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Christian Wulff im Porträt Der Aufsteiger

29.06.2010 ·  Landespolitiker durch und durch: Schon als Ministerpräsident gibt sich Christian Wulff präsidial. Vor der Wahl des Bundespräsidenten wirkt er doppelt verändert: Der beliebteste Schwiegersohn der Republik ist auch ein Machtpolitiker - auf seine Weise.

Von Robert von Lucius und Günther Bannas, Osnabrück/Berlin
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Als wäre nichts passiert, fährt der Ministerpräsident Christian Wulff wie lange schon geplant dreieinhalb Tage lang durch die niedersächsische Provinz. Sommerreise nennt man das. Immer wieder deuten seine Gastgeber spielerisch oder auch recht direkt auf seinen möglichen Wechsel nach Berlin, durchaus zur Freude des Kandidaten. Ein Hersteller von Rettungsbooten in Drochtersen sagt, er sei wie Wulff 51 Jahre alt – damit habe man genügend Lebenserfahrung, aber auch Kraft für neue Aufgaben.

In diesen Reisetagen wirkt Wulff doppelt verändert. Zum einen ist er schlagfertiger, wacher und aufmerksamer als sonst, auch offener im hintergründigen Gespräch – aber auch kontrolliert und gereizt: Er, der weiß, dass Politikern Medienschelte nicht hilft, zürnt immer wieder ob einzelner Äußerungen, die er als Kritik empfindet. Christian Wulff ist in den Tagen vor der Bundesversammlung, bei der er zum Bundespräsidenten gewählt werden soll, im Ausnahmezustand.

Wie er den Wahlausgang in der Bundesversammlung sieht, äußert er in wechselnden Bildern, wobei er von seinem Rivalen Joachim Gauck stets mit Respekt spricht. Mal erwähnt er Demut vor der Entscheidung, dann, dass er gelernt habe, mit Niederlagen umzugehen: Zweimal verlor er als Oppositionsführer in Niedersachsen die Landtagswahl gegen Gerhard Schröder, bis er sie 2003 gegen Sigmar Gabriel gewann – seitdem regiert er einen der größten Flächenstaaten Deutschlands. Er erzählt, dass er vor kurzem im Fernsehen auf ein Fußballtor habe schießen müssen – die ersten beiden Male habe er das Tor knapp verfehlt, das dritte Mal getroffen. Es könne, will er sagen, sein, dass er erst im dritten Wahlgang gewinne, aber auch eine Niederlage sei zu verkraften. Wulff neigt dazu, sich öffentlich eher zurückzunehmen. Der Sieg strahlt dann umso heller.

Landespolitiker durch und durch

Politischer Aktionismus ist nicht sein Stil. Das erzeugte in den vergangenen zwei Jahren, bis zur Kabinettsumbildung vor wenigen Wochen, das Gefühl in Bevölkerung und auch Beamtenschaft, Niedersachsen erlebe eine Phase der Stagnation. Wulff versucht, das Gefühl der Eiszeit zum Vorteil zu wenden und von Gleichmaß und Verlässlichkeit zu sprechen, gemäß dem Temperament seiner Landsleute. Immerhin sei es ihm, sagt er, in seiner Regierungszeit gelungen, die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken und stärker als in anderen Bundesländern strukturschwache Regionen wie das Emsland zu stabilisieren; zeitweise die Verschuldung des Landes zurückzuführen; die Verwaltung klarer zu strukturieren.

Dazu kam sein größter Erfolg, die Abwehr einer feindlichen Übernahme des wichtigsten Arbeitgebers des Landes, Volkswagen – es drohte sonst die Verlagerung des Firmensitzes von Wolfsburg nach Stuttgart. Konflikte mit seinem alten Weggefährten, Günther Oettinger aus Baden-Württemberg, nahm er in Kauf.

Wulff ist ein Landespolitiker durch und durch. Dem Bundestag hat er zu keiner Zeit angehört – und erst recht nicht einem der Bundeskabinette Helmut Kohls. Nur in seiner Partei, der CDU, wirkte er auf Bundesebene mit. Als Jugendlicher war er von 1978 bis 1980 Vorsitzender der damals neuen Schülerunion. Er gehörte auch der Bundesführung der Jungen Union an, wo ambitionierte Jungpolitiker ihre überregionalen Netzwerke aufzubauen pflegen. In jener Zeit entstand auch der „Anden-Pakt“. Junge Leute waren 1979 nach Südamerika gereist – sozusagen als eine politische Delegation.

