31.08.2009 · An diesen Sonntagabend im Fernsehen wird man sich vielleicht erinnern, als den Abend, an dem sich der Linkspartei alles unterordnete - außer Hans-Dietrich Genscher. Maybrit Illner verpasst eine große Chance, Sabine Christiansen und Stefan Aust scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.
Von Matthias Hannemann, Oliver Jungen und Michael HanfeldAuch Jörg Schönenborn kann es nicht lassen, mit seinem Herrschaftswissen zu prahlen. Die ARD war gerade erst auf Sendung gegangen, da ließ der WDR-Chefredakteur um kurz nach halb sechs durchblicken, „einige Zahlen“ zu kennen, die er leider nicht verraten dürfe. Aber gut. Zum Einen verfuhr Schönenborn hier um Einiges diskreter als der „Twitter“-Nutzer, der einige der Wahlprognosen schon um halb fünf durch die Republik geflötet haben soll. Zum Anderen ist man als Fernsehzuschauer ja für fast alles dankbar, was auf einen spannenden, aber zügigen Verlauf eines Wahlabends hindeutet: für jede Prognose, die sich im Groben halten lässt, für jeden Interviewpartner, dem nichtssagende Floskeln misslingen, für jeden Fernsehsender der um- und abschaltet, wenn vorerst alles gesagt ist.
Lafontaine passt die „Tagesschau“ ab
So gesehen, war man an diesem Wahlabend im Ersten tatsächlich nicht schlecht aufgehoben. Um zwanzig Uhr, pünktlich zur „Tagesschau“, schien hier alles gesagt. Zwar fehlte noch Oskar Lafontaine, der die „Tagesschau“ abpassen wollte und eine clever arrangierte Live-Schaltung bei Anne Will. Auf Lafontaine aber kam es, Triumph im Saarland hin oder her, nicht an - sondern zunächst auf das, was Sozialdemokraten und Grüne zum künftigen Umgang mit der Linken sagte. Und die sagten durchweg, auch wenn Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie das Blitzinterview mit dem Ersten dazu nutzte, Bodo Ramelow einen Moment lang den Sauerstoff zu entziehen (Matschie verlor sich kurz darauf noch einmal ins Studio, um sich in einem zweiten Anlauf nebulöser zu geben): Denkbar ist alles, was Schwarz-Gelb verhindert. Dass führende Sozialdemokraten die Zusammenarbeit auf Bundesebene weiter ausschlossen wie Müntefering, Heil und später Sigmar Gabriel, fiel nicht weiter ins Gewicht.
Trotzdem hatte dieser Abend im Ersten einen Mangel: Sicher gelang das Kunststück, Ergebnisse von gleich drei Landtagswahlen zu melden, den Spitzenkandidaten knappe Stellungnahmen zu entlocken, fortlaufend aktualisierte Zahlen einzublenden und zwischendrin eine „Berliner Runde“ zu inszenieren, in der Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke ebenfalls um Freundlichkeiten in Richtung Linke bemüht war.
Nur Guido Westerwelle macht weiter
Der rasante Abend aber war wömöglich zu fixiert auf die Frage nach der Linken, zu desinteressiert, wenn es um das Erfolgsgeheimnis der FDP, die Grünen und alternative Koalitionsmöglichkeiten ging, und zu abgelenkt, um erfolgreich nach den Spuren zu suchen, die er bei jenen Christdemokraten hinterließ, die schockiert in die Kamera hineinschauten. Alle, schien es gleich nach den ersten Hochrechnungen der ARD, selbst die Journalisten, sehnten sich danach, über dieses Wahlergebnis erst einmal in Ruhe schlafen zu dürfen.
Nur Guido Westerwelle machte weiter. Er schüttelte bei „Anne Will“ den Kopf, als Sigmar Gabriel die Aufregung um die Linke herunterzuspielen suchte, er drückte den Rücken durch, während Günther Oettinger ohne Leidenschaft von „gewissen Verschleißerscheinungen“ der CDU „auf Länderebene“ sprach, er nutzte die stille Ratlosigkeit, um sich abermals mit Blick auf das Ergebnis der Landtagswahlen eine Fernsehdebatte aller demokratischen Parteien zu fordern. Beim nächsten Talkshow-Auftritt wird er sich vermutlich noch dicker wappnen müssen.
Genscher stellt die entscheidende Frage
Im Vergleich mit manch verschnarchter Politproporzrunde, die im langen televisionären Anlauf zu der voraufdämmernden Bundestagswahl schon über den Äther gegangen ist, war die Sonderausgabe von „Maybrit Illner“ im ZDF ein Glanzstück: kompakt und energiegeladen. Bedauerlicherweise aber bremste die Moderatorin die einzige wirklich engagierte Auseinandersetzung des Abends rücksichtslos aus. Der von Hans-Dietrich Genscher vom Zaun gebrochene Angriff gegen die hübsch und artig neben ihm sitzende stellvertretende Bundesvorsitzende der Linken, Katja Kipping, hatte als strategisches Manöver begonnen: Wie wollen SPD und Grüne mit der Linkspartei auf Landesebene zusammenarbeiten, wenn sie dies auf Bundesebene aufgrund außenpolitischer Bedenken ablehnen, der Einfluss des Bundesrats auf die europäische Außenpolitik aber durch das jüngst ergangene Urteil des Bundesverfassungsgerichts nun deutlich gestärkt wird?
