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Saarland-Wahl An der Saar ist so ziemlich alles möglich

28.08.2009 ·  Auf der linken Seite trommeln Gysi und Lafontaine. Auf der anderen unterstützt Westerwelle die FDP-Spitzenkraft Hartmann. Und zwischendrin steht SPD-Kandidat Maas und weiß nicht, wohin? Beobachtungen vor der Richtungswahl.

Von Oliver Georgi, Saarbrücken
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„Mein Gott, ist der klein!“ Die schwitzende Dame kann es kaum glauben, weshalb sie das eigentlich Historische des Augenblicks gar nicht recht zu würdigen weiß: „Neben dem Lafontaine sieht der ja noch winziger aus.“ Sie schaut noch einmal hin, Tatsache, es ist wirklich Gregor Gysi, der da neben Oskar Lafontaine die Saarbrücker Bahnhofstraße entlang schlendert, hier und da anhält, fotografiert wird. Dass da gerade ein ehemaliger Fraktionschef der SED-Nachfolgepartei PDS vorbeiläuft, um einem aus der SPD geflohenen früheren SPD-Parteivorsitzenden 20 Jahre nach dem Mauerfall in eine Landesregierung mit ebenjenen Sozialdemokraten zu helfen, ist der Dame wohl nicht bewusst. Vielleicht ist es ihr aber auch egal. Sie knipst. Lafontaine und Gysi strahlen.

Glänzend aufgelegt geben sich beide an diesem milden Freitagabend, alles andere wäre auch verwunderlich angesichts dessen, worum es hier geht: Nur noch zwei Tage sind es bis zur Landtagswahl im Saarland, die für die Linkspartei so etwas wie Weihnachten und Ostern zusammen werden und sie zum ersten Mal in eine westdeutsche Landesregierung führen soll. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht - auch wenn die Partei in den letzten Umfragen stetig verloren hat und mit 18 Prozent mittlerweile hinter CDU und SPD auf dem dritten Platz liegt. Eines aber hat Lafontaine, der einstige Paria der deutschen Politik, bereits erreicht - und das ist vielleicht schon alles, was er wollte: Dass seine Linkspartei gehört und respektiert wird - und bei der Regierungsbildung in jedem Fall mitreden dürfte.

Der eigentliche Star ist der Gast aus Berlin

Entsprechend aufgeräumt treten, nein spurten Lafontaine und Gysi wenig später auf die Bühne vor dem Saarbrücker Staatstheater, vor dem sich allerdings deutlich weniger Menschen versammelt haben als erwartet; gut 1000, vielleicht 1500. Der ostentativ guten Stimmung auf der Bühne kann das jedoch nichts anhaben. Zur Feier des Tages hat Spitzenkandidat Rolf Linsler, der frühere saarländische Verdi-Vorsitzende, der vor ein paar Jahren spektakulär in die Linkspartei eintrat, sogar seine falsche Redeweise abgelegt. Als er die Menge begrüßt, sagt er nicht mehr „Liebe Freundinnen und Freunden“ wie sonst immer, sondern „Freundinnen und Freunde“.

Eine gute Stunde reden Gysi und Lafontaine hernach, geißeln Hartz IV, die Selbstbedienungsmentalität der Politik in Berlin, den Krieg in Afghanistan. „Müller muss weg“, ruft Lafontaine, und Rolf Linsler nickt bestätigend. Doch so richtig in Fahrt kommt die Veranstaltung nicht - vielleicht deshalb, weil mittlerweile auch der letzte alle diese Argumente zum hundertsten Mal hört. Besonders Lafontaine wirkt verhalten, als sei er am Ende eines langen Wahlkampfs müde. Der eigentliche Star der Veranstaltung ist der Gast aus Berlin. „Oskar Lafontaine war der beste Ministerpräsident, den das Saarland je hatte“, ruft er gerade, und jetzt klatscht die Menge begeistert. Es ist bezeichnender Weise auch Gregor Gysi, der öffentlich die Bedingungen der Linkspartei für eine Zusammenarbeit mit der SPD diktiert: „Resozialdemokratisieren“ müsse sie sich - erst dann könne über eine gemeinsame politische Arbeit ernsthaft nachgedacht werden.

An der Saar ist so ziemlich alles möglich

Das ist natürlich weniger für die Saar als vielmehr für Berlin bestimmt, wie in diesen Tagen alles im Saarland eine Bedeutung weit über das Land hinaus hat. Denn die Landtagswahl am Sonntag könnte nicht nur die erste rot-rote Regierung in einem westdeutschen Bundesland bringen, sondern auch andere neue Konstellationen, die auf ihre Art Fanale für die Bundespolitik wären. So wurde in den letzten Tagen neben rot-rot-grün immer häufiger eine Jamaika-Koalition ins Gespräch gebracht, die nach den Umfragen ungefähr gleichauf mit rot-rot-grün liegt und auch für so manchen in der Bundespolitik eine valide Option wäre. Auch eine Ampel aus CDU, FDP und Grünen oder eine große Koalition will in Saarbrücken niemand ausschließen. Nur, dass CDU-Ministerpräsident Peter Müller seine absolute Mehrheit verlieren wird, scheint sicher - und dass es für die von ihm gewünschte bürgerliche Mehrheit nicht reichen dürfte.

Wenige Stunden vor der Wahl ist an der Saar so ziemlich alles möglich. Fast die gesamte Politprominenz aus Berlin ist deshalb in diesen Tagen im Saarland vertreten, um ihrem Kandidaten zum vielleicht entscheidenden Schub zu verhelfen - die Kanzlerin, der SPD-Kanzlerkandidat, die Parteispitzen von FDP und Grünen. Und eben Gregor Gysi, der auf der Bühne der Linkspartei jetzt zum letzten Schub ansetzt: „Bevor wir mit der SPD zusammenarbeiten können, müssen die sich so viel verändern“ - seine Finger spreizen sich weit -, „wir uns aber nur so viel.“ Zwischen Daumen und Zeigefinger ist jetzt kaum noch Luft. „Die SPD muss endlich wegkommen vom Neoliberalismus.“ Die Menge johlt, das sind klare Worte nach ihrem Geschmack, und als die Zuschauer „Gregor, Gregor“ skandieren, scheint es fast, als trete Gysi im Saarland an und nicht „de Oskar“.

Die SPD steht nicht nur geographisch zwischen beiden Extremen

Es ist eine seltsame Ironie, dass derjenige, den Gysi mutmaßlich als einen der Hauptvertreter des Neoliberalismus bezeichnen würde, in diesem Moment nur wenige hundert Meter entfernt ist. Auch der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle ist an diesem Abend nach Saarbrücken gekommen, um den saarländischen Spitzenkandidaten Christoph Hartmann auf den letzten Metern zu unterstützen, und ziemlich sicher warnt er seine Anhänger in dieser Sekunde vor der rot-roten Gefahr, die im Saarland dräut und sich auf die gesamte Politik auszuweiten droht. Und ziemlich genau dazwischen, auf dem St. Johanner Markt, steht zeitgleich die SPD von Heiko Maas mit ihren Informationsständen und ist nicht nur geographisch zwischen den Extremen. Am Sonntag wird sich entscheiden, in welche Richtung sie geht.

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Jahrgang 1977, Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

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