03.06.2010 · Als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen wuchs und lernte Joachim Gauck. Nach seiner Ablehnung, 1999 gegen Johannes Rau anzutreten, schien die Politik keine Verwendung mehr für ihn zu haben. Nun soll er Bundespräsident werden.
Von Mechthild KüpperJoachim Gauck hat, was ein Bundespräsident braucht: die Gabe der geistreichen, eigenwilligen, mitreißenden und nachdenklichen öffentlichen Rede. Als Pfarrer in Rostock hatte er zwischen 1970 und 1990 Gelegenheit, sie zu trainieren, aber erst im neugeschaffenen Amt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, das er von 1990 bis 2000 innehatte, hörten ihm so viele Menschen zu, dass seine Worte zu politischen Taten wurden.
Kurz vor seinem 70. Geburtstag im Januar dieses Jahres schrieb er seine Memoiren „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“, so dass sich alle ein Bild davon machen können, wer dieser Joachim Gauck ist. Längst ist er nicht mehr nur „Herr der Akten“, sondern gehört wie der Philosoph Richard Schröder und der Mediziner Jens Reich zu denen, die wegen ihrer Herkunft aus einer Diktatur auf eine Weise über Freiheit zu denken und zu reden verstehen wie nur wenige, die in ihr aufwuchsen. Wenn Horst Köhler der Bundespräsident ist, der das Amt beschädigte, indem er zurücktrat, so war Gauck derjenige, der in einem vollkommen neuen Amt lernte und wuchs und immer scharfsinniger wurde.
Einen Vorstoß aus CSU-Kreisen, bei der Bundespräsidentenwahl 1999 als Gegenkandidat von Johannes Rau anzutreten, hatte Gauck abgelehnt. Die deutsche Politik schien dann, als er das Amt, das er stark geprägt hatte, aufgab, keine Verwendung mehr für ihn zu haben. Nun ist Gauck siebzig – und man erinnert sich seiner Stimme: Die SPD und die Grünen wollen, dass er Bundespräsident wird. Gauck ist unberechenbar, aber nicht in dem Sinn, dass er nicht verantwortungsbewusst und verlässlich wäre, sondern weil man nicht vorhersagen kann, wie er sich entscheidet. So überraschte er beispielsweise diejenigen, die ihn für „links“ hielten, vor etlichen Jahren damit, dass er sich für das Projekt einsetzte, der Vertreibung der Deutschen aus ihren alten Siedlungsgebieten im Osten angemessen zu gedenken.