20.06.2010 · Joachim Gauck kann reden, aber rechnen kann er auch. Und sieht seine Chancen auf das Bundespräsidentenamt realistisch. Gewonnen hat er aber jetzt schon. Denn er hat wieder mehr Menschen für Politik begeistern können.
Von Markus WehnerJoachim Gauck steht in Leipzig auf der Straße des 17. Juni. Wie jedes Jahr am Gedenktag des Volksaufstands in der DDR sind Bürgerrechtler gekommen, ein Häuflein Aufrechter und Verbitterter, an die Stelle, wo der erste Demonstrant vor 57 Jahren von einer Polizeikugel getötet wurde. Aber dieses Jahr ist alles anders. Die Zahl der Kameraleute, Fotografen und Journalisten ist größer als die der Teilnehmer. Alle drängen sich um den Kandidaten. Die drei Personenschützer des BKA, die Gauck seit diesem Tag begleiten, sind am Verzweifeln.
Der Kandidat ist scheinbar unbeeindruckt. Er lässt die Arme hängen und redet, frei, pathetisch, emotional, und trifft doch den richtigen Ton. Er erinnert an die Toten des 17. Juni, an die Erschossenen in den Kellern der Lubjanka in Moskau, an Ungarn, Prag und Polen, die lange Kette der Niederlagen, die 1989 die Füße und Seelen der Menschen in der DDR gefesselt hätten. Trotzdem habe man den Mut gefunden, loszugehen. So wie Joachim Gauck redet, wirkt er schon verdammt präsidial.
Reden ist seine Mission
Gauck ist einnehmend. Das Besondere an seinen Reden ist, dass hinterher kaum jemand sagen kann, was er genau gesagt hat. Aber die Rede hinterlässt das Gefühl, dass da einer fest für etwas steht. Wenn Gauck spricht, dann werden selbst Renate Künast und Sigmar Gabriel still. Das ist auch gelernt. Schließlich ist Gauck Prediger. Es gibt einen Gauck-Duktus; dabei kommt es darauf an, was man am Ende sagt. Aber es ist auch eine Gabe, eine Gnade, wie der Theologe sagen würde. Gauck weiß das.
Reden ist für ihn lebenswichtig, es ist seine Mission. „Mir ist es immer wieder gelungen, durch meine Reden Menschen zu ermutigen, sie zu etwas zu bringen, was sie sonst nicht getan hätten“, sagt er im Gespräch. Gauck kann auch dozieren und monologisieren, er kann Leute an die Wand quatschen. Doch er gewinnt im Gespräch dadurch, dass er offen ist, sich anrühren lässt, etwa einem plötzlich die Hand gibt, weil man etwas gesagt hat, was er besonders gut findet.
Nicht zuletzt ist er schlagfertig. Als ihn der Moderator beim Leserforum der „Leipziger Volkszeitung“ am Donnerstagabend fragt, ob er auch Kandidat der SPD und der Grünen geworden wäre, wenn diese Parteien in der Bundesversammlung eine sichere Mehrheit gehabt hätten, pariert er: „Wenn man ganz sicher ist, kommt man oft nicht auf die innovativsten Ideen.“
Und als er, 70 Jahre alt, bewerten soll, ob nicht das vergleichsweise junge Alter des Kandidaten Wulff ein Nachteil für einen Bundespräsidenten sei, sagt Gauck: „Ich habe junge Leute hinreißende Dinge tun sehen.“ Wenn er etwas an Wulff auszusetzen hätte, dann wäre dessen Alter das Allerletzte.
„Wir brauchen nicht nur Genies in der Politik“
Aber er hat nichts auszusetzen, nicht öffentlich. Wulff und Gauck haben sich vor ein paar Tagen in Berlin im Grunewald auf einen Kaffee getroffen, auf Wunsch des Mannes aus Hannover. Gauck verrät nicht den Ort und den Initiator des Treffens, er sagt nur: „Ich hatte eine unheimlich freundliche Begegnung mit ihm.“ Es sei sicher, dass man übereinander kein negatives Wort verlieren werde. Gauck scheut in der Diskussion den billigen Erfolg.
Auf die Frage nach einer möglichen Direktwahl des Bundespräsidenten wägt er das Für und Wider ab, legt sich nicht fest. Auf Politikerbeschimpfung lässt er sich nicht ein. „Die Politiker sind wie wir: Es gibt eine große Bandbreite von begnadet bis leicht unterbelichtet.“ Aber das sei in Ordnung, „wir brauchen nicht nur Genies in der Politik“. Und als Klage geführt wird über die Verkommenheit der Politik, sagt er: „Zum Politischen gehört auch Intrige und Trickserei. Da muss man nicht gleich in Ohnmacht fallen oder sich abmelden.“ Solche Sätze machen die Predigt des Moralisten Gauck erträglich und heiter.
Sein Weg ist nicht geradlinig
Mit Moral ist Gauck von klein auf konfrontiert. Das Schicksal des Vaters, den die Russen 1951 verhaften und für viereinhalb Jahre nach Sibirien bringen, ist eine „Erziehungskeule“, schreibt Gauck in seinen Memoiren. „Wir sind die Anständigen“ ist das Motto, mit dem er aufwächst. Widerstand als Familientradition. Und doch ist der Weg des späteren Pastors, der eigentlich Journalist werden wollte, nicht geradlinig.
