01.10.2009 · Den „braven Matschie“ hat der frühere Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel ihn einmal genannt. Doch mit seinem Schwenk hin zur CDU gegen den Willen seiner Basis beweist der thüringische SPD-Vorsitzende nun vor allem eines: dass er hoch pokern kann.
Von Claus-Peter MüllerDer „brave Matschie“, wie ihn der frühere Thüringer Ministerpräsident und CDU-Vorsitzende Vogel einmal freundlich, doch in politischer Absicht nannte, hat ein Etappenziel erreicht. Der Landesvorstand der Thüringer SPD folgte dem Landesvorsitzenden auf dem Weg in Koalitionsgespräche mit der CDU. Der Spitzenkandidat der Linken, Ramelow, den Vogel als den eigentlichen Gegner der CDU ausgemacht hatte, hat das Nachsehen. Der jungenhaft wirkende, 1961 geborene Matschie ist also gar nicht so brav, wie er ausschaut.
Auch darin hat er etwas mit der designierten neuen CDU-Vorsitzenden und möglichen Ministerpräsidentin Lieberknecht gemein. Beide entstammen protestantischen Pfarrhäusern und sind von erstaunlicher Entschiedenheit und Hartnäckigkeit. Bei Matschie kommt ein Hang zum Risiko hinzu, den er eingesteht: Ein Bruder, dem er ähnlich sei, trainiere Schauspieler und bilde Stuntmen aus. Auch er, sagt Matschie, liebe Herausforderungen.
Seine Durchsetzungsfähigkeit wurde stets trainiert, denn seine Eltern hatten wenig Geld, aber sechs Kinder. Schon der Schulbesuch war eine politische Auseinandersetzung. Der Sohn eines Pastors und einer Krankenschwester blieb den Jugendverbänden des SED-Staats fern. Er beteiligte sich an der offenen Jugendarbeit der Kirche, an Friedens- und Umweltgruppen, war Sprecher der Studentengemeinde. Zur Vorbereitung auf das angestrebte Medizinstudium arbeitete er in der Krankenpflege. Auf einer Station für Krebskranke sammelte er Erfahrungen fürs Leben. Das Studium blieb Matschie aus politischen Gründen verwehrt. Nach drei gescheiterten Anläufen wandte er sich der Theologie zu. Er schloss das Studium 1989 ab, ging mit der Wende in der Politik auf.
Tanz an der Felskante
Stattdessen trat er im Oktober 1989 in die SDP ein, „weil diese sofort den Machtanspruch der SED in Frage stellte, als andere noch den Dialog einforderten“. Matschie saß am zentralen runden Tisch in Berlin und von 1990 an im Bundestag. 1999 übernahm er die Führung seiner Partei in Thüringen, die im Streit zwischen dem linken Parteivorsitzenden Dewes und den PDS-Gegnern um den früheren Vorsitzenden Schuchardt unterzugehen drohte. Matschie wurde mit 93,5 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden gewählt. Während er als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium auf dem Berliner Parkett Erfahrungen sammelte, die ihn in Thüringen herausragen lassen, wollte die Achterbahnfahrt der SPD in der Heimat nicht enden. Dewes griff immer wieder nach der Macht. 2008 bezwang er schließlich Dewes in einer parteiinternen Urabstimmung mit 77,5 Prozent der Stimmen.
Nun, nach der Entscheidung für die Koalition mit der CDU, regen sich Dewes und die anderen Befürworter eines linken Weges abermals. Der Versuch, die SPD letztlich in die Koalition mit der CDU zu führen, ist für den Bergsteiger Matschie so riskant wie die Bewältigung der letzten Meter bis zur rettenden Felskante an der überhängenden Wand, denn die Basis der SPD neigt einem linken Bündnis zu.