18.06.2010 · Christian Wulff, der Kandidat von Union und FDP, bemüht sich, die Entscheidung über die Köhler-Nachfolge nicht zur Schicksalsfrage für die schwarz-gelbe Koalition zu erklären. Unterdessen legt Kurt Biedenkopf nach: Für „Parteisoldaten“ sei kein Platz in der Bundesversammlung.
Der frühere Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf (CDU), hat seine Forderung nach der „Freigabe“ der Bundespräsidentenwahl unterstrichen. Er sagte am Freitagmorgen im ZDF: „Die Mitglieder der Bundesversammlung sind frei in ihrer Entscheidung. Von dieser Idee der Verfassung ist in der Wirklichkeit wenig übrig geblieben.“ Aus den Abgeordneten würden „Parteisoldaten“ und das verfälsche die Wahl.
„Derjenige der auf diese Weise gewählt wird, hat keine guten Voraussetzungen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und ein guter Präsident zu werden“, sagte Biedenkopf. Er hatte am Donnerstag in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die CDU-Vorsitzende Angela Merkel aufgefordert, den eigenen Wahlleuten eine freie Abstimmung zu ermöglichen.
Indes erklärt der Präsidentschaftskandidat von Union und FDP, Christian Wulff (CDU), der Fortbestand der schwarz-gelben Koalition hänge nicht von seiner Wahl zum Bundespräsidenten ab. „Es gibt kein Junktim zwischen meiner Wahl und dem Fortbestand der Bundesregierung“, sagte Wulff der Zeitung „Ruhr Nachrichten“. Allerdings sei es wohl nicht auszuschließen, „dass in der Öffentlichkeit die Handlungsfähigkeit der schwarz-gelben Regierungsmehrheit thematisiert würde, wenn der eigene Kandidat nicht gewählt wird“.
„Die Wahl ist geheim“
Zum Vorstoß Biedenkopfs, der die Bedeutung einer freien Wahl „ohne Fraktionszwang“ für die Delegierten der Bundesversammlung unterstrichen hatte (Kurt Biedenkopf zur Bundespräsidentenwahl: Gebt die Wahl frei!), sagte Wulff: „Jeder unter den Wahlleuten ist eh frei. Die Wahl ist geheim.“ Er versicherte weiter, er zweifle nicht daran, „dass ich beste Aussichten habe, der nächste Bundespräsident zu sein“.
Biedenkopf hatte für Unruhe im schwarz-gelben Regierungslager gesorgt, weil es in Union und FDP etliche Sympathien für den Kandidaten von SPD und Grünen, Joachim Gauck, gibt.
„Alle sind ein Team“
Wulff sagte, er warte aber „mit Demut“ die Entscheidung der Bundesversammlung ab und gestand eine „gewisse Anspannung“. Die Koalitionsparteien in Berlin forderte er auf, „im Alltagsgeschäft zu einem guten Miteinander“ zu finden. „Alle sind ein Team“, erklärte Wulff.
Zu Gauck sagte der niedersächsische Ministerpräsident, „Deutschland könnte mit einem von uns beiden als Bundespräsident gut leben. Sowohl ich als auch Herr Gauck hätten die Chance auf jenes Maß an Unterstützung im Land, das man in diesem Amt dringend benötigt.“
Scharfe Kritik übte Wulff in der „Passauer Neuen Presse“an Präsidentschaftskandidatin der Linken, Luc Jochimsen. Deren Äußerungen, wonach die DDR im juristischen Sinn kein Unrechtsstaat gewesen sei, seien „ein weiterer trauriger Höhepunkt von Geschichtsvergessenheit“, sagte Wulff der „Passauer Neuen Presse“. (Siehe auch: Luc Jochimsen: DDR war kein „Unrechtsstaat“)
Sächsische FDP wird für Gauck stimmen
Unterdessen haben drei Vertreter der sächsischen FDP-Fraktion angekündigt, bei der Bundespräsidentenwahl geschlossen für Joachim Gauck zu stimmen. Dies teilten die FDP-Abgeordneten Holger Zastrow, Torsten Herbst und Tino Günther am Freitagmorgen in persönlichen Erklärungen mit.
