Etwas erschöpft und unkonzentriert, fast fahrig wirkte Horst Köhler, als er am Freitag vor Pfingsten in der kleinen Besprechungskabine des Luftwaffen-Airbus die Journalisten noch einmal um sich versammelte. Die Mitreisenden mochten das auf ein anstrengendes Programm zurückführen: Der Bundespräsident hatte Deutschland auf der internationalen Weltausstellung in Schanghai vertreten und war dann auf dem Rückflug in Usbekistan zwischengelandet, um die Bundeswehrsoldaten im Einsatzland Afghanistan zu besuchen. Es ist eine merkwürdige Ironie, dass ausgerechnet die Berichterstattung über diesen Besuch es nun war, die den Anlass für Köhlers Rücktritt geboten hat. Denn es war zuvor einiges unternommen worden, um diese Berichterstattung zu ermöglichen.
Dass solche ranghohen Afghanistan-Besuche zuvor geheim gehalten werden, ist üblich: Wegen der Sicherheit. In diesem Fall erfuhren die mitreisenden Journalisten sogar erst nach Abflug in Schanghai über das Bordmikrofon offiziell von Köhlers Plan, dass der ohnehin notwendige Tankzwischenhalt nicht in Nowosibirsk, sondern im usbekischen Termes sein werde - und davon, dass sie dort bleiben müssten, weil sie ja kein afghanisches Visum hatten. Doch dient solch ein Truppenbesuch nicht nur der Information des Besuchers, sondern er enthält auch eine wichtige Botschaft an die Truppe wie auch an die Gesellschaft im Heimatland. Es war das erste Mal, dass das Staatsoberhaupt die Soldaten in diesem gefährlichen Einsatz besuchte. So wurden nicht nur die Fernsehreporter, die gerade in Afghanistan waren, nach Mazar-i-Scharif befördert und der Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur aus Delhi mobilisiert, sondern auch eine kleine Gruppe von Berichterstattern (mit Visum) aus Berlin.
„Licht und Schatten“
Köhler wechselte also in Termes in einen Transall-Transporter, um die kurze Flugstrecke nach Mazar-i-Scharif zu überwinden, wo die Unterstützungsbasis der Afghanistantruppe Isaf im Norden des Landes und das größte Bundeswehrfeldlager liegen. Dort gab es ein auf rund zwei Stunden gedrängtes Programm: Eine Lageunterrichtung durch den Regionalkommandeur, Brigadegeneral Frank Leidenberger, dann eine knappe Ansprache des Präsidenten an die Soldaten. Schließlich suchte Köhler noch das freie Gespräch mit den Männern und Frauen in Uniform, die sich um ihn scharten.
Als Horst Köhler dann im Camp Marmal von den Soldaten wissen wollte, wie sie denn die Erfolgsaussichten für den Einsatz in Afghanistan einschätzen, entstand erst einmal ein fast quälender Moment der Stille. Endlich raffte sich ein dabeistehender amerikanischer Soldat zu einer Antwort auf: Ja, er glaube, man könne gewinnen. Köhler sollte hinterher seine Erkenntnis so zusammenfassen, die Soldaten sähen „Licht und Schatten“. Doch von dem anfänglichen Schweigen auf seine Frage nach den Erfolgsaussichten war Köhler sichtlich beeindruckt. Im Flugzeug, wo er später die in Termes zurückgebliebenen Journalisten entschädigte, indem er über seinen Aufenthalt im Camp Maraml berichtete, erzählte er diese Szene binnen weniger Minuten gleich mehrmals. Was er nicht wissen konnte ist, dass der von ihm angesprochene junge amerikanische Hauptmann zum Pressestab des Regionalkommandos gehört.
Die „Bild“-Zeitung berichtete am Sonntag darauf über diesen Vorfall, dass deutsche Soldaten sich enttäuscht über den Präsidenten gezeigt hätten, weil der sie gefragt habe, warum sie nicht auch eine solche Antwort gegeben hätten wie der Amerikaner. Andere Zeitungen, auch diese, griffen diese Berichterstattung auf, mal mit politischem, mal mit feuilletonistischem Einschlag. Kopfnoten wurden verteilt: „Vier“. Dabei hatte er offenkundig nur versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen, so gut das in einer solchen Menschentraube möglich ist. Zu hören, was die Soldaten denken, daran war dem Präsidenten sichtlich gelegen - seine drängenden und zupfenden Organisatoren konnten ihn kaum loseisen, obwohl die Zeit drängte.
Das war der erste kleine publizistische Schatten auf dem Bild, das der Präsident mit seinem Abstecher eigentlich hatte entwerfen wollen. Er wolle alles tun, damit die Soldaten zu Hause den Rückhalt bekämen, den sie verdienten, hatte er in vielen Varianten versprochen. Jetzt war die Botschaft von einer enttäuschten Truppe in der Welt.
Die Sache mit den Interessen
Dann kam die Sache mit den Interessen einer Außenwirtschaftsnation. Das Thema hatte der Präsident offensichtlich setzen wollen, er schnitt es auf der Rückreise mehrfach an. In der Presserunde im Flugzeug kam es im Zuge von langen Sätzen zur Sprache, die zwischen einerseits und andererseits mäanderten. Zusammengefasst: Ein guter Ansatz, mit dem die internationale Gemeinschaft nun in Afghanistan vorgehen wolle. Doch dürfe man nicht „in Euphorie verfallen“. Es gebe eine „gesunde Skepsis“ der Deutschen, was die Erfolgsaussichten militärischer Einsätze betrifft. Aber: Es sei insgesamt gut, dass die Deutschen jetzt lernten, dass sie „im Zuge einer Normalisierung“ international ihren Anteil an Sicherheitspolitik übernähmen. Von „Selbstbehauptungswillen“ sprach der Präsident und vom Selbstbewusstsein, „die legitimen deutschen Interessen durchzusetzen“. Dann sprach er wieder davon, dass ein ungebrochener Stolz auf „unsere Soldaten“ in Deutschland aus guten Gründen eben nicht möglich sei.
Das Thema variierte Köhler anschließend noch einmal in einem kurzen Interview mit dem Deutschlandradio - kürzer, mit weniger Andererseits, wenn auch immer noch gewunden, und vor allem ohne rhetorische Brandmauer zu dem konkreten Einsatz in Afghanistan. Erst eine halbe Woche später entdeckten die Kritiker die Passage. Jemand fasste die nun folgende Debatte so zusammen: „Blut für Öl?“
Die gnadenlose, aber notwendige Aussortierung der Schwachen
Frank Bach (Spindel)
- 01.06.2010, 09:53 Uhr
Weißbuch der Bundeswehr
Otto Fragender (Fragender)
- 01.06.2010, 10:29 Uhr
macht nachdenklich
Helga Schulz (colorcraze)
- 01.06.2010, 18:34 Uhr
Ende einer Dienstreise
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 01.06.2010, 23:33 Uhr
