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FAZ.NET-Fernsehkritik Elfmeterschießen mit kaltblütigem Abschluss

01.07.2010 ·  Plasberg sprach in seiner Sendung über den dritten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl als Elfmeterschießen. Doch das Fernsehen hatte sich während der stundenlangen Live-Übertragung nicht darauf verstanden, die echte Spannung des Geschehens zu transportieren.

Von Patrick Bahners
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Ein toller Tag! Hans-Ulrich Jörges kriegte sich gar nicht mehr ein. Ein toller Tag! Aber er hatte recht. Ein toller Tag. Auch eine tolle Plasberg-Sendung! Und von welchem Tag kann man das schon behaupten? Mittendrin aber, mit hochrotem Kopf, nach links und rechts austeilend und immerfort grinsend, ein toller Jörges.

Man konnte sich fragen, warum er überhaupt anwesend war, als einziger Nicht-Parteimann zwischen Hermann Otto Solms (FDP) und Lothar Späth (CDU) auf der einen Seite, Heide Simonis (SPD), Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Klaus Ernst (Linke) auf der anderen. Gibt es da vielleicht eine Lex Jörges in den geheimen Anlagen zu sämtlichen Verträgen über die Produktion politischer Talkshows, eine Sonderregelung, die gebietet, dass er immer eingeladen werden muss, so wie im alten Heide-Simonis-Land für den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) die Fünfprozentklausel nicht gilt?

Tendenz des gnostischen Zynismus

Und zunächst musste man befürchten, dass Jörges jene Tendenz des gnostischen Zynismus verstärken würde, die vom Format der Sendung begünstigt wird. Ging es wirklich um die Wahl des besten Mannes, oder wurde ein Machtspiel veranstaltet? Entweder-oder! Ein Drittes gibt es nicht! Zu viele journalistische Analysen der letzten Wochen haben diese falsche Alternative propagiert und damit jener Entfremdung des Publikums vom politischen Prozess Entschuldigungen geliefert, die Journalisten gerne beklagen. In Wahrheit lag das Faszinierende der Präsidentenwahl für alle Politikbegeisterten darin, dass Idealismus und Machtkalkül nicht zu trennen waren, genauer gesagt: dass hervortrat, dass sie nie zu trennen sind.

Insofern haute Jörges erst einmal daneben, als er die „Heuchelei“ der Gauck-Kampagne dingfest machen wollte. Gabriel und Trittin haben den taktischen Sinn der Nominierung des bürgerlichen Heiligen Gauck schließlich nie verhehlt. Sie haben sich geradezu gesonnt im Ruhm ihres machiavellistischen Meisterzugs, ja, man kann sogar sagen, dass Gabriel eben deshalb glaubwürdig wirkte, dass Person und Rolle endlich zur Deckung kamen, weil man ihm sowieso immer eine machiavellistische Absicht unterstellt.

Bewährungsprobe für die Parteistrategen

Jede Bundespräsidentenwahl war eine Bewährungsprobe für die Parteistrategen, weil die im Ergebnis ausschlaggebende Parteiräson für die öffentliche Begründung der Kandidatenauswahl nicht genügt. Die Person muss für ihr überparteiliches Amt geeignet erscheinen, das heißt: Ein Minimum an sachlicher Plausibilität der Personalentscheidung ist gefordert. Wie sich dieses Minimum bemisst, hängt von der Situation ab - und in einer außergewöhnlichen Situation auch von den Gegenkandidaten. Gabriel und Trittin müssen geahnt haben, dass der Bundeskanzlerin ihr Instinkt gebieten würde, in der durch den Rücktritt Köhlers herbeigeführten Krise nun erst recht auf die normale, konventionelle Lösung zu setzen, den Parteikandidaten aus dem innersten Kreis der Spitzenpolitiker.

Plasberg sprach über den dritten Wahlgang als Elfmeterschießen; den ganzen Tag über hatten die Fernsehberichterstatter die triviale Analogie von Bundesversammlung und Fußball-WM beschworen. Der Vergleich hat etwas Wahres: Belohnt wurden die Fähigkeit zur Antizipation der Bewegung des Gegners und der kaltblütige Abschluss.

