30.06.2010 · Also doch wieder Twitter: Noch bevor das Resultat des ersten Wahlgangs in der Bundesversammlung verkündet wurde, tauchten die ersten „Ergebnisse“ im Kurzmitteilungs-Netzwerk auf. Indiskrete oder Trittbrettfahrer? Letzteres. Die Informationen waren alle falsch.
Von Oliver GeorgiEigentlich hatten die Politiker in Berlin tunlichst vermeiden wollen, dass es wieder läuft wie beim letzten Mal. Damals, bei der Bundesversammlung am 29. Mai 2009, hatten vorlaute Wahlleute die Wiederwahl Horst Köhlers aus der Bundesversammlung heraus getwittert - noch bevor Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) das Endergebnis überhaupt offiziell verkündet hatte. Als eine der Quellen stellte sich schon bald die CDU-Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner heraus, die Mitglied in der Wahlkommission war und ihrem Mitteilungsbedürfnis nicht widerstehen konnte. „Leute, Ihr könnt ruhig Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt“, verkündete sie im Netz - und verstieß damit gegen das Wahlgesetz, in dem es heißt, dass die Wahl des Bundespräsidenten erst dann beendet ist, wenn der Gewählte die Wahl angenommen hat.
Eine langwierige Debatte über die Rolle der neuen Medien entspann sich hernach, deren Wiederbelebung die Parteien liebend gerne verhindert hätten. Also schworen sie ihre Wahlleute vor diesem entscheidenden Mittwoch auf absolutes Stillschweigen ein. Verhindern konnten sie damit indes nichts. Denn auch bei dieser Wahl ging es bei Twitter hoch her, lange bevor Lammert um kurz nach 14 Uhr das Ergebnis des ersten Wahlgangs verkündete. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied: Die Twitterer lagen dieses Mal gründlich daneben.
Vermeintlich exklusive Nachrichten
„Wulff zum Präsidenten gewählt“, „kein zweiter Wahlgang“, zwitscherte es um kurz vor 14 Uhr. Als Quelle wurde die Schauspielerin Martina Gedeck angegeben, eine Wahlfrau der Grünen, die, so hieß es, direkt aus der Bundesversammlung heraus getwittert habe. Später bestätigte sich jedoch, dass Frau Gedeck davon nichts wusste und ein Trittbrettfahrer die Meldung unter ihrem Namen verbreitet hatte. Manche „Insider“ meinten noch vor dem Ende des ersten Wahlgangs sogar die genaue Stimmenzahl zu wissen.
Doch auch prominente Politiker wie der frühere Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer zwitscherten fleißig mit: „Geruecht am Rande der Bundesversammlung: Wulff gewaehlt. allerdings sollen ihm 13 Stimmen von schwarz-gelb fehlen.“ schrieb Bütikofer noch vor 14 Uhr - und lag damit ebenso falsch wie jener Tweet „aus gut informierten Kreisen“, der 529 Stimmen für Gauck, 595 für Wulff, 118 für Jochimsen und zwei für Rennicke vermeldete. Und je häufiger Meldungen über einen vorzeitigen Sieg Wulffs im ersten Wahlgang über die Schirme flimmerten, desto häufiger wurden auch die Gegen-Tweets, gestreut vielleicht sogar von den Parteien selbst, die letzte Mobilisierungsarbeit leisten wollten. „Gauck im ersten Wahlgang gewählt“, schrieb ein Twitterer und löste damit eine „Gegenreaktion“ im Netz aus, das auf einmal mehr und mehr an einem schnellen Sieg Wulffs zu zweifeln schien. Schon um 12.47 Uhr war auf auf dem Portal „DerWesten“ getwittert worden, die FDP streue das Gerücht, aus der Union werde Christian Wulff 10 bis 15 Gegenstimmen erhalten. Gefolgt von dem Hinweis: „Union: die spinnen, die Liberalen.“
Viele Informationen, aber keine wahren
Desinformation, Parteikalkül und vor allem Trittbrettfahrer finden sich eben auch im Netz zu Hauf. Wenn man aus dieser Bundespräsidentenwahl deshalb zwei Schlüsse ziehen kann, dann diese: „Twitter“, das so hoch gehypte Medium, ist nur so zuverlässig wie seine Informanten. Und zweitens, und das dürfte nicht nur Bundestagspräsident Norbert Lammert freuen: Bislang hat diese Bundesversammlung offenbar weitgehend dicht gehalten. Dass Informationen über die Wahl über Twitter verbreitet werden, ist nicht zu verhindern. Dass sie falsch sind, auch nicht.