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Joachim Gauck im Porträt Der Verdiente

29.06.2010 ·  Der Kandidat der SPD und der Grünen für das Amt des Bundespräsidenten genießt die Rolle des Außenseiters: Joachim Gauck baut sich zwar als Alternative zum etablierten System auf, sein Verhältnis zur Parteipolitik ist jedoch ein ambivalentes.

Von Majid Sattar und Stephan Löwenstein, Berlin/Hannover
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Das Licht ist gedämpft, und die Luft wird allmählich stickig in der Halle des einstigen Wasserversorgungswerks im Berliner Osten. Es ist schwer zu erkennen, ob es Joachim Gauck nicht doch etwas mulmig wird angesichts der überschwänglichen Ergebenheitsadressen. „Der Gute in diesem Film sind Sie“, sagt gerade der Schriftsteller Bastian Sick von der Bühne herab über den Mann, den SPD und Grüne als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten benannt haben. „Ich wünsche mir für das höchste Staatsamt den Mann, der es verdient hat.“

Verdient – das ist die wahrscheinlich treffendste Zusammenfassung der Stimmung an diesem Freitagabend auf der Veranstaltung, die die Ausrichter „Bürgerfest für Joachim Gauck“ genannt haben: Nicht „der andere“ habe das Präsidentenamt „verdient“ und mithin nicht die Parteien, sondern er, Gauck, und mit ihm „wir“, die „Bürger“, jedenfalls die hier anwesenden. Durchs Programm führt Christoph Griesa, der Mann, der eine Internetbewegung für Joachim Gauck ins Leben gerufen hat, der nach seinen Angaben schon 35.000 Leute angehören: fast schon die Größenordung einer Partei. Gauck denkt über diesen Mittwoch hinaus – „wenn die Personalie Gauck erledigt ist, so oder so“.

Was soll dann bleiben von dieser Bewegung, wenn nicht bloß noch weitere Parteien- und Politikverdrossenheit? Gauck nennt sie eine „Suchbewegung“. In seiner kurzen Ansprache an seine Unterstützer auf dem „Bürgerfest“ baut er sich selbst zwar als Alternative zu dem etablierten System auf. „Bürgerinnen und Bürger: Wir machen den Staat.“ Aber er will doch auch die bestehenden Institutionen gewürdigt wissen, die einen vielleicht manchmal „ärgern“, aber doch sechzig Jahre lang dort, wo ihre Regeln gegolten haben, Recht, Wohlstand und Frieden gesichert hätten. Von den Parteien spricht er freilich nicht ausdrücklich; bloß von den „Politischen“, denen er etwas herablassend zugesteht, dass man ihren „Sachverstand“ benötige.

„Ich würde sie wählen, wenn ich könnte“

Wer hat Joachim Gauck als Präsidentschaftskandidaten „erfunden“? Jürgen Trittin, einer der beiden Grünen-Fraktionsvorsitzenden, widerspricht der hier und da publizierten Annahme nicht, dass der politische Coup auf ihn zurückgehe. Mit ihm telefonierten die – ebenfalls niedersächsischen – SPD-Granden Gabriel und Steinmeier. Allerdings ist bei den Grünen auch die andere Version zu hören, wonach Trittin von der anderen Fraktionsvorsitzenden Renate Künast sowie der aus Sachsen-Anhalt stammenden Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke habe beredet werden müssen, dem Vorschlag Gauck zuzustimmen. Dass Gauck bei den Grünen zur Debatte stehen würde, lag jedenfalls nahe, schon im vergangenen Jahr hatten die Grünen erwogen, ihn zu fragen, ob er als ihr Kandidat zur Verfügung stehe.

Damals, 2009, kam die Anregung von Andreas Schulze. Der undogmatische Grüne aus dem Osten Berlins war einst Pressesprecher Künasts, später sprach er für die Gauck-Behörde. Jetzt ist er einer der Sprecher des Präsidentschaftskandidaten und organisiert den Terminkalender des Mannes, der sich knapp einen Monat im Ausnahmezustand befand. Gauck verlebt fremdgesteuerte Tage eines Predigers, der auf die Reise geschickt wurde.

