28.06.2010 · Der Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck ist nur da ganz Mensch, wo man mit ihm spielt: an einem warmer Berliner Abend mit Musik und Unterstützerkreisen werden viele schon bekannte Einlassungen mit donnerndem Applaus gewürdigt.
Von Edo ReentsDie Leute tragen Schilder vor der Brust, auf denen steht „Bürger/Künstler/Joachim Gauck“. Wie das wohl gemeint ist: als Steigerung? Das würde ja bedeuten, dass Joachim Gauck den Bürger und den Künstler in sich zur Synthese gebracht oder einfach übersprungen hätte und nun geradezu als höheres Wesen dastünde. Halten zu Gnaden, aber danach sieht selbst der rot-grüne Kandidat nicht aus. Dessen Referent Johannes Sturm, der, neben bestimmt fünfzig, vielleicht hundert Gauck-Sympathisanten, draußen vor dem Kulturzentrum Radialsystem V in Berlin-Friedrichshain auf den Mann des Abends wartet, will sich, als man ihn danach fragt, da auch lieber nicht festlegen: „Das können Sie nehmen, wie Sie wollen. Als Beleidigung des Bürgers ist das jedenfalls nicht gemeint.“
Das ist vernünftig; ohne bürgerliche Stimmen wird es ja gar nicht klappen. Man werde hier, kündigt Sturm an, jedenfalls manches Klischee widerlegen. Von wegen, dass junge Leute sich nicht für Politik interessieren. Es stimmt, viele könnten Gaucks Enkel sein. Bürger-Künstler: Oder sind wir hier bei „Tonio Kröger?“ Wenn das hier einen ähnlichen Geist atmet wie Thomas Manns Erzählung, dann wird es ein schöner Kitsch werden. Viele scheuen sich auch nicht, Buttons mit der Aufschrift „Gebt die Wahl frei!“ zu tragen. Man möchte dem „Unterstützerteam Joachim Gauck“ auch etwas zurufen: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire, wir sind hier nicht in der Volkskammer und auch nicht in der Bundesversammlung!
Pünktlich und akkurat
Was nun folgt, ist zwar auch dem Recht und der Freiheit verpflichtet, aber vor allem der Einigkeit – so wenig Meinungsverschiedenheiten löst selten jemand aus. Der Zuspruch ist jetzt schon so warm wie das Wetter. Allerdings äußert sich der Graphiker Klaus Staeck hinterher unter vier Augen bemerkenswert distanziert über den Abend.
Gauck kommt, im dunkelgrauen Anzug, mit roter Krawatte und fast schon zu akkurat frisiert, pünktlich in einer schwarzen VW-Limousine vorgefahren. Klick, klick macht es allenthalben, Renate Künast soll auch schon da sein, die ungefähr fünfundzwanzig Stuhlreihen drinnen sind schnell, aber ohne jede Hektik eingenommen, das macht vielleicht fünfhundert Zuhörer, rein zahlenmäßig also etwa die Hälfte der Bundesversammlung.
Ob auch welche von der CDU da sind?, ist noch Gelegenheit, einen Unterstützer zu fragen. Er breitet, als wäre er im Untergrund und in Unkenntnis darüber, dass Biedenkopf das Eis neulich ja schon gebrochen hat, die Arme aus: „Das wäre nicht das Schlechteste. Es ist jedenfalls nicht die SPD, die hier eingeladen hat.“ Das hat auch niemand behauptet. Gabriel, Steinmeier und Thierse sind natürlich trotzdem da.
Gut aufgelegt
Wenn man sich, während Gauck aufsteht und sympathisch ins Publikum winkt, ein wenig umhört und fragt, ob es denn am Ende nicht doch egal sei, wer Präsident wird, dann werden alle plötzlich ganz ernst: „Nein!“, sagen zwei junge Männer in Cordanzügen. „Wir haben unter Herzog schwer gelitten.“ Der Moderator Christoph Giesa, Hamburger FDP-Mann, der sich selbst als „Freidenker“ bezeichnet und auf Facebook mehr als 35 000 Sympathisanten zusammengetrommelt hat, bittet Gauck auf die Bühne, der dann, merkwürdig gedämpft, nur „hallo“ sagt. „Ich sag’ sonst immer ,liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger‘“, aber heute wolle er es einmal anders halten und einfach sagen: „Hallo, Mensch!“ Kein Zweifel, Gauck ist gut aufgelegt; aber was die Leute immer mit dem begnadeten Redner haben, begreift man zumindest bei dieser Gelegenheit nicht. Als wäre er schon ein uralter Mensch, schwärmt er von dem „kleinen Wesen“, das er draußen gesehen habe, sodann von „Thomas, einem jungen Mann“, den er noch aus seiner Pfarrzeit kenne, „ich habe ihn gedrückt – als Stück dieses unglaublich tapferen Landes“. Es wird den Leuten schon guttun, statt des Krisengeredes einmal etwas Positives zu hören; worin jedoch diese Tapferkeit besteht, bleibt offen.
Gauck scheint zu spüren, dass es eben doch unüblich ist, sich als Präsidentschaftskandidat groß feiern zu lassen und dabei auch, ob man es nun will oder nicht, auch Werbung in eigener Sache zu machen. Weil nur ganz wenige Wahlberechtigte anwesend sind, ist die Veranstaltung im Grunde sinnlos. So muss das Vakuum, das in Form der jahrzehntealten, verlegen-abschätzigen Bemerkungen über die bloß repräsentativ-protokollarische Bedeutung des Präsidentenamtes quasi zur bundesrepublikanischen Folklore gehört, anders gefüllt werden. Das merkt man der Veranstaltung an.