Plötzlich aber - es ist sein Lebensthema - redete sich der FDP-Ehrenvorsitzende in Rage: „Ich gehöre einer Generation an, die erlebt hat, was passiert, wenn in Europa die Leute gegeneinander gehen. Und ich möchte, dass dieses Europa stärker wird und dass es nicht von Deutschland blockiert werden kann.“ Ein solcher Vorstoß ins Inhaltliche und Persönliche, in den Untergrund der Politik, war nicht vorgesehen in der Wir-sind-alle-Wahlzielerreicher-Runde.
Die Linke will „ein anderes Europa“
Zwar reagierte die Vertreterin der Linken schlagfertig, wenn es etwa darum ging, das Ansinnen des Ersten Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, seiner demokratietheoretischen Absurdität zu überführen. Der nämlich hatte angeregt, in Thüringen solle im Falle von Rot-Rot doch Christoph Matschie (SPD) Ministerpräsident werden, weil Bodo Ramelow (Linke) die Kräfte des Landes nicht zu mobilisieren verstehe (aber freilich neun Prozent mehr Wähler mobilisiert hat). Doch von Genscher überrumpelt machte Katja Kipping keine gute Figur: Man wolle eben ein anderes Europa, stümperte sie zusammen, eines das nicht zur Aufrüstung zwinge. Auch diesen Einwand aber zerpflückte Genscher mit Verve. Für einen Moment halfen alle Phrasen wie das Volksentscheidgerede nichts, waren echte Argumente gefragt. Auch Jürgen Trittins Einwurf, der eigentliche Europafeind sei die CSU, verpuffte einfach. Man hätte zu gerne gesehen, ob die Dame der nun wohl einfach etablierten fünften Partei die Größe gehabt hätte, im Angesicht des ehemaligen Bundesaußenministers einige der plattesten Statements der Linken zu revidieren.
Maybrit Illner würgt den historischen Moment ab
Doch Maybrit Illner würgte diesen glücklich aus dem Nichts gekommenen Impuls, diese einzige Chance der Sendung ab: „Sie nehmen mir nicht krumm, wenn wir diese Europadiskussion nicht zu sehr prolongieren“. Doch, wir nehmen es krumm. Zumal, wenn statt dessen Wolfgang Schäuble wortreich ausschließt, dass es wieder eine Rote-Socken-Kampagne geben wird, wenn statt dessen Thomas Oppermann philosophiert, die Linkspartei könne in acht bis zwölf Jahren ja ganz verändert sein, oder wenn statt dessen ein, man kann es nicht anders sagen, schusseliger Friedrich Nowottny im besten Falle überflüssige Kommentare abgibt: Frau Merkel wird das Ergebnis analysieren. Ja, das wird sie. Na und? Warum nur gibt es im Plapperfernsehen diese nervtötende Dauerpflicht zu Allgemeinplätzen? Schließt Politainment denn jede Spontaneität aus?
Der irgendwie übersouveränen, aber dann doch sklavisch den Fragekärtchen folgenden Moderation entsprach das offenbar nicht ganz durchdachte Thema der Sendung: „Stimmungstest oder Vorentscheidung?“ Dass die Wahlprofiteure eher der zweiten Ansicht zuneigten, während Wolfgang Schäuble - angesichts der Stimmenverluste der Union - solche Bezugnahmen als „unseriös“ bezeichnete, war schließlich vorhersehbar. Es handelt sich aber nicht nur um einen redundanten, sondern auch noch um einen irreführenden Titel, denn die Besonderheit dieses Abends war es ja gerade, dass die Vorentscheidung für eine schwarz-gelbe Bundesregierung längst gefallen schien und seit gestern gefühlsmäßig wieder in Frage steht. Der mögliche Verlust zweier Ministerpräsidenten trotz erstarkter FDP geht eben nicht zusammen mit der seit Monaten zu Markte getragenen Siegesgewissheit der Union. Dazu aber hatte Maybrit Illner keine Fragen.
Eine Prognose darf man wagen
Mit Prognosen soll man ja vorsichtig sein. Aber eine Vorhersage lässt sich nach dem Superlandtagswahlsonntag wagen: Das Experiment mit einer politischen Talkshow wird Sat.1 über den Tag der Bundestagswahl hinaus nicht fortsetzen. Denn an diesem Wochenende zeigte sich einmal mehr, dass die Konstruktion von „Ihre Wahl! Die Sat.1 Arena“ nicht verfängt. Sie wird abermals an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sein, sie wirkt geradezu aus der Zeit gefallen. Wer käme außer diesem Sender schon auf die Idee, an einem Tag, an dem sich in zwei von drei Bundesländern ein Regierungswechsel andeutet, die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen einzuladen? An einem Tag, von dem an die Klage, wir erlebten einen langweiligen Wahlkampf, noch hohler klingt als zuvor. An einem Tag, der, wie der Grünen-Politiker Jürgen Trittin meint, den Anfang vom Ende der Regierung von Angela Merkel markieren könnte. An einem Tag schließlich, der den vorletzten Schritt der Linkspartei zur Machtübernahme im Bund darstellen könnte.