Auch sein größter Erfolg, seine führende Rolle in der friedlichen Revolution von 1989/ 1990, hat ihren Preis. Die Ehe des Revolutionärs, der plötzlich mehr in Berlin ist als im heimatlichen Rostock, geht 1990 in die Brüche. Wenn man hört, wie Gauck über seine vier längst erwachsenen Kinder spricht, wenn man sieht, wie er seine Enkelin, die Studentin Louise, herzt, die mit ihren WG-Mitbewohnern zur Gedenkveranstaltung in Leipzig gekommen ist, dann versteht man, wie wichtig für Gauck Familie ist. Seit zehn Jahren lebt er mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen.
Man merkt, dass es ihn nervt
Auch als Leiter der nach ihm benannten Behörde ist Gauck von 1990 an zehn Jahre lang umstritten. Dass er zunächst knapp zwanzig Leute aus der Stasi als Fachleute in der Behörde behält, wird bis heute kritisiert – auch, dass mehr als 50 Personenschützer und Wachleute weiter dort Dienst tun. Gauck rechtfertigt das, redet es auch klein; man merkt, dass es ihn nervt, das alles noch einmal erklären zu müssen.
Gauck hat in seiner Rolle als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen enormes Standvermögen bewiesen, auch gegen den Widerstand der alten Stasi-Kader, deren Einfluss nicht so unbedeutend war, wie er es heute ist. Dass er sich später auf Gregor Gysi oder auf Helmut Kohl nicht ohne persönlichen Ehrgeiz einschoss, haben viele als unprofessionell empfunden – auch als Teil der Eitelkeit, von der Gauck selbst behauptet, dass er von ihr heute weit weniger geplagt sei als früher.
Gauck ist Ende der Neunziger längst über das Thema Stasi hinaus
Ein Behördenleiter im engeren Sinne ist Gauck nie gewesen. Er hat Glück, dass er gute Leute an die Seite bekommt, etwa Hansjörg Geiger, den späteren BND-Chef und Staatssekretär im Justizministerium, der Verwaltungseffizienz mitbringt. Geiger gehört jetzt zu Gaucks schnell zusammengerufenem Team alter Vertrauter, die seinen „Stab“ bilden, ebenso wie der Journalist Johann Legner, einst Gaucks Sprecher, der Oberkirchenrat David Gill, der ebenfalls in der Behörde tätig war, oder seine rechte Hand, die Publizistin Helga Hirsch, einst mit Gauck liiert, die seine Memoiren mit verfasste.
Die Rolle, die er in den vergangenen zehn Jahren gespielt hat, findet Gauck schon als Bundesbeauftragter. Er ist Ende der neunziger Jahre längst über das Thema der Staatssicherheit hinaus, angekommen bei den Fragen von Freiheit und Demokratie, der inneren Einheit, den Mentalitäten der Ost- und Westdeutschen. Bevor man den Wessis unterstelle, sie hätten vor lauter Egoismus schon Hornhaut an den Ellbogen, solle man schauen, ob man nicht selbst Hornhaut auf den Knien habe, sagt er in Leipzig.
Natürlich will er auch richtig gewinnen
Als seine zweite Amtszeit als Bundesbeauftragter im Jahr 2000 zu Ende geht, signalisiert man Gauck aus den Parteien, dass weitere fünf Jahre per Gesetzesänderung möglich seien. Doch Gauck will die goldene Brücke in die Pension nicht, keine Lex Gauck bitte. Angebote mehrerer Parteien, in die Politik zu wechseln, schlägt er aus. Er lässt sich auf das Wagnis ein, eine Gesprächssendung im Fernsehen zu moderieren. Er glaubt, dass er so eine Person des öffentlichen Lebens bleibe. Die Sendung floppt, auch weil Fragen stellen nicht das Gleiche ist wie selbst reden.
Gauck besinnt sich auf das Letztere. Als Redner ist er gut im Geschäft. Es ist ein freies Leben, freier, als es ein Leben im Schloss Bellevue wäre. Würde er die Last des Amtes schultern? „In meinem Leben sind mir immer die Kräfte zuteil geworden, die ich brauche“, sagt er im Gespräch. Nun muss er erst mal etwas essen, „sonst falle ich um“, sagt Gauck, der seit dem Morgen unterwegs ist. Noch zwei Termine mit Journalisten stehen an diesem Abend an. In dieser Woche wird er mehrere Landtagsfraktionen besuchen, am Dienstag eine große Rede im Deutschen Theater halten.
Gewonnen hat Gauck jetzt schon. Er ist noch einmal im ganzen Land bekannt geworden. Leute, die sich angeblich nicht für Politik interessieren, tun das nun. Natürlich will er auch richtig gewinnen. Drei FDP-Wahlmänner aus Sachsen haben sich auf ihn festgelegt. Das reicht nicht. Aber Gauck redet anders über seine Chancen als eine Woche zuvor. „Rechnen kann ich immer noch“, sagt er. „Ansonsten gilt das Wort eines großen deutschen Philosophen: Schau’n wir mal.“
Wulff hat schon verloren
Arne Peters (Jahiro)
- 20.06.2010, 14:13 Uhr
seine Auftritte in den letzten Tagen zeigen doch
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 20.06.2010, 14:54 Uhr
@Arne Peters (Jahiro) in allen Punkten meine Zustimmung -
Bernd krause (SpringAir)
- 20.06.2010, 16:02 Uhr
Ist Joachim Gauck der richtige Mann ?
Nicolay Kucharczyk (Nicolay.Kucharczyk)
- 20.06.2010, 16:35 Uhr
Ist Joachim Gauck der Richtige Mann ? Nachtrag
Nicolay Kucharczyk (Nicolay.Kucharczyk)
- 20.06.2010, 16:47 Uhr
Markus Wehner Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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