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Schleswig-Holstein Der Sommer und die Wespen

18.09.2009 ·  „Bei uns kann es nur gute Überraschungen geben“: Ralf Stegner hat für die SPD in Schleswig-Holstein nichts zu verlieren, aber mit jeder neuen Umfrage mehr zu gewinnen. Denn jeder Prozentpunkt ist für ihn ein Erfolg.

Von Frank Pergande, Schwarzenbek
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„Red Car“ hat die SPD von Schleswig-Holstein den Bus genannt, mit dem ihr Vorsitzender und Spitzenkandidat Ralf Stegner derzeit im Wahlkampf unterwegs ist. Nachdem die CDU die große Koalition Ende Juli aufgekündigt hatte, wird im Land zwischen Nord- und Ostsee zusammen mit dem Bundestag am 27. September auch ein neuer Landtag gewählt. Die Umfragen sehen CDU und FDP als Wahlsieger, die SPD auf einem historischen Tief. Allerdings verliert Schwarz-Gelb Monat für Monat an Zuspruch, während Stegner gegenüber dem im Land bekannten und beliebten CDU-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen immer weiter an Boden gutmacht.

Als vor ein paar Tagen Stegners Bus auf den Alten Markt von Schwarzenbek östlich von Hamburg rollte, rückten sogleich unter großem Getöse drei Traktoren heran und bauten sich neben „Red Car“ auf. Es ging wieder einmal um die zu niedrigen Milchpreise. Stegner sah die Traktor-Invasion gelassen. „Ich fürchte, das Land kann da nicht viel machen“, hielt er den erregten Landwirten entgegen. Aber das Anliegen der Bauern könne er gut verstehen, setzte er hinzu, um dann mit einem kleinen rhetorischen Salto auf vertrauten Boden zu gelangen: Mit dem Milchpreis sei es so ähnlich wie mit dem Mindestlohn. Man müsse von seiner Arbeit auch leben können. Die Bauern fanden den Vergleich angemessen. Sie gaben ihre leicht drohende Haltung auf und hörten dem Kandidaten aufmerksam zu. Schon ging es um andere Themen.

Einer der Standardsätze von Stegner

Sehr beliebt im Straßenwahlkampf: die Sonderzahlungen von 2,9 Millionen Euro für den Vorstandsvorsitzenden der HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher. Die Bank lebt derzeit vom Geld, das die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein zur Verfügung gestellt haben. Es sei ein Skandal, dass die Hertie-Verkäuferin nicht mal einen Sozialplan bekomme, Nonnenmacher aber Millionen - das ist einer der Standardsätze von Stegner.

Da sei außerdem das Parlament belogen worden, setzt er hinzu. Er habe zwar früher im Aufsichtsrat der Bank gesessen, aber das sei vor der Krise gewesen, er habe sich nichts vorzuwerfen. Man solle bei der CDU nachfragen, wie es zu den Zahlungen für Nonnenmacher gekommen sei. Die seien im Aufsichtsrat dabei gewesen, als darüber entschieden wurde. „Im Übrigen“ - Stegner sagt gern „im Übrigen“ oder „übrigens“ - „wird eine SPD-geführte Landesregierung Herrn Nonnenmacher sofort entlassen.“

Die CDU hat die Koalition gebrochen

Die Rede auf dem Schwarzenbeker Markt kam dann noch auf den künftigen Landtag, der womöglich 101 Mitglieder haben könnte. Auch das eine Vorlage für Stegner. Das passiere nur, erklärte er, wenn die CDU mehr Direktmandate bekomme, als ihr von der Gesamtstimmenzahl her zustünden, und den anderen Parteien Ausgleichsmandate zufielen. „Wählen Sie mit beiden Stimmen SPD, dann passiert das nicht.“ Sie wollten es sich überlegen, sagten die Landwirte. Sie hätten immer CDU gewählt, die CDU sei die Partei der Landwirte gewesen. Aber das sei jetzt vorbei, weil von dort bei den Milchpreisen keine Unterstützung komme. Nicht viel hätte gefehlt, und die Sozialdemokraten auf dem Schwarzenbeker Markt hätten noch Aufnahmeanträge zücken können.

