in die Politik „hineinfunken“. Aktiver im Gedankenaustausch mit der Regierung als Horst Köhler, der sich weigerte, das Bundeskanzleramt zu betreten, wird er aber sicher werden wollen. Die Unionsfraktion mahnt er, Deutschland stehe vor „gigantischen Herausforderungen“, er wolle den Menschen Mut machen. Nicht ohne Grund bezeichnet er Nelson Mandela als Vorbild.
Wulff bereitet sich auch auf seine Antrittsrede am 30. Juni vor, sollte ihn die Bundesversammlung wählen: Diese müsse gelingen, sagt er, denn sie vermittele einen „ersten Eindruck“, müsse Sorgfalt und Genauigkeit zeigen. Vielleicht wird er darin die Bemerkung von Kritikern widerlegen wollen, in seinen 30 Jahren in der Politik gebe es kaum eine Initiative von ihm, die einen Nachhall habe. Er könnte verweisen auf seine Sorge, die politische Kultur werde, in Inhalt wie auch Form, mit der Neigung zur Verkürzung und Aufbauschung bedrohlich ausgehöhlt. Wulff hat sich mit Hochschullehrern, Politikwissenschaftlern und Medienkundlern, denen er vertraut, getroffen und ihren Rat gesucht. Er hat auch die Antrittsreden aller Bundespräsidenten gelesen - er würde, nach seinem Geburtstag am Samstag, mit 51 Jahren der jüngste bisher sein. Er wolle, sagt Christian Wulff, den richtigen Aufschlag schaffen.
vor allem will Wulff sich dafuer einsetzen dasss die BRD
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 20.06.2010, 16:27 Uhr
Gefahr für die Demokratie
Walter Gerhartz (GWalter)
- 20.06.2010, 16:50 Uhr
wulff ?
j. mühlen (derrich)
- 20.06.2010, 20:05 Uhr
Wulff fern der Realität
Ungefragt Nachgefragt (Ungefragt)
- 21.06.2010, 13:32 Uhr
Bei einer bombensicheren Mehrheit in der Bundesversammlung angespannt?
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 21.06.2010, 13:59 Uhr
