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First Lady oder First Husband? Die Varianten für Schloss Bellevue

13.06.2010 ·  Die Zeit ist knapp, die Konkurrenz spannend. Deshalb sind die Partner der Präsidentschaftskandidaten bis zur Wahl Nebensache. Anschließend könnten aber alle drei für eine kleine Revolution sorgen.

Von Julia Schaaf
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Sie sind keine Kandidatinnen. Das Amt, um das sie konkurrieren, gibt es nicht. Nichtsdestotrotz behauptet die „Bunte“ in großen Lettern: „Noch nie waren die Frauen bei der Wahl so wichtig.“ Das ist Unsinn. Joachim Gauck ist vergangenes Wochenende zwar in Begleitung seiner Lebensgefährtin über den Wochenmarkt in Berlin-Schöneberg geschlendert, um vor den Augen eines Boulevard-Fotografen Spargel zum Aktionspreis zu kaufen.

Daniela Schadt durfte erzählen, dass ihr Freund köstliche Buletten brät. Darüber hinaus soll die Fünfzigjährige im Wahlkampf keine Rolle spielen. Ein Sprecher sagt: „Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin haben beschlossen, dass die Kandidatur von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten die Kandidatur von Joachim Gauck ist. Punkt.“

Drei Partner, drei Varianten

Bettina Wulff unterdessen, die große Blonde an der Seite des niedersächsischen Ministerpräsidenten, wird bereits in einem Atemzug mit Michelle Obama und Carla Sarkozy genannt. Anders als die amerikanische und die französische First Lady jedoch hat die PR-Frau aus Hannover bisher weder als intellektueller Kopf noch als Model oder Sängerin von sich reden gemacht. Der Vergleich verrät mehr über die deutsche Sehnsucht nach Glamour als über Bettina Wulff.

Die Zeit ist knapp, die Konkurrenz spannend genug: Bis zur Wahl am 30. Juni sind die Partner der Kandidaten Nebensache. Anschließend bergen alle eine kleine Revolution. Variante A: Ausgerechnet der Favorit des bürgerlich-konservativen Lagers befördert ein besonders zeitgemäßes Familienbild an die Spitze des Staates. Er, geschiedener Katholik. Sie, Protestantin, berufstätige Mutter und mit 36 Jahren so jung, wie ein Kandidat für das Präsidentenamt laut Verfassung gar nicht sein dürfte. Zur Patchworkfamilie gehören der gemeinsame zwei Jahre alte Sohn, ihr knapp Siebenjähriger aus einer früheren Beziehung sowie Christian Wulffs 16 Jahre alte Tochter, die vorwiegend in Osnabrück bei der Mutter lebt.

Variante B: Der ebenfalls geschiedene Kandidat von SPD und Grünen installiert eine moderne Version von Partnerschaft im höchsten Amt der Republik - eine First Lady, die mit dem Bundespräsidenten nicht einmal verheiratet ist. Außerdem eine, die sich als Journalistin seit vielen Jahren hauptberuflich mit Innenpolitik beschäftigt und sich selbst als meinungsstark beschreibt.

Variante C: ein First Husband. Die Kandidatin der Linken, Luc Jochimsen, ist seit vielen Jahren mit dem in Hamburg und Italien lebenden Filmemacher Lukas Maria Böhmer verheiratet.

Landesmütter haben wichtige Aufgaben

Das Land wird es verkraften, das Amt allemal. An der Spitze der Bundesrepublik war schon immer eine Menge möglich, manchmal sogar Avantgarde. Schon Mildred Scheel hatte eine Tochter in die Ehe mitgebracht. Die Ärztin Veronica Carstens entschied sich für den Erhalt ihrer Praxis. Wilhelmine Lübke dominierte die Präsidentschaft ihres Mannes als elegante, polyglotte Gastgeberin der Bonner Gesellschaft. Eva Luise Köhler soll zuletzt die wichtigste Ratgeberin ihres Mannes gewesen sein. Der Politikwissenschaftler Gerd Langguth sagt: „Eigentlich hat sie sich nicht stärker profiliert als ihre Vorgängerinnen. Ich glaube aber, dass der Einfluss von Frau Köhler auf ihren Mann größer war; auch was den Rücktritt angeht. Da spielt sie eine herausragende Rolle.“

Maßstäbe gesetzt hat natürlich Elly Heuss-Knapp. Die erste deutsche First Lady etablierte die wichtigste eigenständige Aufgabe deutscher Landesmütter: Sie nutzte ihren Status, um Türen zu öffnen und Lobbyarbeit zu leisten. Traditionell übernehmen ihre Nachfolgerinnen die Schirmherrschaft des von ihr gegründeten Müttergenesungswerks. Darüber hinaus haben alle eigene Schwerpunkte gesetzt: Mildred Scheel mit ihrem Feldzug gegen Krebs. Aber auch Mukoviszidose-Patienten (Christiane Herzog) und andere Kranke mit seltenen chronischen Leiden (Eva Luise Köhler), geistig Behinderte (Hilda Heinemann), Suchtkranke (Marianne von Weizsäcker), die Homöopathie (Veronica Carstens) und die Kindernothilfe (Christina Rau) profitierten von der Prominenz ihrer Fürsprecherinnen.

