Home
http://www.faz.net/-gef-13qrt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Christine Lieberknecht Mutig, geradlinig und klug

08.09.2009 ·  Sollte es der CDU tatsächlich gelingen, in Thüringen eine schwarz-rote Koalition mit der SPD zu bilden, dann soll Sozialministerin Christine Lieberknecht Ministerpräsidentin werden. Das CDU-Präsidium nominierte sie nun einstimmig für die Nachfolge von Dieter Althaus.

Von Claus Peter Müller
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Christine Lieberknecht ist Pastorin, durch und durch Protestantin. Es fehlt ihr weder an Mut und Geradlinigkeit noch an der Klugheit, diese Eigenschaften zu zügeln, wenn es opportun ist. Langfristig betrachtet, geht ihre Strategie auf. Sie ist beinahe am Ziel. Sollte die CDU mit der SPD in Thüringen tatsächlich koalieren, dürfte sie diese Koalition führen.

Frau Lieberknecht stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus, einer Nische, in der die bildungsbürgerliche Welt auch eine Diktatur überlebt hat. 1958 in Weimar geboren, wusste sie schon als Kind, was sie wollte und was nicht. Ihre Aufmüpfigkeit führte zu einem Schulverweis. Sie liebäugelte mit einem Studium der Mathematik und Physik, wollte aber doch nicht als Lehrerin im DDR-Schulsystem enden. Also studierte sie Theologie. Politische Berührungsängste hatte sie nie.

In Anerkennung ihrer Klugheit

Ungezwungen erzählt sie über ihre Freundinnen, die in jungen Jahren in die SED gingen. Frau Lieberknecht ging in die CDU, als die noch eine Blockpartei war. Ihr würde daraus aber nie ein Strick gedreht, denn 1989 war sie eine der vier Unterzeichner des „Briefes von Weimar“. Was sich heute wie die Forderung nach der Reform des Sozialismus liest, um ihm sein Überleben zu sichern, galt damals als Heldentat.

Im neuen, demokratischen Staat galt Frau Lieberknecht von Beginn an als Talent. Der CDU-Vorsitzende Kohl holte sie gemeinsam mit der anderen Pfarrerstochter, Angela Merkel, in die Führung der Partei. Thüringens erster Ministerpräsident Duchac berief sie zur Kultusministerin. Sie übernahm das Amt, auf das Althaus damals gesetzt hatte. Doch sie versah es nur kurz. Im Januar 1992 war es die Kultusministerin, die Duchacs Sturz anführte. Fortan hing ihr der Ruf der Königsmörderin an, und mancher charakterisierte sie - durchaus in Anerkennung ihrer Klugheit - mit einem alttestamentarischen Bild: als Schlange. Für eine Nachfolge im Amt des Ministerpräsidenten kam sie damals nicht in Frage.

Jede neue Erfahrung betrachtete sie als Bereicherung

Frau Lieberknecht diente Ministerpräsident Vogel, kümmerte sich um Bundesrats- und Europaangelegenheiten. Sie war Parlamentspräsidentin. Als solche pflegte sie zu allen Fraktionen enge und gute Verbindungen. In der nun endenden Legislaturperiode war sie Fraktionsvorsitzende. Althaus zog sie im Frühling vorigen Jahres aus dieser Funktion zurück, denn er war sich ihrer Unterstützung offenbar nicht mehr ganz sicher. Sie wusste, dass es besser war, seinem Wunsch nachzugeben. Frau Lieberknecht übernahm das Sozialressort. Jede neue Erfahrung betrachtete sie als Bereicherung. Nach Althaus' Skiunfall hielt sie sich bedeckt.

Auf keinen Fall wollte sie, dass sie als Nachfolgerin genannt würde. Althaus lautete der Plan „A“. Wenn es einen Plan „B“ brauchte, wäre es Birgit Diezel. Dem pflichtete Frau Lieberknecht bei. Aber schon damals sprach vieles dafür, dass Christine Lieberknecht für den Plan „C“ stand, um der Union nach der Wahl in einer Koalition mit der SPD das politische Überleben zu retten. Der Pfarrerssohn, Theologe und SPD-Vorsitzende Matschie liebäugelte schon vor Jahren mit einem Bündnis unter Führung des „lieben Christinchens“. Auch nach dem Willen der Thüringer CDU soll sie nun Ministerpräsidentin in einer schwarz-roten Regierung werden. Das Präsidium nominierte sie am Dienstag einstimmig für die Nachfolge von Dieter Althaus.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.

Jüngste Beiträge