Die Anden-Freunde

Die Alterskohorte der politischen Generation nach Helmut Kohl wurde zu einer lange verschworenen Gruppe: Roland Koch, Friedbert Pflüger, Christoph Böhr, Matthias Wissmann, Günther Oettinger, Franz Josef Jung, Volker Bouffier, Kurt Lauk, Elmar Brok, Hans-Gert Pöttering, Wulf Schönbohm – und Christian Wulff stieß kurz danach dazu. Halb im Scherz, wurde später herausgefunden, hätten sie im Flugzeug über den Anden ein Quasi-Dokument aufgeschrieben, zu dessen wesentlichem Teil das Versprechen gehörte, dass keines seiner Mitglieder gegen ein anderes kandidiere oder dessen Rücktritt fordere.

Die Freunde stiegen auf. Drei von ihnen wurden Ministerpräsidenten – auch Wulff. Einst – in den Zeiten der großen Koalition – wurde von CDU-Führungspolitikern außerhalb der Anden-Freunde wahrgenommen, diese agierten sämtlich gegen Angela Merkel. Sie führten, wurde gesagt, einen Machtkampf gegen die Bundeskanzlerin. Auch mit den unterschiedlichen Koalitionskonstellationen hing das zusammen – große Koalition im Bund, schwarz-gelbe Koalitionen in den Ländern. Unterschiedliche politische Ziele und Vorhaben. Wulff, so wurde wahrgenommen, äußerte sich schlecht über Frau Merkel, was auch der Bundeskanzlerin zugetragen wurde. Jeder betreibe auf seine Weise ein Spiel gegen sie. Das Misstrauen der Anden-Freunde gegen die Quereinsteigerin aus Ostdeutschland sei nur noch vom gegenseitigen Misstrauen übertroffen worden. In ihren bundespolitischen Ambitionen blockierten sie sich gegenseitig.

Den Streit mit Angela Merkel bereinigt

Wulffs Erklärung freilich, er sei politisch gesehen kein „Alpha-Tier“, wurde von niemandem, auch nicht bei Frau Merkels Freunden, wirklich ernst genommen, sondern in ihr Gegenteil umgedeutet: In Wirklichkeit wolle er Bundeskanzler werden. Er halte sich für den Fall der Fälle bereit. Auch aus diesem Grunde hatte es – nach Horst Köhlers Rücktritt – bis in die Führung hinein Zweifel an der Bereitschaft Wulffs gegeben, sich für die Aufgabe des Bundespräsidenten zur Verfügung zu stellen. Als es dazu gekommen war, gab es auch Bewertungen, Wulff habe eingesehen, dass wahrscheinlich der Bundeskanzler nach Angela Merkel nicht aus den Reihen der Unions-Parteien kommen werde.

Manches spricht dafür, dass Frau Merkel und Wulff ihren Streit bereinigt haben; er rührte auch aus der Zeit her, als 2002 Edmund Stoiber – mit Wulffs Hilfe – und nicht die CDU-Vorsitzende Kanzlerkandidat der Union wurde. Nun wird versichert, dass Wulff Frau Merkels erste Wahl für die Nominierung eines Kandidaten für die Präsidentenwahl gewesen sei. Am Tag nach Köhlers Rücktritt sprach sie mit ihm in Berlin. Womöglich war er nicht darauf eingestellt, dass sich die Kandidatenfrage an ihn selbst richtete. Auffällig war jedenfalls, dass noch während der Ursula-von-der-Leyen-Medien-Euphorie maßgebliche Unions-Politiker darauf verwiesen, die Arbeitsministerin werde nur Präsidentschaftskandidatin, wenn Wulff es nicht selbst werden wolle.

