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Oskar Lafontaine Rückkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt

27.08.2009 ·  Oskar Lafontaine ist wieder da, wo er einmal angefangen hat. Doch „dahemm“ ist er an der Saar nicht mehr. Die Linkspartei im Saarland verliert an Zustimmung. Das liegt auch an den Veränderungen in der SPD, die er zu verantworten hat.

Von Thomas Holl, Saarbrücken
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Freundlich, aber bestimmt gibt der nette, ältere Herr mit silberweißem Haar der hübschen, jungen Blondine Anweisungen. „Sandy, komm mal her mit der Kamera und mach ein Foto von uns, damit diese historische Begegnung festgehalten wird.“ Schon zum fünften Mal an diesem Vormittag spuckt die von Sandy bediente Polaroidkamera nach wenigen Sekunden ihr Werk aus. Dann zückt der Herr einen von Assistentin Sandy gereichten Filzstift und signiert das Foto zu einem ganz individuellen Autogramm, das er einer strahlend lächelnden Dame überreicht.

Es ist kein alternder Schlagersänger, der so seine ebenfalls in die Jahre gekommenen Fans mit persönlichen Andenken entzückt, sondern ein Berliner Spitzenpolitiker auf Heimatvisite. Wie ein stolzer Hausherr präsentiert ein glänzend aufgelegter Oskar Lafontaine einem Tross meist aus der Hauptstadt angereister Journalisten den Sankt Johanner Markt in Saarbrücken als eine Art linkes Wohnzimmer. Einen Platz, den er einst in den späten siebziger Jahren als sozialdemokratisches Stadtoberhaupt für die Saarbrücker zum kulinarischen und geselligen Treffpunkt mit französischer Lebensart ausgestaltet hat.

Sehnsucht nach besseren Zeiten

Auch die Menschen in den Cafés und an den Marktständen rund um den Barockbrunnen, die der Spitzenkandidat der Linkspartei im offenen, blauen Kurzarmhemd mit einem wissenden Lächeln ansteuert und anspricht, reagieren freundlich auf die Kontaktaufnahme des prominenten Wahlkämpfers. „Ich wähle ihn und hoffe, dass viele das machen. Im Saarland bleibt einem ja nichts anderes übrig, wenn der Müller und seine CDU Grundschulen schließen“, sagt der von Lafontaine so herzlich begrüßte Mann und spricht dabei auch für die anderen Gäste am Bistro-Tisch, die zur Bestätigung heftig nicken.

In diesen zwei Stunden in der Saarbrücker Innenstadt wird Lafontaine zielsicher noch rund 40 seiner überwiegend älteren Bewunderer und Anhänger den Journalisten als lebenden Beweis dafür präsentieren, dass sich die Menschen nach ihm und den vermeintlich besseren Zeiten von 1976 bis 1998 zurücksehnen, als er als Oberbürgermeister und Ministerpräsident in Stadt und Land regierte. Aus Lafontaines Sicht sind dies die goldenen Jahre der saarländischen SPD gewesen, bevor sich die Sozialdemokratie dem neoliberalen Agenda-Reformkurs aus Lohndrückerei, Hartz-IV-Verarmung und Kriegstreiberei seines Intimfeindes Gerhard Schröder ausgeliefert und damit ihr Schicksal als linke Volkspartei besiegelt habe, wie er in den vergangenen Tagen in Interviews erzählte.

Comeback als ausgemachte Sache

Als junger Oberbürgermeister und aufsteigender Stern auch der Bundespartei eroberte der im Saarland bis heute nur „de Oskar“ gerufene Sozialdemokrat vom linken Parteiflügel aus bei der Landtagswahl 1985 nach jahrzehntelanger CDU-Vorherrschaft die Staatskanzlei am Saarbrücker Ludwigsplatz. Nimmt man die fast hundertprozentige Zustimmung der von Lafontaine angesprochenen Wähler für bare Münze, könnte man glauben, sein Comeback mit 65 Jahren als Ministerpräsident bei der Landtagswahl am 30. August sei ausgemachte Sache.

