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Gaucks Grundsatzrede Die Gedanken sind frei

 ·  Gauckomania in Berlin: Im überfüllten Deutschen Theater in Berlin hält der Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen eine Grundsatzrede. Die rot-grüne Prominenz zeigt Präsenz, aber auch Kurt Biedenkopf ist da. Eine Euphorie in drei Akten.

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Dienstagvormittag, Deutsches Theater, Berlin-Mitte. Aufführung: Joachim Gauck - eine Euphorie in drei Akten.

Erster Akt: Der Unterstützerkreis für den Präsidentschaftskandidaten verteilt Buttons mit dem Aufdruck „Gebt die Wahl frei!”, der kleine Professor Biedenkopf, der dies schon vorher verkündet hatte, geht vorbei an den Großkopferten von Rot und Grün und setzt sich in die erste Reihe des großen Saales. Monika Maron sagt: „Ich mache zum zweiten Mal Wahlkampf für Joachim Gauck.“ Aus dem Publikum ertönt ein „Na,na!“. Die Gedanken sind frei - wer kann sie erraten?

Zweiter Akt: Joachim Gauck tritt ans Podium: Er beginne mit einer Korrektur, sagt er. Dies sei kein Wahlkampf. Gewiss, Frau Maron dürfe das sagen. Er redet über seine Kindheit in den beiden deutschen Diktaturen, in denen es auf unterschiedliche Weise „draußen zum Fürchten“ war, über die Verklärung des anderen, des freien Deutschlands, das wie ein „Staat ohne Runzeln“ erschien.

„I have a dream“

Er berichtet über eine Begegnung mit Martin Luther King in der Berliner Marienkirche: „I have a dream“. Gauck hat hier ein Vorbild gefunden: Ein Pastor in politischer Absicht, ein Politiker mit pastoralem Pathos. Dann sagt er: „Unser deutsches ,Yes, we can‘ war das sächsische „Wir sind das Volk“. Begeistertes Klatschen im übervollen Saal, Claudia Roth von den Grünen leuchtet noch mehr als sonst. Wird sie gleich aufspringen und ihren Kandidaten knuddeln?

Die Freiheit in der DDR habe nur in Innenräumen siedeln können, sagt Gauck. „In der Kirche sangen wir: Die Gedanken sind frei!“ Der Gewinn der Freiheit 1989 sei mit einem Verlust an Sicherheit, an festgezurrter Ordnung einhergegangen.

Gauck spricht von einer allumfassenden Angst, die sich breitmache. Beispiel Finanzkrise: „Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird mehr verlieren als gewinnen.“ Sigmar Gabriel schaut nun zerknautscht.

Beispiel Migration: Es gebe Viertel mit „allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen“. Claudia Roth leuchtet nun nicht mehr. Dabei sind Attraktivität des Kandidaten und die ihm gewidmete Aufmerksamkeit genau diesem Umstand zu verdanken: Die Gedanken sind frei. Das wissen SPD und Grüne.

Dritter Akt: Sommerlicher Umtrunk vor dem Theater. Gauck gibt „Soundbites“ in die Mikros und schüttelt Hände. Da sieht er Astrid Klug, die Bundesgeschäftsführerin der SPD. „Sie muss ich einfach begrüßen“, sagt Gauck, nicht wissend, wer vor ihm steht, „sie strahlen einfach so.“ Alle strahlen nun, auch Gauck. In acht Tagen ist alles vorbei. Dreieinhalb Wochen Ausnahmezustand. Sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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