Gräben zuschütten, Brücken bauen, Zwischentöne beachten

Tatsächlich ist der amtierende Ministerpräsident von Niedersachsen nicht bloß, wie er einst stilisiert wurde, der beliebteste Schwiegersohn der Republik. Ein Machtpolitiker ist er auch – auf seine Weise. Politische Vorsicht gehört dazu. Sein Amt als Ministerpräsident möchte er erst niederlegen, wenn er die Stimmen für das des Bundespräsidenten beisammen hat. Im Falle des Falles, hat er geäußert, wolle er in Hannover bleiben – als Regierungschef.

Mit einem gehörigen Maß an Selbstbewusstsein ist Wulff in die Bewerbungsrunde gegangen, die keiner der Kandidaten einen Wahlkampf nennen möchte. Bewertungen hat er ausgedrückt, die Politiker anderen Typs lieber anderen überlassen hätten. „Die Aufgaben des Bundespräsidenten entsprechen meinen Fähigkeiten: Zusammenführen, Gräben zuschütten, Brücken bauen, Zwischentöne beachten“, hat er in Interviews gesagt. Er verwies darauf, er sei der erste westdeutsche Ministerpräsident gewesen, der eine ostdeutsche CDU-Politikerin in sein Landeskabinett, und der erste Ministerpräsident eines Bundeslandes überhaupt, der eine Muslimin in seine Regierung geholt habe. Brückenbauen, Zusammenführen.

Er ließ es sich nicht nehmen, zugleich noch an Mängel der christlich-liberalen Koalition zu erinnern. „Der jetzigen Koalition fehlt teilweise die Ausformulierung gemeinsamer Projekte noch.“ Ähnlich jedenfalls reden derzeit Unions-Politiker in Berlin, die ganz und gar unzufrieden mit der Arbeit Frau Merkels sind. Man mag sich vorstellen, wie er sich vordem in Parteigremien geäußert hat – auch wenn andere Unions-Politiker der Auffassung waren, dem Niedersachsen mangele es an der Fähigkeit zum deutlichen Wort.

Mehr Mutmacher als intellektueller Anreger

Diese Scheu vor klaren Festlegungen mag ihm im neuen Amt zum Vorteil gereichen. In Aurich oder Buxtehude, in Heeslingen oder seiner Heimatstadt Osnabrück gibt Wulff auf seiner Sommerreise immer wieder die gleiche Botschaft, die er der jeweiligen Umgebung angepasst hat – ob es um Landtechnik geht, um die Gründung des Badebetriebs am Wattenmeer vor 150 Jahren oder um die Förderung der nur noch wenige tausend Saterfriesen, der vom Aussterben gefährdetsten Sprache Europas: Ich denke an euch, habe Respekt vor euren Leistungen, ermutige euch.

Mutmacher will er auch als Bundespräsident sein – das ist ihm wichtiger als eine Rolle als intellektueller Anreger. Aber er will auch geliebt werden, sucht den Konsens. Sichtbar wurde das schon in seinen sieben Jahren als Ministerpräsident, vor allem den letzten beiden, wo er eher als präsidial denn als regierend empfunden wurde. Immer wieder sagt er, er sei gerne niedersächsischer Ministerpräsident – er sagt es so, dass man es ihm glaubt. Vom kommenden Donnerstag an aber, so kokettiert er auf der Sommertour, müsse und werde er alle sechzehn Länder gleichermaßen liebhaben und nicht nur sein Niedersachsen.

Christian W. W. Wulff

- Geboren am 19. Juni 1959 in Osnabrück.

- Wulff studierte nach dem Abitur in Osnabrück Rechtswissenschaften.

- Seit 1975 ist er Mitglied der CDU.

- Als Vorsitzender der Schüler Union von 1978 bis 1980 war er Mitglied des Bundesvorstands der CDU.

- Seit 1998 ist er stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU.

- Nach zwei vergeblichen Versuchen gewann Wulff als Spitzenkandidat der CDU im Februar 2003 die Landtagswahl in Niedersachsen und wurde Ministerpräsident einer schwarz-gelben Koalition. Trotz Verlusten wurde Wulff bei der Landtagswahl 2008 im Amt bestätigt.

Quelle: Von Günter Bannas, Stephan Löwenstein, Robert von Lucius und Majid Sattar / F.A.Z.
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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