31.08.2009 · Die Grünen werden wohl entscheiden, wer im Saarland künftig regiert - offenbar neigen sie eher einem Bündnis mit Linkspartei und SPD zu als mit CDU und FDP. Ministerpräsident Müller ist der Verlierer des Abends.
Von Oliver Georgi, SaarbrückenAls Heiko Maas an diesem Abend irgendwann vor die Kameras tritt, wird er genau beobachtet: Von Hubert Ulrich, dem grünen Spitzenkandidaten, der am Rand in der Dunkelheit sitzt, unsichtbar für die Zuschauer. Er hört auf jedes Wort, hört, dass Maas von Sondierungsgesprächen spricht, mit den Grünen, aber auch mit der Union. Dass Maas jetzt theoretisch alles für möglich hält.
Als Maas nach wenigen Minuten aus dem Scheinwerferlicht tritt, geht er direkt auf Hubert Ulrich zu. Beide wechseln ein paar Worte, das Wort „Jamaika“ fällt, auch „Rot-Rot-Grün“. Ulrich strahlt verstohlen. Auf einmal ist er, der im Land so lange ungeliebt war und von Kollegen belächelt wurde, ein wichtiger Gesprächspartner, der wichtigste sogar: Er ist der Königsmacher.
Novum bundesdeutscher Politgeschichte
Die Grünen werden mit größter Wahrscheinlichkeit entscheiden, wer im Saarland künftig regiert, und egal, wen sie erwählen: Es wird ein Novum sein in der bundesdeutschen Politikgeschichte. Entweder wird das Saarland ab diesem Herbst von einer Jamaika-Koalition regiert - oder von einer rot-roten-grünen Bündnis mit SPD und Linkspartei.
Mit vielem hatten Politiker, Demoskopen, Journalisten in den Tagen und Wochen zuvor gerechnet - damit, dass die Linkspartei von Oskar Lafontaine stark sein würde, dass es ganz eng würde, dass der amtierende Ministerpräsident Peter Müller von der CDU seine absolute Mehrheit verlieren dürfte. Trotzdem standen am Ende bei vielen die Münder offen angesichts dessen, was an diesem Sonntagabend in Saarbrücken passierte: Die CDU erleidet erdrutschartige Verluste und kommt nach 47 Prozent vor vier Jahren nur noch auf 33,8 Prozent. Die SPD verliert auch, aber deutlich weniger und landet bei 25,1 Prozent; die FDP kann ihr Ergebnis fast verdoppeln und kommt auf 9,4 Prozent.
Für die größte Überraschung allerdings sorgt ein anderer, und als der um kurz vor acht durch die Menge in Richtung Fernsehkameras geschoben, nein geboxt wird, steht ein breites Grinsen auf seinem Gesicht: Oskar Lafontaine. Am Ende hat er es mit seiner Linkspartei doch allen gezeigt, und die Genugtuung ist ihm anzusehen: Über 21 Prozent erreicht seine Partei, die die Demoskopen in den letzten Wochen doch stetig fallend und schließlich nur mehr bei 15 Prozent gesehen hatten. Dass sich nun wieder alle um ihn drängeln, dass die Journalistenmeute noch mehr Aufhebens um ihn als um den geschlagenen Amtsinhaber Peter Müller macht, bereitet Lafontaine eine diebische Freude.
Nie hat man Müller müder gesehen
Lafontaine kommt mehr als eine Stunde später zum Interview als Müller, der seine Enttäuschung zuvor vor den Kameras kaum verbergen konnte. Nie hat man ihn müder gesehen als an diesem Abend, und als der Journalist fragt, was denn die Ursache für die Erdrutschverluste sei, zuckt Müller nur kurz mit den Schultern. „Unsere Erwartungen haben sich nicht erfüllt“, sagt er dann, und: „Wir sind die stärkste politische Kraft im Saarland“. Doch dass Müller am Ende doch noch einmal Ministerpräsident werden könnte, darauf mag niemand mehr wetten. „Die Grünen werden zu Maas und Lafontaine gehen“, sagt denn auch einer, der das Interview mit Müller beobachtet.
Rot-Rot-Grün oder Jamaika - es sind diese beiden Varianten, die an der Saar denkbar sind, und bei beiden sprechen die Grünen eine entscheidende Rolle mit. Entsprechend beginnt schon kurz nach der ersten Prognose das Werben um den Königsmacher Hubert Ulrich. Sowohl Müller als auch Maas kündigen an, mit den Grünen Sondierungsgespräche über eine rot-rot-grüne oder eine Jamaika-Koalition aufnehmen zu wollen. Doch die Grünen lassen sich nicht in die Karten schauen: „Wir prüfen beide Konstellationen“, gibt Ulrich augurenhaft zu Protokoll - bevor er dann doch hinterherschiebt, dass bei der Linkspartei zu den inhaltlichen Differenzen auch noch das personelle Problem komme. „Was Lafontaine und Linsler uns gegenüber betrieben haben, hat die grüne Basis sehr erschüttert“, poltert Ulrich. Die Kampagne, die die Linkspartei in den Wochen zuvor gegen die Grünen gefahren hat, steckt nicht nur dem Spitzenkandidaten noch tief in den Knochen.
Trotzdem ist mehr als wahrscheinlich, dass Ulrichs Flirt mit Jamaika nicht mehr als Taktiererei ist. Denn auch, wenn ein Bündnis mit Links sicherlich keine Traumkonstellation darstellt: Weite Teile der grünen Basis wollen eher die Kröten Lafontaine und Linsler schlucken, als mit der FDP und Müller zu regieren und damit einen Politikwechsel zu verhindern. Heiko Maas weiß das natürlich, und trotzdem taktiert auch er: Natürlich werde man auch Sondierungsgespräche mit der Union führen, sagt er bereits in den ersten Interviews - selbst wenn die SPD in einer großen Koalition dann auf das Amt des Ministerpräsidenten verzichten müsste.
Dass Maas diesen Schritt wirklich gehen könnte, glaubt indes kaum jemand. Eher schon will er den Druck auf die Grünen erhöhen und ihnen bedeuten, dass die SPD notfalls auch anderweitig eine Regierung bilden könnte. Es ist zweifelhaft, dass die Grünen ihm diese Finte abnehmen.