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Porträt: Heiko Maas Nicht wie Müller und auch nicht wie Lafontaine

18.08.2009 ·  Noch vor einem Jahr sah es so aus, als ob das ewige SPD-Talent Heiko Maas im Duell zwischen Oskar Lafontaine und Amtsinhaber Peter Müller zerrieben würde. Nun hat der saarländische SPD-Spitzenkandidat sich selbst entdeckt. Und seine Partei profitiert davon.

Von Thomas Holl, Saarbrücken/Lebach
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Gut katholisch sein und ausgiebig feiern bei Rostwurst, Bier und Blasmusik gehören im Saarland untrennbar zusammen. Selbst unter der Woche vergeht kein Tag im „Land der Griller und Schwenker“, an dem nicht irgendwo ein Volksfest stattfindet. Wie das Familienfest „Auf Höchsten“ in Lebach-Dörsdorf im Kreis Saarlouis, wo sich an einem sommerheißen Augustvormittag auf einer Anhöhe nach der heiligen Messe an der Wallfahrtskapelle die Menschen an Wurstbuden und Bierständen drängeln. Eine Kapelle mit Pensionären in Bergmannsuniform bläst dazu die alten Weisen.

Und wie es sich unter gläubigen Saarländern gehört, gehen die Einnahmen des Schlemmerfestes natürlich „an die Mission“. Ein Pflichttermin also für jeden Spitzenkandidaten, der im kleinsten Flächenbundesland als Missionar in eigener Sache unterwegs ist. Die beste Gelegenheit, in der Woche der Dienstwagenaffäre als Politiker mit Bodenhaftung wahrgenommen zu werden, der unverkrampft mit den Leuten schwätzt.

Auch Peter Müller schaut vorbei - Zufall oder Absicht?

Auch Heiko Maas, der SPD-Spitzenkandidat und -Landesvorsitzende, wandert bei 30 Grad im Schatten drei Stunden von Tisch zu Tisch, löffelt hier einen Teller Erbsensuppe, trinkt dort ein Bier. Es ist eine politische Königsdisziplin, für die Maas auf den ersten Blick nur wenig geeignet erscheint. Der 42 Jahre alte, zierliche Sozialdemokrat wirkt unter den barocken, lebensfrohen Festgästen geradezu schüchtern. Eher leise und höflich nähert sich der Jurist mit der immer noch jungenhaften Ausstrahlung den Leuten, doch dann kommt er mit ihnen freundlich ins Gespräch. Meist geht es um Alltagsthemen.

Bisher stand der Name Heiko Maas nicht für den Typus des volkstümlichen Politikers, den sein CDU-Gegenspieler, Ministerpräsident Peter Müller, perfekt verkörpert. Wie es der Zufall oder die genaue Kenntnis der SPD-Wahlkampftermine will, lässt sich auch Müller an diesem Tag hier blicken, versucht die Aufmerksamkeit der Festgäste und der Journalisten sogleich von Maas abzulenken, was ihm aber nur mäßig gelingt. Wie bei vielen Festbesuchen zuvor gibt der Landesvater den Ministerpräsidenten zum Anfassen, „de Müller Pitt“, wie er im Saarländer Platt gerufen wird. Zu seinem Repertoire beim Wählerfischen gehören das dröhnend-joviale Müller-Lachen und die aufmunternde Standardfrage bei jedem Schulterklopfen: „Und, alles klar?“

Gar nichts ist mehr klar im Saarland

Doch knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl am 30. August ist gar nichts klar im Saarland, wo Müller seit zehn Jahren mit der absoluten Mehrheit der CDU-Mandate regiert. Anders als in der vergangenen Wahl 2004 muss der 55 Jahre alte Amtsinhaber diesmal wirklich kämpfen und sogar ernsthaft damit rechnen, dass Maas ihn nach dem Wahlsonntag als erster Ministerpräsident einer rot-rot-grünen Koalition in einem westdeutschen Bundesland ablöst.

Das sah im vergangenen Jahr noch anders aus. Damals, im Sommer und Herbst 2008, schien es so, als ob das ewige SPD-Talent Maas im Duell zwischen seinem einstigen SPD-Ziehvater und jetzigen Linksparteichef Oskar Lafontaine auf der einen und Amtsinhaber Peter Müller auf der anderen Seite zerrieben würde. Die Ankündigung seines früheren Chefs Lafontaine, als Spitzenkandidat seiner politischen Neugründung Linkspartei noch einmal anzutreten, zog sofort die Aufmerksamkeit der Medien auch draußen an sich, im „Reich“ also, wie die 1957 hinzugekommenen Saarländer den Rest der Republik nennen. Seit Lafontaines Comeback-Coup war der Wahlkampf schon ein Jahr vor dem Wahltermin am 30. August in seine heiße Phase getreten und zum Ärger von Maas auch noch mit großer bundespolitischer Bedeutung aufgeladen worden.