Ein Maximum an Zwängen

Nichts davon ist Pflicht. Erstaunlicherweise sind an der einzigen Position im politischen System der Bundesrepublik, wo die Repräsentationsaufgaben des Amtsträgers sich quasi automatisch auf den Partner zu erstrecken scheinen und man ein Maximum protokollarischer Zwänge erwartet, die Spielräume gewaltig. Denn den Job der Bundespräsidentengattin gibt es nicht. Die Verfassung schweigt. Nirgendwo gibt es Vorschriften oder Paragraphen, nicht einmal amtsintern existieren Listen über dos and don'ts. Es ist zwar eine internationale Gepflogenheit bei Staatsbesuchen, dass die Paare gemeinsam reisen - aber Regeln der Tradition sind nicht zwingend. Das Personal der Gattin? Verhandlungssache. Erst seit Christiane Herzog gibt es überhaupt eigene Referenten, aber auch die gehören offiziell zum Stab des Amtsinhabers. Wohnsitz? Entscheidungssache. Der überschaubare Trakt im ersten Stock von Schloss Bellevue, in dem zuletzt das Ehepaar Herzog lebte, beherbergt seit der Renovierung Büros. Zur Verfügung steht die Dienstvilla an der Dahlemer Pücklerstraße. Die Köhlers bereiten gerade ihren Auszug vor.

Freitagvormittag: Bettina Wulff, die halbtags als Pressereferentin eines Drogeriekonzerns arbeitet, hat heute ihren freien Tag. Deshalb nimmt sie daheim das Telefon ab und erzählt fröhlich, dass das Fußballfieber ausgebrochen sei. „Tooor“, brüllt ihr Zweijähriger im Hintergrund, mit weichem T. Sie klingt freundlich und unkompliziert, so locker und offen, wie alle sie beschreiben, die sie einmal erlebt haben. Von Haus aus stammt Bettina Wulff aus einem eher rot-grünen Milieu. Während ihr Mann in seiner Jugend ein Bild von Helmut Kohl im Zimmer hängen hatte, pinnte sie sich Starposter aus dem Film „Dirty Dancing“ an die Wand. Den CDU-Ministerpräsidenten lernte sie im Frühjahr 2006 kennen, als dieser auf einer Südafrika-Reise ein Reifenwerk besichtigte und sie für die Pressebetreuung zuständig war. Nur wenige Wochen später gab Christian Wulff öffentlich das Scheitern seiner Ehe bekannt und trat gemeinsam mit der sportlichen Blondine auf. Dank einer geschickten Inszenierung in der Klatschpresse kam er ohne Imageschaden davon.

Nicht jede redet gerne mit der Presse

Seitdem werden die Wulffs als Glamourpaar gefeiert. Während die erste Ehefrau des Ministerpräsidenten sich höchstens zum Landespresseball quälte, machen der medienerfahrenen Bettina solche Auftritte Spaß - egal, ob Kieler Woche, Oktoberfest oder Cebit. Wenn ihr Mann verhindert ist, tanzt sie durchaus auch einmal nur mit Freundinnen auf einer Berlinale-Party - hochschwanger. Bettina Wulff hat ein Tattoo auf dem Oberarm, sie plaudert gern, kocht ernährungsbewusst und braucht ihren Sport zum Abschalten. Man könnte auch sagen: Für eine Frau ihrer Generation und Branche ist sie ziemlich normal. Zugleich schätzt sie die kurzen Wege in Burgwedel, wo sie aufgewachsen ist und die Eltern in der Nähe hat. Manche Beobachter unterstellen ihr den Ehrgeiz, Christian Wulff zu einem besser dotierten Job zu drängen. Dazu sagt sie: „Es erstaunt mich selbst, so etwas über mich zu lesen.“ Das Umfeld des Ministerpräsidenten beschreibt sie als bodenständig und bescheiden.

Daniela Schadt ruft zurück. Eigentlich mag die Journalistin nicht mit der Presse reden. Aber noch weniger will sie zickig wirken, schließlich fühlt sie sich als Kollegin. Ihre Stimme ist warm. Die Hessin, die vor zwanzig Jahren fürs Volontariat zur „Nürnberger Zeitung“ kam, hat Urlaub genommen, um bei ihrem Partner in Berlin zu sein. Sie sagt, sie arbeite daran, bis zum Wahltag gelassen zu bleiben. Gleich will sie zum Friseur. Joachim Gauck begegnete sie vor rund zehn Jahren bei einem Vortrag. Anders als er war sie nie verheiratet und hat keine Kinder, das Paar führt eine Fernbeziehung. In der Sache kompetent, im Umgang herzlich - so beschreiben sie Kollegen. Daniela Schadt liebt klassische Musik und Bücher. Erst im Mai hat sie demonstriert, dass sie eine auf ihre Weise genauso moderne Interpretation des Konservativen vertritt wie ihre Konkurrentin: In Kommentaren für ihr Blatt verteidigte sie Angela Merkel und kritisierte, Roland Koch werde zur Galionsfigur verklärt.

Beide Frauen sind eigenständig und selbstbewusst. Beiden ist zuzutrauen, die Spielräume an der Spitze des Staates zu nutzen, um ihre Rolle neu zu prägen. Damit wäre die konservativste Besetzung wohl der Kandidatinnengatte der Linken: Lukas Maria Böhmer ist 73 Jahre alt. Er gilt als reisefreudig und kommunikativ. Jemand, der ihn gut kennt, sagt: „Als Mitglied des Damenprogramms würde er die First Ladies gut unterhalten.“

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