Stegner wirkt bei solchen Auftritten locker, charmant, witzig und hat erkennbar Vergnügen an den Gesprächen, die bei ihm sogleich politische werden. „Ich kann mich nicht beklagen“, sagt er über seinen Wahlkampf. Er führt ihn beinahe als Außenseiter. Die CDU hat die Koalition gebrochen - Stegner lieferte ihr die Begründung. Er sei unzuverlässig, reklamiere Erfolge für sich und schreibe unangenehme Entscheidungen der CDU zu. Er sage in der Öffentlichkeit etwas anderes, als zuvor in der Koalition beschlossen worden sei. Er interessiere sich nur für seine Karriere.

Dann folgt gern ein Seitenhieb auf den Ministerpräsidenten

Stegner, der kurz nach der Wahl fünfzig Jahre alt wird, weiß, er muss sich in dem kurzen Spätsommerwahlkampf bekannt machen im Land und Sympathien gewinnen, was ihm nicht so sehr beim großen Auftritt, wohl aber in der kleinen Runde gelingt. Die Leute, so erzählt Stegner, fragten gern nach Persönlichem. Etwa: Ob er zum Lachen in den Keller gehe, weil man ihn nie lachen sehe. Stegner hat auch für diesen Fall Standardsätze parat wie: „Solche Muskelübungen haben nichts mit Humor zu tun. Humor aber habe ich eine ganze Menge.“

Ob er wirklich so streitsüchtig sei, wie in der Öffentlichkeit dargestellt, wird er immer wieder gefragt. „Widerspruch kann ich“, sagt er in Müntefering-Diktion. Aber aus Widerspruch entstehe schließlich Gutes. „Im Übrigen“ schätze er die Geradlinigkeit der Norddeutschen, „das liegt mir“. Dann folgt gern ein Seitenhieb auf den Ministerpräsidenten: „Der gibt immer gerade dem recht, der als Letzter in seinem Büro war.“ Das kommt an, da lachen die Leute. Stegner, der seit zwei Jahrzehnten in der Politik ist und 2007 Parteivorsitzender wurde, führt seinen Wahlkampf erstaunlich entspannt. „Bei uns kann es nur gute Überraschungen geben.“ In der Tat: Jeder gewonnene Prozentpunkt ist ein Erfolg für Stegner. Könnte die SPD Schwarz-Gelb verhindern, wäre das sogar ein riesiger Erfolg für den Kandidaten. Käme die SPD in Kiel wieder in die Regierung, wäre das eine Sensation.

„Die SPD redet mit allen Parteien, nur nicht mit Nazis“

Umgekehrt dürfte ein für die SPD verlorener Wahlkampf unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum Konsequenzen für den Vorsitzenden haben, der auch Fraktionsvorsitzender im Landtag ist. Dafür hat die Partei zu wenige Talente. Weil die sozialdemokratischen Erwartungen so gering sind, führt Stegner in gewisser Weise einen unverfrorenen Wahlkampf. „Sozial gerechter, Stegner“ heißt der Slogan, hinter dem ein sehr linkes Programm steht mit Mindestlöhnen, Beitragsfreiheit für die Kindertagesstätten, weg von Atomenergie und Kohle, hin zu regenerativen Energien, Gemeinschaftsschulen und einer Garantie für Ausbildungsplätze.

Stegner will mit einem solchen Programm auch die Linkspartei klein halten. Für den Fall der Fälle aber sagt er im Wahlkampf über mögliche Koalitionen nach der Wahl: „Die SPD redet mit allen Parteien, nur nicht mit Nazis.“ Und Stegner hat es verstanden, seinen Wahlkampf vom Bundestagswahlkampf der SPD abzukoppeln. Es soll aussehen wie der Kampf Davids gegen Goliath. Das macht diesen Wahlkampf sogar vergnüglich - wer hätte das gedacht. Am 27. September will Ralf Stegner „ins Schwarze treffen“. Manchmal sagt er auch, auf Schwarz-Gelb anspielend: „Die Zeit der Wespen ist mit dem Sommer vorbei.“ Dann sogar lächelt der Kandidat auch einmal.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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