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Joachim Gauck Ein bürgerlicher Held

05.06.2010 ·  Der Überraschungskandidat der SPD und der Grünen für das Amt des Bundespräsidenten verkörpert die Werte, die in der Zukunft zählen werden. Joachim Gaucks Kandidatur ist ein Coup und ein intellektuelles Versprechen, das an die Bewerbung Richard von Weizsäckers erinnert.

Von Regina Mönch
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Die Überraschung liegt nicht darin, dass SPD und Grüne einen Kandidaten aufstellen. Die Überraschung liegt darin, dass dieser Kandidat eine moderne Bürgerlichkeit repräsentiert, die sich Parteien nicht zuordnen lässt. Seit der ersten, erfolglosen Kandidatur Richard von Weizsäckers um das Amt des Bundespräsidenten, hat es ein solch intellektuelles Versprechen bei einem angeblichen Zählkandidaten nicht gegeben.

Wodurch zeichneten sich die großen Präsidenten dieser Republik aus? Sie waren Männer des Wortes und eigener Überzeugung. Wie Richard von Weizsäcker, den die Katastrophe des Nationalsozialismus geprägt hat und dessen Rede zum 8. Mai einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Schuld und Verantwortung einleitete. Einen Präsidenten, der in vergleichbarer Weise für den Umgang mit der zweiten Diktatur, dem Kommunismus und seinen Folgen steht, hatten die Deutschen noch nicht. Überhaupt hat es bisher außer Václav Havel noch keinen Bürgerpräsidenten für die Nachkriegsperiode gegeben, der mit seiner Person und seinen Werten für den Weg aus dieser Vergangenheit steht.

Eigensinnig im besten Sinne des Wortes

Der bürgerliche Held, auf den das Land wartet, heißt Joachim Gauck. Er ist gerade nicht, wie die Linke uns glauben machen will, ein Mann der Vergangenheit, sondern er hat uns sensibel gemacht für verloren geglaubte Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung und Bildung, ohne die es keine Zukunft gibt. Einen unabhängigen Kandidaten wie Gauck haben viele der SPD und den Grünen nicht zugetraut. Und die ersten Kommentare zu dieser spektakulären Entscheidung begannen fast alle mit dem verzagten Hinweis, er habe, rein rechnerisch, keine Chance - was allein schon nicht stimmt, will man wenigstens noch die Bundesversammlung ernst und beim Wort nehmen dürfen. Denn Joachim Gauck steht zur Wahl und gewählt wird kein Konsolidierungsprogramm für Parteien, sondern eine Person. Ihr muss man Visionen zutrauen und kraftvolle Reden, die nicht blank geschminkt sind und deren Anspruch sie verkörpert.

Und es sind Reden, wie sie nur wenige noch halten können, aber Joachim Gauck eben doch: mitreißend, eigensinnig im besten Sinne des Wortes. Er konnte es schon vor mehr als zwanzig Jahren, auch wenn diese Gabe, Menschen mit kraftvollen Worten aus der Umklammerung der Angst und der Verzagtheit zu befreien, damals erst wenigen bekannt war. 1989 änderte sich das innerhalb kürzester Zeit. Seine politischen Predigten wurden in seiner Heimatstadt Rostock in fünf Kirchen gleichzeitig gehalten, er selbst stand auf der Kanzel der Marienkirche, jeden Donnerstag im Herbst der Anarchie, und zog Tausende Menschen in seinen Bann.

Nichts ginge über diese Zeit, sagte Joachim Gauck einmal in einem Interview. Wenn er sich daran erinnere, dann nicht an die Menschenmenge, die ständig wuchs, sondern an „das langsame Kippen der Angst in den Mut“. Dass dies möglich ist, sei eine Erfahrung, die einer verunsicherten Gesellschaft heute gut täte, zumal sie gerade großen Teilen der politischen Klasse abhanden gekommen zu sein scheint. Eine Aufbruchstimmung wird eben nicht mit Steuernachlässen für Hotels oder 30-Euro-Aufschlägen für die Krankenversicherung erzeugt. Sie braucht das Wort, das zu Taten herausfordert.

Ohne verklemmte Pathosallergie

„Fürchtet euch nicht“, diesen Satz aus der Heiligen Schrift hatte Joachim Gauck ins Zentrum seiner großartigen Rede vor zwei Wochen bei der Verleihung der Journalistenpreise der Axel-Springer-Akademie gestellt. Natürlich ging es ihm zuerst wieder um die Freiheit, um die Furcht vor und die „machtvolle Sehnsucht“ nach ihr. Die Freiheit der Erwachsenen heiße Verantwortung, sagte Gauck: „Und sie ist deshalb so ein hochinteressantes und wertvolles Gut, weil es keine andere Lebensform gibt, mit der denkende Menschen glücklich sein können.“ Kaum jemand in diesem Land kann über unser eigentliches Selbstverständnis so klar und ohne verklemmte Pathosallergie sprechen.

Joachim Gauck wuchs in einer Familie auf, in der das Gegenteil von Freiheit exemplarisch den Alltag bestimmte. Der Vater verschwand 1951 in einem stalinistischen Straflager in Sibirien, war „abgeholt“ worden. Dieses deutsche Synonym für Staatsterror, von der einen Diktatur in die andere übernommen, gehört zu den prägenden Kindheitserinnerungen Joachim Gaucks. Im Klassenzimmer der Schule hing ein Stalin-Bild an der Wand - er und seine Geschwister wussten, wer das ist und wie er ist, auch wenn die Lehrer anderes erzählten. Sie hätten früh begriffen, so Gauck, was es bedeute, „bei sich selbst zu sein“. Er durfte nicht Germanistik studieren und wurde auch darum Pfarrer und Theologe. Er hätte gehen können und blieb - auch das gehört zu seiner Vorstellung von Verantwortung.

Ohne Liebe zur Wahrheit ist nichts zu haben

Oft ist Joachim Gauck von Gegnern unterstellt worden, er spalte die Gesellschaft. Ein Vorwurf, der sich mit seinen Amtsjahren an der Spitze jener ungewöhnlichen Behörde erledigt hat, die schließlich seinen Namen trug. Das Gegenteil aller Bedenken ist eingetroffen, und der Versuch, mit der Wahrheit zu leben, ist geglückt. Das verdankt Deutschland vor allem Joachim Gauck.

Er verkörpert in seiner Person alles, was eine Bürgergesellschaft im einundzwanzigsten Jahrhundert braucht: Die Liebe zur Freiheit und die Überzeugung, dass sie ohne Liebe zur Wahrheit und ohne eigene Verantwortung nicht zu haben ist.

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