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Das Beispiel Tillich Willkommen in Ostdeutschland

29.11.2008 ·  Ausgerechnet in der stolzen und manchmal hochmütigen sächsischen CDU ist das Thema „Blockflöten“ wieder aktuell. Das Beispiel des Ministerpräsidenten Tillich zeigt: Die Ost-CDU wird von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Von Reiner Burger, Dresden
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Laut knatternd setzte am 25. August 1990 ein Hubschrauber mit Lothar Späth an Bord in Chemnitz auf. Der baden-württembergische Ministerpräsident durfte keine Zeit verlieren. Noch am Morgen, als der sächsische Landesvorstand in einer alten Villa der Block-CDU zusammengekommen war, schienen die „Erneuerer“ den übermächtigen „Blockflöten“ endgültig zu unterliegen. Seit Wochen stritten die Lager darum, wen die CDU als Ministerpräsidentenkandidat in die erste Landtagswahl schicken sollte. Im Juli hatte Klaus Reichenbach, der CDU-Bezirksvorsitzende von Karl-Marx-Stadt, seinen Hut in den Ring geworfen. Die „Erneuerer“ um Arnold Vaatz sahen jede Hoffnung schwinden.

Zwar gelang es, einen Gegenkandidaten zur „Blockflöte“ Reichenbach zu gewinnen, doch dadurch verschärften sich die Fronten zwischen den Lagern so sehr, dass die Bundes-CDU eingreifen musste: „Keiner von beiden“, lautet ihr Kompromiss. Intensiv bemühte sich „Königsmacher“ Späth um Heiner Geißler. „Aber Geißler wollte dann lieber Bundestagsabgeordneter und Drachenflieger bleiben“, erinnert sich Matthias Rößler, der für den „Demokratischen Aufbruch“ an der Chemnitzer Sitzung teilnahm.

Beispielloser Abschied von Blockparteien-Struktur

Während sich die beiden Lager in der Chemnitzer Parteivilla wieder heftig beharkten, ging plötzlich die Tür auf. Späth trat ein und sagte: „Ich kenne jemanden am Chiemsee, der bereit wäre.“ Gegen Kurt Biedenkopf konnte niemand etwas einwenden. Biedenkopf war von Beginn an die Figur, die über all den Rivalitäten in der sächsischen CDU stand. Und als Ministerpräsident bot Biedenkopf die Gewähr dafür, dass die alten Blockstrukturen aufgebrochen würden. Es war wie die Fortführung der friedlichen Revolution mit anderen Mitteln: Die winzige Gruppe der „Erneuerer“ konnte sich dank des Chemnitzer Bravourstücks gegen das übermächtige Blockparteimilieu auf breiter Front durchsetzen: Erich Iltgen – 1989 Moderator des runden Tisches in Dresden – wurde Landtagspräsident, Steffen Heitmann Justizminister, Arnold Vaatz zunächst Chef der Staatskanzlei, Hans Geisler vom „Demokratischen Aufbruch“ übernahm das Sozialressort. Mit den aus dem Westen angeworbenen Ministern für Wirtschaft (Hajo Schommer) und Finanzen (Georg Milbradt) bildeten sie eine pragmatische Koalition gegen das parteiinterne Ancien Régime.

Im Dezember 1991 wurde dann auf dem Annaberger Parteitag der ganze Parteivorstand ausgewechselt. So beispiellos umfassend trennte sich kein anderer ostdeutscher Landesverband der CDU von seiner Blockparteien-Struktur. Anders als in anderen ostdeutschen Ländern wie Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die CDU-Ministerpräsidenten Duchac, Gies und Gomolka ihre Ämter aufgeben mussten, blieb die sächsische Union vor spektakulären Regierungskrisen und Stasi-Skandalen verschont.

Die DDR-CDU als Teil des SED-Machtapparats

Achtzehn Jahre nach Späths politischen Hebammen-Diensten ist wieder ein baden-württembergischer Ministerpräsident in Sachsen. Aber kein Sondereinsatz, sondern Routine führte Günther Oettinger (CDU) nach Dresden. Baden-Württemberg und Sachsen pflegen seit der Wende besonders enge Beziehungen. Diesmal spricht man über dies und das und ein gemeinsames Abitur. Doch bei der gemeinsamen Pressekonferenz in der Gläsernen Manufaktur wird Stanislaw Tillich (CDU) auch zur DDR-Geschichte und zur Vergangenheit seiner Partei befragt. Ausgerechnet in der stolzen und manchmal auch hochmütigen sächsischen CDU, die die Geschichte auf ihrer Seite glaubte und vor sich nichts anderes als die Zukunft, ist das Thema „Blockflöten“ wieder aktuell.