Beste Wahlkampfmunition für die Union

Denn Lafontaine verlangte öffentlich und ultimativ nichts weniger von seinem einstigen Staatssekretär Maas, als dass er im Falle eines damals in Umfragen durchaus greifbaren Wahlerfolgs der Linkspartei zu seinem Juniorpartner werde. Eine bessere Wahlkampfmunition vier Wochen vor der Bundestagswahl am 27. September als einen von der SPD mitgetragenen Ministerpräsidenten Lafontaine könnte sich die Union gar nicht wünschen.

Und Amtsinhaber Müller sah in dieser Zuspitzung des Wahlkampfs auf einen Zweikampf zwischen ihm und Lafontaine die Chance, die eigene CDU-Anhängerschaft nach dem Motto „Zukunft gegen Vergangenheit“ optimal zu mobilisieren. Heiko Maas kam in dieser Konstellation nur am Rande vor. Allenfalls als Steigbügelhalter für Lafontaine oder als letzter Notpartner für Müller in einer großen Koalition spielte Maas bei Linkspartei und CDU eine Rolle.

Immer wieder: Lafontaine

Wer Heiko Maas in diesen deprimierenden Monaten in seinem Büro im Saarbrücker Landtag besuchte, erlebte einen schmallippigen, defensiven SPD-Politiker, dem der Frust ins Gesicht geschrieben stand. Wieder schien sich sein politisches Schicksal an jenem Mann zu entscheiden, der 1996 den damals 30 Jahre alten Juristen als jüngsten Staatssekretär Deutschlands in sein Kabinett berufen und seinem Nachfolger Reinhard Klimmt 1998 als Umweltminister empfohlen hatte. Und Lafontaine war es, der durch seinen Abgang als SPD-Vorsitzender seiner Partei auch die saarländische Landtagswahl 1999 verdarb und Maas in die Rolle des Oppositionsführers katapultierte.

Fünf Jahre später, 2004, raubte ihm Lafontaine, damals noch SPD-Mitglied, auf destruktive Weise die letzte Wahlchance, schon im ersten Anlauf Peter Müller zumindest in eine große Koalition zu zwingen. Vier Wochen vor der Landtagswahl hatte Lafontaine als Berater von Maas in einem Interview seinen Intimparteifeind Gerhard Schröder zum Rücktritt als Bundeskanzler aufgefordert und danach als Starredner auf einer Montagsdemonstration in Leipzig die Hartz-IV-Reformen gegeißelt, die auch der Agenda-Kritiker Maas - allerdings in leiserer Tonart - ablehnte.

Austritte und Überläufer: „Die Linke“ profitierte

Die Übereinkunft zwischen beiden, im Wahlkampf auf Attacken gegen die von Lafontaine verachtete Schröder-SPD zu verzichten, hatte der 1999 im Zorn zurückgetretene Parteivorsitzende gebrochen. Für Maas ist dies auch im Nachhinein die größte politische und menschliche Enttäuschung - mehr noch als Lafontaines Rücktritt.

Böse Überraschungen für Maas hatte Lafontaine auch 2008 parat. Fast im Wochentakt präsentierte der zurückgekehrte „Napoleon von der Saar“ auf Pressekonferenzen zusammen mit seinem Statthalter, dem früheren ÖTV-Landeschef Rolf Linsler, ehemalige SPD-Mitglieder und Gewerkschafter als Überläufer in die Linkspartei. Als dann auch noch der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende und DGB-Chef Eugen Roth auf dem Parteitag der Linkspartei in Neunkirchen ein herzliches Grußwort an Lafontaine richtete, schien die Selbstaufgabe der saarländischen SPD nur noch eine Frage der Zeit.

Vor der Wahl: SPD holt auf

Doch seit Anfang des Jahres hat sich das Blatt für Maas gewendet. Auf Wahlkampfveranstaltungen der SPD, aber auch im direkten Gespräch mit Genossen lässt sich ein wundersames Phänomen besichtigen. Dank Maas hat sich die saarländische SPD in der Stimmung, aber auch in Umfragen und selbst in Wahlen von den miserablen Werten der Bundespartei um Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier abkoppeln können. Die Partei sieht der Wahl deshalb inzwischen mit der verhaltenen Zuversicht entgegen, zumindest die Regierungsbildung mitbestimmen zu können. Denn in allen bisherigen Umfragen der vergangenen zwölf Monate hat Müllers CDU selbst zusammen mit dem Wunschpartner FDP keine Mehrheit der Mandate mehr.

Von ihrem Wahlergebnis 47,5 Prozent sind die christlichen Demokraten mit derzeit 36 Prozent in der jüngsten Umfrage meilenweit entfernt, während die SPD der Konkurrenz von der Linkspartei mit 27 zu 18 Prozent davongeeilt ist. In den Kommunalwahlen am 7. Juni konnte die SPD den Abstand zur CDU trotz eigener Stimmenverluste gegenüber 2004 weiter auf nur noch 4,4 Prozent verkürzen.