Die Länder mussten bis Donnerstagabend ihre Wahlleute benennen. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab, dass Union und FDP mit 644 Sitzen 21 Stimmen mehr haben als für die absolute Mehrheit erforderlich sind.
Sachsens FDP-Fraktionschef Zastrow betonte: „Angesichts zweier würdiger und für das Amt zweifellos geeigneter, außerordentlich respektabler Kandidaten - Christian Wulff und Joachim Gauck - habe ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht.“ Aber das überwältigende Votum seiner Landespartei und die unzähligen Gespräche, Briefe und E-Mails aus der Bevölkerung hätten ihn in seiner Entscheidung bestärkt. „Ich werde meine Stimme in der Bundesversammlung Joachim Gauck geben.“
Eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab, dass Union und FDP mit 644 Sitzen 21 Stimmen mehr haben als für die absolute Mehrheit erforderlich sind. Selbst wenn einige Wahlleute aus dem Koalitionslager gegen Wulff stimmen sollten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Wulff in einem der ersten beiden Wahlgänge die nötige Stimmenzahl bekommt. Die Wahl ist am 30. Juni, der neue Präsident soll erst am 2. Juli vereidigt werden.
Für Biedenkopf wäre eine durch Geschlossenheitsappelle herbeigeführte Präsidentenwahl verfassungspolitisch fragwürdig. „Sie kann dem gewählten Bundespräsidenten weder die Autorität noch die Glaubwürdigkeit vermitteln, die mit einer wirklich freien Wahl verbunden wären.“
Sachsens CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer hielt Biedenkopf entgegen: „Die Wahl des Bundespräsidenten ist ein politisches Signal.“ Es sei selbstverständlich, „dass die Parteien, die einen Personalvorschlag unterbreiten, für diesen auch werben“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. W Wulff befand es in Frankfurt für „gut, dass die Parteien Wahlempfehlungen geben“.
Es dürfe aber keine Verbindung hergestellt werden „zwischen einer Fortsetzung einer Regierung oder zwischen Sachfragen und der Wahl des Bundespräsidenten“, sagte er.
Gauck: Bevölkerung stärker an politischen Entscheidungen beteiligen
Gauck sprach sich in einem dpa-Gespräch für eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung an politischen Entscheidungen aus. „Die Politik muss darüber nachdenken, wie das Volk überzeugender für die Vorteile der Demokratie gewonnen werden kann.“
Allerdings müsse den Befürwortern von Volksabstimmungen auf Bundesebene bewusst sein, dass sich solche Voten gelegentlich auch gegen ihre eigenen Überzeugungen richten könnten. „Überfällig“ nannte Gauck eine Diskussion über die Zusammenlegung von Bundesländern. Eine Neugliederung halte er schon aus ökonomischen Gründen für erforderlich.
Die drei Vertreter der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag in der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten werden ihre Stimme Joachim Gauck geben. Die FDP-Fraktion hatte bereits in der vergangenen Woche entschieden, den Vertretern in der Bundesversammlung keine Wahlempfehlung auszusprechen.
Gestern hatte sich schließlich FDP-Fraktionschef Holger Zastrow im Landtag zu einem Gespräch unter vier Augen mit Joachim Gauck getroffen. Nachfolgend die persönlichen Erklärungen der drei FDP-Vertreter.
Holger Zastrow, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion und der FDP Sachsen:
„Angesichts zweier würdiger und für das Amt zweifellos geeigneter, außerordentlich respektabler Kandidaten - Christian Wulff und Joachim Gauck - habe ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber das überwältigende Votum meiner Landespartei und die unzähligen Gespräche, Briefe und E-Mails aus der Bevölkerung haben mich in meiner Entscheidung bestärkt: Ich werde meine Stimme in der Bundesversammlung Joachim Gauck geben.