Appell an den Bürgersinn
Es spricht dabei für Gauck, dass er nicht den Eindruck macht, dies wäre eigentlich unter des Amtes und auch seiner persönlichen Würde – sonst hätte er gar nicht kommen dürfen. Unverkniffen erwähnt er die „ganz festen Verfahren“, die es nun einmal gebe und die er auch „überhaupt nicht stören“ wolle. „Wir sind einfach da und wollen diesen Vorgang begleiten.“ Das klingt defensiv und auch ein wenig unredlich – begleiten tun alle übrigen, er hat eine andere Funktion.
Es liegt in der Natur der Sache, dass, sobald die emotionalen Aspekte rund um die Kandidatur zur Sprache kommen, die noch am ehesten so etwas wie Aufbruchsstimmung erzeugen könnten, dies recht diffus geschieht: „Was wir hier erleben, ist absolut neu.“ Und: „Es ist sagenhaft, dass es so etwas gibt.“ So hat Gauck im Herbst 1989 vielleicht auch geredet; aber jetzt stehen kein Staat, keine Demokratie und keine Freiheit auf dem Spiel. Umso energischer fällt der Appell an den Bürgersinn aus: „Wir machen zusammen diesen Staat.“ Die ungelenke Wortstellung dieses im Laufe des Abends noch mehrmals wiederholten Satzes verdankt sich vielleicht der Befürchtung, dass ein nachgestelltes „zusammen“ auch im Sinne des Reparierens und Wiederganzmachens verstanden werden könnte.
Distanzloses Pathos
Dass es danach auch außerhalb der Gauckschen Unterstützerkreise, die sich augenscheinlich keinem spezifischen Milieu zuordnen lassen, ein Bedürfnis gibt, erleichtert es dem Redner, von den Floskeln wie dem „höchsten Staatsamt“ und dem „höchsten Repräsentanten“, um die er, in einer Art vorweggenommener Selbstzuschreibung, nicht herumzukommen scheint, überzuwechseln ins distanzlose Pathos: „Wir alle wollen uns in diesem Staat wieder erkennen.“ Die Bundesrepublik habe die Herrschaft des Rechts gebracht, die DDR aber immerhin die Tatsache, dass die „Stimme der Wahrheit“ gesprochen worden sei, leider nicht von allen, sondern nur ganz wenigen. Aber das gemeinsame Deutschland zeichne sich dadurch aus: sechzig Jahre „keine Armut, kein Elend und keinen Krieg“ – jedenfalls nicht auf deutschem Boden, vergaß Gauck wohl zu präzisieren. Die anderen Versatzstücke kennt man schon: Verantwortung als die Freiheit der Erwachsenen, raus aus der Tristesse, diese Dinge.
In den donnernden Applaus hinein tritt der Schriftsteller Maxim Biller auf die Bühne, liest, die Hände in den Taschen, eine persönlich gefärbte Gauck-Geschichte, schießt Giftpfeile in Richtung Angela Merkel, träumt, als wäre er Stauffenberg oder Thomas Mann, von einem „besseren Deutschland“ und spricht, in einer dann doch erstaunlich selbstverständlichen Gleichsetzung, von der „Stasi-Gestapo“, die einst Gaucks Vater abgeholt habe. Den Kandidaten nennt er „moralisch, praktisch, gut“. Aber anders als Ritter Sport zeigt hier niemand Ecken und Kanten. Dann setzt sich Sebastian Krumbiegel von der Leipziger Popgruppe „Die Prinzen“ ans Klavier und schmettert: „Meine Nation sind die Liebenden auf der ganzen Welt.“ Es wäre unhöflich von Gauck gewesen, jetzt den Saal zu verlassen.
Am Ende eines betulichen Abends
Im Trio treten die Schauspielerin Ursela Monn sowie die Schriftsteller Peter Schneider und Albert Ostermaier an. Der fußballverrückte Ostermaier nutzt die mit der Kandidatur ja eigentlich schon beantwortete Frage, welche Position Gauck denn spielen solle, als Steilvorlage: „Spielmacher“ natürlich, „spielen“ im Schillerschen Sinne verstanden, immer am Ball und auf Augenhöhe, dabei „Traumpässe“ schlagend und insgesamt Deutschland die Chance gebend „zu siegen“. Der Sprachkritiker Bastian Sick hält eine beflissene, grammatisch gut abgehangene, aber stellenweise dann eben doch recht witzige Laudatio.
In zweieinhalb Stunden ist nicht ein einziges Mal die Rede von ökonomischen Fragen. Nach mehreren, angenehm anzuhörenden musikalischen Unterbrechungen, setzt sich Gauck noch einmal in Szene. Er sei, egal, was passiere, „sowieso dankbar“; aber eines wolle er noch sagen: „Halten wir den Ball flach, näh?!“ Diese Bitte kommt für diesen insgesamt doch recht betulichen Abend zu spät.
Was
michael schneider (mauermer)
- 28.06.2010, 12:58 Uhr
Hallo, Bürger, haltet den Ball flach!
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 28.06.2010, 13:41 Uhr
Kandidatengeküre & "ökonomische Fragen"
Rupert Brasch (aepfelundbirnen)
- 28.06.2010, 14:30 Uhr
Theater
Johannes Hertrampf (Hertrampf-Johannes)
- 28.06.2010, 14:30 Uhr
Hallo,Bürger!
Heinz-Werner Raderschatt (HEWERA)
- 28.06.2010, 14:39 Uhr