Der neue „Iron Man“ der Sozialdemokraten

Beigetragen zur guten Stimmung unter den Genossen hat auch der von Maas in einer frischen Werbekampagne vorgetragene Imagewechsel vom braven Schwiegersohn-Typ zum Macher mit Coolness-Faktor. Im Internet und auf Plakaten lächelt den Saarländern unter dem Slogan „Der neue Mann“ ein Heiko Maas entgegen, der mit lässigem Dreitagebart und offenem weißen Hemd auch für ein sportlich duftendes Rasierwasser werben könnte. Unterfüttert hat Maas dieses neue Bild durch seine sportlichen Erfolge als Iron Man der SPD. Fotos und Meldungen von seinem in guter Zeit absolvierten ersten Triathlon in Hamburg fanden schnell ihren Weg in die Medien.

„Der Sport tut mir gut. Dabei kann ich auch meine Aggressionen besser abbauen“, erzählt Maas im SPD-Stammlokal „Tomate 2“ gegenüber dem Saarbrücker Schloss. Sichtlich selbstbewusst und vermutlich auch bemüht, das Bild eines authentischen Politikers zu zeichnen, plaudert er offen über seine Unsicherheiten und den erstaunlichen Wandel im Auftritt: „Es gab Zeiten, da habe ich wirklich gedacht, ich müsste auch so werden wie Müller und Lafontaine. Das wurde mir auch so eingeredet. Aber irgendwann habe ich festgestellt: Ich kann das nicht. Ich bin aber jetzt nicht anders geworden, sondern werde nur anders wahrgenommen.“

Kluge Personalpolitik

Auch die Übertritte zur Linkspartei hat der pragmatische Linke Maas stoppen können. Dabei haben ihm seine Personalentscheidungen genutzt. Als Flankenschutz zur Linken holte er den Bundestagsabgeordneten Ottmar Schreiner als den schärfsten Kritiker der Schröder-Reformen mit ins Boot. Der Parteilinke, der trotz vieler Bauchschmerzen der SPD die Treue hält, soll im Fall eines Wahlsiegs Minister für Arbeit und Soziales werden. Im Wahlkampf präsentiert er die SPD als wahre Hüterin der sozialen Gerechtigkeit in der Wirtschaftskrise, die das Land mit seinen vielen Betrieben der Auto- und Maschinenbauindustrie besonders getroffen hat.

Klug war auch Maas' Schachzug, den DGB-Landesvorsitzenden Roth zum Stellvertreter in der Partei zu machen. Seitdem hat die Abwanderung prominenter Gewerkschafter ein Ende gefunden. Hilfreich war schließlich, dass der letzte SPD-Ministerpräsident und Lafontaine-Freund Klimmt einen Aufruf aller früheren SPD-Landesminister und -Staatssekretäre organisierte, die sich zu Maas und ihrer Partei bekannten.

Stolperstein: die Koalitionsfrage

Der größte Stolperstein für Maas ist jedoch nach wie vor die Koalitionsentscheidung, die er auf die Woche nach der Wahl vertagt hat. Aufmerksam und mit zunehmendem Entsetzen hat Maas 2008 vom Saarland aus den Kamikazekurs seiner hessischen Parteifreundin Andrea Ypsilanti verfolgt, die vor der Landtagswahl kategorisch ein Bündnis mit der Linkspartei ausgeschlossen hatte, um dann ihr Wort zu brechen.

In enger Absprache mit dem SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering und Kanzlerkandidat Steinmeier lässt Maas es deshalb explizit offen, mit wem er und seine Partei nach der Wahl Koalitionsverhandlungen aufnehmen werden. Auf keinen Fall dürfe es vor der Bundestagswahl Tricksereien geben, die Steinmeier weiter schaden würden.

Auf dem Weg zum politischen Schwergewicht?

Mit der Linkspartei und den Grünen gibt es zwar die größten inhaltlichen Übereinstimmungen bei den Hauptthemen Bildung, Arbeit, Soziales und Umwelt, doch Maas und seine Berater haben wenig Vertrauen in die personelle Qualität und Regierungsfähigkeit der Lafontaine-Partei. Zudem steht Maas vor einem ähnlichen Dilemma wie die hessische SPD. Zwar wird die Linkspartei im Saarland nicht von Postkommunisten dominiert, doch auch hier könnte ein Regierungsbündnis die SPD zerreißen. Aber auch eine Koalition mit Müllers CDU wäre eine Belastungsprobe für die SPD, zumal Maas als kleinerer Partner auf keinen Fall Ministerpräsident würde.

Angesichts der Müntefering-Parole, wonach es besser sei, einen Ministerpräsidenten zu stellen als keinen, schlägt das Pendel indes deutlich in Richtung einer rot-rot-grünen Koalition aus. Immerhin würde sich Maas in diesem Fall mit der Wahl zum Ministerpräsidenten Zeit lassen bis nach der Bundestagswahl, bei der die SPD herbe Verluste fürchten muss. Dass er dann zu den wenigen politischen Schwergewichten in der Bundes-SPD gehören würde, ist Maas bewusst: „Natürlich hat man als Ministerpräsident weitaus mehr Einfluss.“

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Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

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