Sicher ist indes nur eines und daran lässt Lafontaine bei seinem Rundgang über den Marktplatz keinen Zweifel: „Ohne die Linke wäre die Wahl gelaufen. Und ohne die Linke hat der SPD-Spitzenkandidat Maas keine Chance, Ministerpräsident zu werden.“ Tatsächlich hat erst das Auftauchen der von Lafontaine aus WASG und PDS geschmiedeten Linkspartei bei der Bundestagswahl 2005 und ihr dank „Oskars“ Beliebtheit überaus gutes Ergebnis an der Saar von 18 Prozent die Ausgangslage der Entscheidung am 30. August dramatisch verändert. Zunächst sah es nach Lafontaines Paukenschlag im Frühjahr 2008, noch einmal an der Saar regieren zu wollen, lange Zeit so aus, als ob es hier den ersten von der SPD mit gewählten Regierungschef der Linkspartei geben könnte. Stetig steigende Umfragewerte ließen die neue Partei im Sommer 2008 sogar mit 23 Prozent um einen Punkt die SPD überholen.

Der „Zögling“ raffte allen Stolz der alten SPD zusammen

Die von einigen Medien beflügelte Phantasie, der einst als „Napoleon von der Saar“ gefeierte Politiker könnte im Triumphzug aus dem komfortablen Berliner Exil zurückkehren, erwies sich jedoch als Wunschdenken. Denn der von Lafontaine 1996 zum Staatssekretär in sein Landeskabinett berufene SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas schloss in scharfer Form und mit sehr persönlicher Note kategorisch aus, sich und seine Partei weiter zu demütigen. Unter keinen Umständen werde er dem früheren Chef und Parteivorsitzenden als Steigbügelhalter dienen. Zu schlecht seien die Erfahrungen mit dem unberechenbaren Lafontaine, der im März 1999 zum Entsetzen und Unverständnis vieler Freunde in der SPD aus Zorn über Gerhard Schröder seiner Partei das Amt des Vorsitzenden vor die Füße geworfen hatte. Diese Absage von Maas rügt Lafontaine seitdem wie ein von seinem Zögling enttäuschter Ziehvater als „kindisch“.

Fast alle seine früheren Weggefährten aus der SPD, aber auch die politischen Konkurrenten, glauben ohnehin, dass Lafontaines Bewerbung als Regierungschef des kleinsten Flächenbundeslandes ähnlich ernst gemeint ist wie 2002 Guido Westerwelles Nominierung zum Kanzlerkandidaten der FDP. Immerhin verführte diese großspurige Taktik den von Lafontaine herzlich verachteten Ministerpräsidenten und einstigen CDU-Oppositionsführer Peter Müller dazu, seinen einstigen Hauptgegner zu überschätzen und als Wahlkampfstrategie ein „Duell“ nach dem Motto „Zukunft gegen Vergangenheit“ zu inszenieren, in dem die Union Maas allenfalls die Rolle des blässlichen Sekundanten zuwies. Im Juni musste Müller schließlich öffentlich eingestehen, dass diese Strategie angesichts der demoskopischen Schwäche der Linkspartei „überarbeitet“ werden müsse.

Die Linke im anhaltenden Sinkflug

Eine Sprachregelung, die besagte, dass Müller den als „neuen Mann“ im ganzen Land plakatierten Maas unterschätzt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die SPD in Umfragen mit 27 Prozent schon einen Vorsprung von neun Prozent vor der Lafontaine-Truppe, die sich Maas seither als Juniorpartner einer rot-roten Koalition andient. Inzwischen steht die Linkspartei wenige Tage vor der Wahl in aktuellen Umfragen nur noch zwischen 15 bis 16 Prozent – weit entfernt von jenen „20 Prozent plus X“, die Lafontaine öffentlich als Messlatte ausgegeben hat.

Der anhaltende Sinkflug der saarländischen Linkspartei dürfte neben dem allgemeinen Bundestrend, der die radikale Kapitalismuskritik Lafontaines trotz Wirtschaftskrise eben nicht honoriert, auch etwas mit den parteiinternen Schlammschlachten und juristischen Auseinandersetzungen unter Parteimitgliedern zu tun haben. In dem rasch auch durch Übertritte von meist älteren, von der Agenda-Politik enttäuschten SPD-Genossen auf rund 3000 Mitglieder gewachsenen Landesverband vergeht seit Monaten fast kein Tag ohne Meldungen in den lokalen Medien über Strafanzeigen und wechselseitige Beschuldigungen bei der Nominierung von Kandidaten oder der Verteilung von Posten.