Der Extremfall ist der Maßstab
Um all das ging es bei Sabine Christiansen und Stefan Aust nur am Rande. Sie gehen offenbar stur die Besetzungsliste von Angela Merkels Kabinett durch, Ressort für Ressort, und fechten einen ganz anderen Kampf aus, den gegen ein unausgegorenes Konzept, das man mit der Spielweise vergleichen könnte, die den FC Bayern zuletzt gekennzeichnet hat - die Taktik ist unklar und die Protagonisten passen nicht zueinander. Im Vergleich zum Saisonauftakt am vorvergangenen Sonntag mit dem Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg haben sich nur Kleinigkeiten verbessert. Die Sendung erscheint nicht mehr ganz so zersplittert, überfrachtet und atemlos. Die Zahl der Gäste ist um zwei reduziert und auch das Sperrfeuer von SMS-Botschaften, Mails und Webfilmchen ist abgeschwächt worden. Und doch ist alles ein einziges Stückwerk.
Im Grunde genommen ging es bei Christiansen und Aust in der zweiten Sendung um dasselbe Thema wie in der ersten - um die soziale Gerechtigkeit. Also um das Thema, mit dem die Linke im Augenblick erfolgreich Stimmung macht. Als Prüfstein für die Familienpolitik der Bundesregierung dient ihnen eine Hartz-IV-Empfängerin mit drei Kindern, die nicht über die Runden kommt. Am extremsten Fall orientiert sich hier stets die Debatte, er dient als Maßstab für alle anderen, was zwangsläufig zum Ruf nach einem allmächtig starken Staat führt, dessen Daseinsvorsorge von der Wiege bis zur Bahre reichen soll. All die Facetten, mit denen sich eine Familienpolitikerin wie Ursula von der Leyen, beschäftigen muss, fallen hier unter den Tisch. Die Einheitsganztagsschule für alle, die auf Kita und Kindergarten folgt, erscheint als allein seligmachendes Heilmittel. „Länger gemeinsam lernen“, so umschreibt - während bei Sat.1 gerade Werbepause ist - die Politikerin der Linken nebenan bei Maybrit Illners Talk im ZDF das politische Ziel ihrer Partei. Das hatten wir alles schon, 1989 im östlichen Teil Deutschlands. Und doch ist Widerrede zwecklos beziehungsweise - sie wird nicht erhoben. Was „länger gemeinsam lernen“ de facto heißt, spricht niemand aus und fragen die Moderatoren nicht nach: Zuerst wird die Hauptschule abgeschafft, dann das Gymnasium, übrig bleiben neben der Einheitsschule nur noch G-8-Sonderklassen für Hochbegabte. Dafür streiten die einen, die anderen lehnen es ab. Die solches ablehnen aber, haben den politischen Disput aufgegeben und stimmen mit den Füßen ab - sie schicken ihre Kinder auf Privatschulen, die einen Boom wie nie erleben. Das ist das Dilemma der Schulpolitik der Bürgerlichen: ihre Klientel ist längst geflüchtet, weil sie nicht mehr glaubt, gerade in dieser Frage überhaupt noch eine Wahl zu haben.
Mit den Mittel des Boulevards
Zu einem Punkt wie diesem drang die Debatte bei Aust und Christiansen selbstredend nicht vor. Sabine Christiansen sagt immer noch „wir haben eine Webcam“, wenn sie meint, dass die Videobotschaft eines Zuschauers eingebendet wird und leitet über von einem Aspekt zum nächsten - von der Kinderarmut zur Kinderverwahrlosung zur Kinderpornographie zum Amoklauf an der Schule - ohne dass eine Frage erschöpfend behandelt würde. Auch die drastischsten Mittel des Boulevards sind in der Sat.1-Arena erlaubt: Die Mutter einer beim Blutbad von Winnenden getöteten Referendarin fragt nach dem Waffengesetz. Während Ursula von der Leyen darauf antwortet, laufen im Hintergrund Bilder, die trauernde Schüler zeigen. Eine Meisterleisung der Bildregie.
Mal sehen, wenn Sabine Christiansen und Stefan Aust am nächsten Sonntag zu Gast haben. Im Augenblick sieht es so aus, als verwalteten sie sonntags die Resteliste: Wer bei Anne Will oder Maybrit Illner nicht gefragt ist, kommt zu ihnen. Für die nächste Woche würden wir also auf Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee tippen. Auf den anderen Kanälen sehen wir dafür Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.