Der ICE rauscht mit 200 Stundenkilometern durch das platte Land Niedersachsens. Wenige Stunden zuvor hat Gauck eine Grundsatzrede im Deutschen Theater in Berlin gehalten und steuert nun den Landtag in Hannover an, wo er sich den dortigen Wahlmännern und -frauen für die Bundesversammlung stellt. Ein älterer Herr in der erster Klasse wendet sich an ihn: „Herr Gauck, ich würde Sie wählen, wenn ich könnte.“ „Tja, so geht mir das in diesen Tagen häufig“, entgegnet Gauck zufrieden. Als er vor dem Landtag vorfährt, hat Christian Wulff die Landeshauptstadt gerade verlassen und sich auf seine Sommerreise durch Niedersachsen begeben.

Ambivalentes Verhältnis zur Parteipolitik

Der Ministerpräsident ist vor wenigen Tagen 51 Jahre alt geworden. So alt war Gauck, als sein zweites Leben begann, als er in seiner Kirchengemeinde im politisch etwas verschlafenen Rostock sagte: „Anderswo in der DDR gehen die Menschen gerade auf die Straße.“ Und dann ging auch der Hirte mit seinen Schäflein auf die Straße. Gauck war recht verärgert über Sigmar Gabriels Äußerung bei der Kür des Kandidaten, er, Gauck, bringe ein Leben mit, Wulff nur eine politische Laufbahn.

Was wäre aus Gauck geworden, wenn er 1989 nicht 50, sondern 35 Jahre alt gewesen wäre, so alt wie Angela Merkel seinerzeit? „Ich wäre wohl in die Parteipolitik gegangen“, sagt er, ohne lange zu überlegen. Gauck machte nur einen kurzen Ausflug in die Parteiendemokratie; er saß kurz für Bündnis 90 in der frei gewählten Volkskammer und legte wenige Wochen nach der Vereinigung sein Bundestagsmandat nieder, um die Leitung der Stasi-Unterlagen-Behörde zu übernehmen.

Sein Verhältnis zur Parteipolitik ist ein ambivalentes. Er zieht all jene Menschen an, die sich nach einem politischen Ideal sehnen, das es nie gegeben hat. Er distanziert sich von der gegenwärtigen Parteiendemokratie, aber er verschmäht sie nicht. Er schwingt sich nicht auf zum Kopf einer Bewegung wider den Parteienstaat. Worte wie Machtvergessenheit und Machtversessenheit, die einst Richard von Weizsäcker benutzte, um sein Bedürfnis nach Distanz zum kleinen Karo der Politik auszudrücken, macht er sich nicht zu eigen. Er spricht schlicht über die Parteien, wie ein weiser Großvater mit seinem halbstarken Enkel: Nun lasst doch mal Vernunft walten! Er stellt sich nicht gegen etwas, er steht einfach darüber. Dazu passt seine Selbstbeschreibung als linker, liberaler Konservativer – sie ist in etwa so bescheiden wie das Motto der Französischen Revolution.

Gauck, der „Demokratielehrer“

Irgendwie steckt er aber nun selbst in der Parteipolitik. Er weiß, dass SPD und Grüne ihn nie nominiert hätten, wenn beide eine Chance gehabt hätten, ihren Kandidaten in der Bundesversammlung durchzubringen. Und er weiß auch, dass er Rot-Grün dazu dient, sich von der Linkspartei zu distanzieren, ihre Bürgerlichkeit zu demonstrieren und der Koalition, die sich bürgerlich nennt, den Spiegel vorzuhalten, in dem sie sich als Halbstarke sehen möge. Trotzdem gefällt er sich in seiner Rolle, der andere Kandidat ohne Chance zu sein: „Jedem Menschen tut es gut, gefragt zu sein. Auch mir“, sagt er. Er wolle ein Zeichen setzen. Seine Rolle als Underdog erlaubt es ihm, die gebotene Distanz aufrechtzuerhalten.

