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Bundespräsidentenwahl Die Gedanken sind frei

28.06.2010 ·  Es war ein schlauer Überraschungszug von SPD und Grünen, mit Joachim Gauck einen Kandidaten ins Rennen zu schicken, der den politischen Positionen der Gegenseite näher steht als den eigenen. Dahinter steckt wie immer auch politisches Kalkül: Gauck schien geeignet, die Koalition zu spalten.

Von Berthold Kohler
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Das Ringen darum, wer neuer Bundespräsident wird, ist nicht gänzlich frei von Elementen des unfreiwillig Komischen. Das liegt vor allem am Überraschungszug von SPD und Grünen, mit Joachim Gauck einen Kandidaten ins Rennen zu schicken, der den politischen Positionen der Gegenseite viel näher steht als den eigenen. Seither haben Sozialdemokraten und Grüne einen Mordsspaß an den öffentlich erklärten Gewissensnöten in den Reihen der CDU und besonders der FDP, vertieft noch durch den Appell des einen oder anderen altehrwürdigen Marquis der Pose: Madame, geben Sie Wahlfreiheit!

Das linke Lager genießt und schweigt, muss sich aber, das geschieht ihm recht, einen Vortrag über die Freiheit nach dem anderen anhören. In die Archive blickt lieber keiner, weil dort unangenehm gut dokumentiert ist, dass der Kandidat und sein derzeitiges Gefolge (bis Mittwoch) in vielem unterschiedlicher Meinung sind, von A wie Afghanistan bis Z wie Zumutungen in der Sozialpolitik.

Die Kandidatin der Linkspartei soll noch besser sein als der Obama des Ostens

Das hindert Sozialdemokraten und Grüne – nicht nur die Wahl, auch die Gedanken sind frei – aber nicht daran, für Gauck zu stimmen, aus reiner Begeisterung für diesen so lange aus unerfindlichen Gründen von ihnen verkannten Mann natürlich. Dumm nur, dass ausgerechnet die Linkspartei bei der Neuinszenierung des Stückes „Die deutsche Linke – und nur sie – weiß schon, was und wer für dieses Land gut ist“ nicht mitmacht. Sie hat eine Kandidatin gefunden, die, obwohl das nachgerade denkunmöglich ist, noch besser sein soll als der Obama des Ostens. Für den Fall, dass Frau Jochimsen nicht im ersten oder zweiten Wahlgang gewählt wird, freunden sich manche ihrer Unterstützer aber schon mit dem Gedanken an, beim dritten Mal für den Gottseibeiuns der Altkommunisten zu stimmen. Dann fällt auch dort die Maske der unbefleckten Gewissensentscheidung.

Hervor tritt das politische Kalkül, das bei allen Parteien eine Rolle spielt, auch diesmal. SPD und Grüne dachten bei der Auswahl ihres Kandidaten nicht nur darüber nach, wer Deutschland einen könnte, sondern auch daran, wie sich die Koalition am besten spalten ließe. Union und FDP ihrerseits wollen nicht nur einen standfesteren Nachfolger für Köhler küren, sondern auch ihre Einigkeit und Handlungsfähigkeit demonstrieren. Solche und ähnliche Überlegungen, wer will sie alle erraten, begleiteten fast jede Bundespräsidentenwahl. Geschadet hat das noch keinem der Gewählten.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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