Joachim Gauck verkörpert für mich all die Werte, für die ich selbst im Herbst 1989 in meiner Heimatstadt Dresden auf die Straße gegangen bin: Freiheit, Verantwortung, Marktwirtschaft und Leistungsgerechtigkeit. Joachim Gauck ist ein freier Geist, der unabhängig von tagespolitischen und parteitaktischen Problemstellungen eine moralische Instanz für Deutschland sein kann. Er kann sowohl den Regierenden als auch den Regierten gegenüber ein ehrlicher und zugleich unbequemer Ratgeber und Mahner, Motivator und Kritiker sein und jemand, der die Werte unserer Demokratie verteidigt und unsere Gesellschaft antreibt.
Und nicht zuletzt hätte eine Wahl Joachim Gaucks auch eine große Symbolkraft im zwanzigsten Jahr nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Seine herausragende Rolle während der friedlichen Revolution, der Wiedererlangung der Deutschen Einheit und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur als erster Beauftragter für die Stasi-Unterlagen stehen für einen Lebenslauf, der viele deutsche Wendebiografien widerspiegelt und inspiriert hat.
Unser Land steht vor großen Herausforderungen. Wir können nicht so weiter machen wie bisher, müssen unseren Staat umbauen und in unserer Gesellschaft darüber diskutieren, wie viel Staat wir brauchen und uns leisten können und wie wir es künftig mit Freiheit, Verantwortung und Solidarität halten.
Wir leben in besonderen Zeiten. Und besondere Zeiten brauchen besondere Persönlichkeiten. Joachim Gauck ist eine besondere Persönlichkeit. Eine Persönlichkeit, die Deutschland gut tun würde.“
Torsten Herbst, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion und Generalsekretär der FDP Sachsen:
„Diese Bundespräsidentenwahl ist keine einfache Wahl, weil sich mit Christian Wulff und Joachim Gauck zwei sehr gute, respektable Kandidaten um das höchste Amt im Staat bewerben.
Ich bin überzeugt, dass Deutschland gerade jetzt einen Bundespräsidenten braucht, der den Bürgern Orientierung gibt und sie inspiriert. Ich werde daher meine Stimme in der Bundesversammlung Joachim Gauck geben.
Joachim Gauck ist ein außergewöhnlicher Kandidat für außergewöhnliche Zeiten. Er verkörpert in besonderer Weise die Werte der friedlichen Revolution. Joachim Gauck setzt sich bis heute leidenschaftlich für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ein - und damit für die gleichen Werte, für die auch ich im Herbst 1989 auf die Straße gegangen bin.
Joachim Gauck verfügt über die Fähigkeit, den Bürgern in ganz Deutschland Mut zu machen. Sein überzeugendes Plädoyer für mehr Freiheit statt Gleichmacherei steht für eine geistige Grundhaltung, die unser Land dringend braucht.“
Tino Günther, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion und der FDP Sachsen:
„Vor meinem politischen Hintergrund, speziell auch meiner Erfahrungen in der DDR sowie in Zeiten der Wende 1989, ist meine Entscheidung klar: Ich werde Joachim Gauck wählen. Ich schätze an ihm, dass er geradlinig ist und war. Er war für uns in der Wendezeit eine Leitfigur und hat auch danach den politischen Willen geprägt. Joachim Gauck ist ein liberaler Freiheitskämpfer - und Freiheitskämpfer wählen Freiheitskämpfer.“
Beim Überholen gestolpert
perry hagedorn (perryhagedorn)
- 18.06.2010, 12:25 Uhr
Wulff ein zweifelhafter Kandidat
Walter Gerhartz (GWalter)
- 18.06.2010, 12:34 Uhr
verstehe einer die politiker...
uschi bayern (uschibayern)
- 18.06.2010, 12:55 Uhr
Hoffentlich sind die Wahlleute frei!
Bernd krause (SpringAir)
- 18.06.2010, 13:00 Uhr
und hinterher ist, Gott sei Dank,
Thomas Gehrenberg (tgehrenberg)
- 18.06.2010, 13:06 Uhr