In Hannover berichtet er den Landtagsabgeordneten von seiner „Berliner Rede“ – das klingt schon mächtig präsidial. Darin hatte er seinen Lebensweg nachgezeichnet, hatte von Zivilcourage und Angst gesprochen, von gesellschaftlicher Lethargie und politischer Ermutigung, von entmündigender Fürsorge und der Kraft der Freiheit, die sich an den Gemeinsinn bindet. Gauck, der „Demokratielehrer“ – so hatte ihn Angela Merkel bezeichnet, vor seiner Kandidatur, versteht sich. Das Publikum hängt stets an seinen Lippen. Diese Sehnsucht nach einer anderen Politik, die sich in der Bevölkerung breitmacht, übersetzt sich in eine große Unruhe in Union und FDP. Wie werden ihre Mitglieder der Bundesversammlung stimmen? Werden sie den ersten Wahlgang nutzen, um der Bundeskanzlerin und ihrem Vizekanzler eine Botschaft zu senden?

Gauck bleibt gelassen

Gauck wird zugetragen, in der Unionsfraktion werde nicht davor zurückgeschreckt, auf seine privaten Verhältnisse hinzuweisen. Der evangelische Pastor, der vier erwachsene Kinder hat, trennte sich nach der Wende von seiner Frau und führt seit Jahren eine Beziehung mit der Journalistin Daniela Schadt. Geschieden ist die Ehe mit der Mutter seiner Kinder nicht. Das Gerede, das ihn bei Konservativen in Verruf bringen soll, veranlasst ihn, Dinge zu sagen, die er so nicht eingeplant hatte, zumal er annehmen konnte, dass das Thema in der Union Angela Merkels und Christian Wulffs keines mehr ist: Er erwäge nun, seine Lebensgefährtin zu heiraten. Und ja, vorher müsse er sich scheiden lassen.

Ein anderes Thema hatte er eingeplant, es war sozusagen Teil des Coups seiner Nominierung. Immer wieder wird er auf die Linkspartei angesprochen – und nicht einmal äußert er sich zweideutig, wie es Gesine Schwan einst tat. In Hannover meldet sich ein Abgeordneter der Linkspartei zu Wort und fragt, warum der Kandidat vor Rot-Rot-Grün warne. Gauck bleibt gelassen und verweist darauf, dass er lediglich bestritten habe, ein Vorbote für ein Linksbündnis zu sein. Er habe im Übrigen eine höfliche Einladung von Herrn Gysi erhalten, einen Tag vor der Bundesversammlung mit der Bundestagsfraktion der Linkspartei zu sprechen. „Als höflicher Mensch nehme ich die Einladung natürlich an.“

Sommerfest - so oder so

Den jungen Mann überzeugt das nicht. Er habe kein Argument gehört, in einem möglichen zweiten oder dritten Wahlgang für ihn und nicht für Lukrezia Jochimsen zu stimmen. Später wird Gauck sich ärgern über seinen Auftritt im Landtag, unkonzentriert sei er gewesen, habe zu viel über die DDR und zu wenig über das Amt des Bundespräsidenten geredet.

Am 2. Juli, zwei Tage nach Zusammentritt der Bundesversammlung, wird Joachim Gauck gemeinsam mit Christian Wulff das Sommerfest des Bundespräsidenten besuchen – so oder so. Beide haben das miteinander verabredet. Am Wochenende danach wird er nach Wustrow fahren, ins Haus seiner Großeltern. Er hat sich vorgenommen, dann an der Ostsee spazieren zu gehen. Er werde, sagt er, nicht in ein Loch fallen.

Joachim Gauck

- Geboren am 24. Januar 1940 in Rostock.

- Nach dem Studium der evangelischen Theologie wirkte er von 1967 an als Pfarrer.

- Er wurde im März 1990 für das Bündnis 90 in die erste frei gewählte Volkskammer gewählt.

- Am 2. Oktober 1990 wurde er zum „Sonderbeauftragten für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR“ ernannt.

- Die später umgangssprachlich nach ihm benannte „Gauck“-Behörde leitete er bis Oktober 2000.

- 1999 lehnte er einen Vorstoß aus Kreisen der CSU ab, bei der Bundespräsidentenwahl im selben Jahr anzutreten. (F.A.Z.)

Quelle: Text: Von Günter Bannas, Stephan Löwenstein, Robert von Lucius und Majid Sattar / F.A.Z.
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