Hoffnungen auf eine Mehrheit für Wulff

Während der stundenlangen Live-Übertragung hatte sich das Fernsehen nicht darauf verstanden, die echte Spannung des Geschehens zu transportieren. Man behandelte den Ausgang als politisch offen, solange er förmlich offen war. Aber das war ja gar nichts Besonderes, dass erst zum Schluss und notfalls mehrfach ausgezählt wurde. Eine typische Formulierung lautete, Angela Merkel könne sich Hoffnungen auf eine Mehrheit für Wulff machen - zu einem Zeitpunkt, als wegen der Festlegung der Linksparteiführung auf Enthaltung im dritten Wahlgang mit keinem anderen Ausgang mehr gerechnet werden konnte.

Die Spannung lag darin, dass solche Festlegungen, wie sie alle Parteien im Laufe des Tages treffen mussten, Optionen in anderen Fragen eröffneten oder verschlossen. In begeisternder Weise legte Jörges dar, dass an den Nebenfolgen hervortrat, was auf dem Spiel stand. Mit den leuchtenden Augen eines Schülerzeitungsreporters, der zufällig an diesem Tag einen Pass für den Reichstag bekommen hatte, schilderte er, was er alles gesehen hatte, indem er sich vor den Türen der Fraktionssäle herumtrieb. Zum ersten Mal hatte es auf der Ebene der Parteiführungen ein Gespräch zwischen SPD, Grünen und Linkspartei gegeben, mit unabsehbaren Konsequenzen für die Koalitionsfrage in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus! Das war die Sensation, auch wenn es zu keiner Einigung gekommen war.

Ultimativer Insider des politischen Betriebs

Ob die Parteien Jörges als den ultimativen Insider des politischen Betriebs gelten lassen, als den ihn sein Dauerticket für die Talkshows ausweist, mag dahinstehen. Das Tolle an seinem Tag war, dass er über Geheimvorgänge berichtete, die sich vor aller Augen abgespielt hatten. Diese Bundespräsidentenwahl war tatsächlich Anschauungsunterricht in Demokratie. Das schönste Detail war für das Ergebnis unerheblich, betraf Akteure, die man als Verfassungspatriot eigentlich übersieht: Jörges hatte beobachtet, wie die drei Delegierten der NPD vor dem Fraktionssaal der Linken auf den Ausgang von deren Beratungen über den dritten Wahlgang warteten, um das eigene Abstimmungsverhalten daran zu orientieren. So ließen sich angeblich sogar die Verfassungsfeinde von der Handlungslogik eines Verfassungsorgans erfassen, dessen Mitglieder dem Ganzen zuliebe taktisch agieren müssen.

Wie Jörges, der teilnehmende Beobachter, sprachen die Politiker als Profis, in denen die Leidenschaft der historischen Stunde nachzitterte, in der sie mitgewirkt hatten. Sie hatten die Regeln des politischen Spiels befolgt und durften gerade deshalb glauben, dass sie dem Auftrag des Grundgesetzes gerecht geworden waren. Übereinstimmung bestand interessanterweise in der Einschätzung, dass Köhler mit seinem unbegründeten Rücktritt das politische System in eine echte Legitimitätskrise gestürzt hatte. Dass Parteiinteresse die Entscheidung über den Nachfolger bestimmte, ist nur die eine Seite der Wahrheit. In dieser Entscheidung legten die Parteien eigentlich erst fest, was sie für ihr Interesse halten wollten.

Brillant Frau Göring-Eckhardts Zurückweisung von Ernsts Argument, Gauck sei wegen seiner Meinung zu Afghanistan für die Linke nicht wählbar gewesen. Er sollte ja nicht Parteivorsitzender der Linken werden! Diese geistesgegenwärtige Politikerin ihrerseits ist für jedes Amt qualifiziert. Eine tolle Frau.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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