Der 49 Jahre alte Politiker steht im Licht der Scheinwerfer. Sein Gesicht ist fahl. „Sie dürfen sicherlich davon ausgehen, dass mich die Schlagzeilen betroffen machen“, sagt Tillich. Nicht dass unbekannt gewesen wäre, dass er schon seit 1987 der CDU angehört. Nicht dass niemand gewusst hätte, dass Tillich von 1987 an für den Rat des Kreises Kamenz tätig war. Das hat er in seiner Biographie stets angegeben. Doch dass er dort von Mai 1989 an auch stellvertretender Ratsvorsitzender war, ist selbst manchem Parteifreund neu. Während im Hintergrund VW-Arbeiter Nobelkarossen montieren, beteuert Tillich, heute würde er diese Entscheidung nicht mehr treffen. Und: Die CDU in der DDR sei Teil des SED-Machtapparats gewesen. Dann verweist sein Sprecher auf eine fünfseitige Erklärung Tillichs.

Die Besonderheiten „ostdeutscher Biographien“

Der Ministerpräsident beschreibt sich darin als ambivalenten Mann. Sein Eintritt in die Blockpartei sei seine persönliche Absage an die SED gewesen, vor der er seine Ruhe haben wollte. Subjektiv mag es tatsächlich ein Ausweichen vor familiär verstärktem Druck gewesen sein: Vater Tillich war bei der SED. Ein Akt des politischen Widerstands und der Opposition war der Eintritt in die CDU natürlich nicht. Zumal Tillich auch von „Handlungsformen“ schreibt, die er gesucht habe. Er wollte also Karriere machen. Der Sorbe Tillich lebte fortan sowohl im katholischen Milieu der Oberlausitz als auch im real existierenden Sozialismus. Wer wollte darüber richten?

Und doch muss er sich nun verteidigen wie bisher nur Leute von der PDS: „Es darf nicht sein, dass ostdeutsche Verhaltensweisen zunehmend einem Generalverdacht ausgesetzt werden und Handlungsweisen der DDR-Bevölkerung generell und grundsätzlich stigmatisiert werden.“ Prompt freut sich die Linkspartei, es sei schön, dass Tillich mit fast zwei Jahrzehnten Verspätung endlich Wertschätzung für die Besonderheiten „ostdeutscher Biographien“ entdeckt habe. Für die umbenannte SED/PDS ist dies die Zauberformel, mit der sie selbst das schlimmste Spitzeltum ins Ungefähre wegsozialisieren will. Nun führt sie auch der harmlose DDR-Mitmacher im Mund. Es ist ein Fest für die Linke.

Im Alltag angekommen

Vielleicht ist Sachsen, das sich zu Biedenkopfs Zeiten als etwas Besonderes zu vermarkten wusste, endgültig im Alltag angekommen. Schon unter dem ersten Nachwende-Ministerpräsideten hatten die Reformer auch aus eigenem Unvermögen bald wieder an Einfluss verloren. Zuletzt verzichtete Milbradt darauf, den Bürgerrechtler Rößler auch in sein zweites Kabinett zu berufen. Und wer unter Tillich CDU-Minister ist, stammt entweder aus dem Westen oder ist noch zu DDR-Zeiten in die Partei eingetreten – das ist die heutige Koalition der Pragmatiker. Von den heute etwas mehr als 13.000 sächsischen CDU-Mitgliedern sind allerdings nur noch 3539 vor der Wende in die Partei eingetreten.

Anfang der Woche wird sich auch der CDU-Bundesparteitag in Stuttgart mit der ostdeutschen Geschichte befassen. Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR dürfe es kein Vergessen und Verdrängen geben, heißt es in einem Antrag, in dem die CDU ihre politischen Gegner geißelt. Die CDU selbst kommt nur als West-Union, als die Partei Adenauers und Kohls, als „Garant und Motor der Wiedervereinigung“ vor. Auf Drängen einiger besorgter CDU-Leute soll das Papier aber noch um eine kritische Passage zur Rolle der Block-CDU im SED-Regime erweitert werden. Schon im Oktober sprach sich auch Tillich für die Ergänzung aus. Seinen eigenen Lebenslauf aber ließ er unverändert.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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