Bizarre Streitigkeiten, abstruse Beschuldigungen

Jüngster Höhepunkt der roten Kabalen ist die Strafanzeige einer Genossin wegen „Unregelmäßigkeiten“ bei der Festlegung der Wahlkreisliste in Neunkirchen, die eine geheime und freie Wahl der Kandidaten unmöglich gemacht hätten. Ihren Anwalt, einen saarländischen Verfassungsrichter, beauftragte das Linkspartei-Parteimitglied, die Landtagswahl anzufechten.

Bizarr mutet auch der bundesweit für Aufsehen sorgende Fall von Lafontaines Zwillingsbruder Hans an, der den saarländischen Bundestagsabgeordneten der Linkspartei und früheren PDS-Landesvorsitzenden Hans-Kurt Hill sowie zwei weitere Genossen seit Monaten bezichtigt, ihn als V-Leute des Verfassungsschutzes bespitzelt zu haben. Während der fünf Minuten ältere Oskar Lafontaine zu den Verdächtigungen des Zwillingsbruders gegenüber seinem Fraktionskollegen im Bundestag schweigt, haben die nicht bewiesenen Vorwürfe für Hill schon gravierende Folgen. Bei der Aufstellung der Landesliste wurde dem Abgeordneten ein aussichtsreicher Listenplatz verweigert, seine Chancen auf einen Wiedereinzug in den Bundestag sind gleich Null.

In Sekunden vom Bonvivant zum Dobermann

Wer Lafontaine in diesen Tagen abseits von Marktplatzplaudereien und Volksfest-Besuchen im direkten Gespräch erlebt, darf auch einen unverstellten Blick auf die andere, aggressive Seite des früheren SPD-Bundesvorsitzenden werfen. Hinter der Maske des jovialen Bonvivant lauert ein Lafontaine, der von einer Sekunde zur anderen sein Gegenüber wie ein politischer Dobermann anfällt, wenn unliebsame Fragen etwa nach seiner Einschätzung der These von der DDR als Unrechtsstaat gestellt werden. Grantig wird der frühere Kolumnist der „Bild“-Zeitung neben der Erwähnung seiner einstigen Teilzeitbeschäftigung für den Axel Springer Verlag auch bei Hinweisen auf seine Dauerpräsenz als politischer Talkshow-Gast, die so gar nicht zu seiner Verschwörungstheorie einer ihm feindlich gesinnten Medienmeute passt.

Auch Fragen nach seinem von vielen in der SPD immer noch als Fahnenflucht empfundenen Rücktritt als Parteivorsitzender im März 1999 „nerven“ Lafontaine, wie er nachfragende Journalisten wissen lässt. Lieber weist er süffisant darauf hin, dass er den hauchdünnen Wahlsieg Peter Müllers Anfang September 1999 hätte verhindern können, wenn die saarländische SPD ihn bloß um Wahlkampfhilfe gebeten hätten. Soll heißen, nicht Oskar Lafontaine, sondern die Saar-SPD ist selbst daran schuld, dass sie seit zehn Jahren auf der Oppositionsbank sitzt.

Selbstbild als verkannter Anführer und Polit-Stratege

Es ist dieselbe Selbsteinschätzung als verkannter politischer Stratege und Anführer, die ihn jetzt mit großem Vergnügen die Rolle des Königsmachers im Saarland spielen lässt, der zwar nicht einem möglichen Kabinett Maas angehört, aber dennoch dessen wichtigster Ansprechpartner wäre. Eine Rolle, die den Bundesvorsitzenden der Linkspartei im Falle eines erfolgreichen rot-roten Regierungsprobelaufs im Saarland und in Thüringen für die SPD auch zum ernst zu nehmenden Bündnispartner im Bund bei der übernächsten Bundestagswahl 2013 machen würde.

In dieser Strategie des „Alles oder Nichts“ haben auch die Grünen im Saarland keinen Platz, die Lafontaine am liebsten aus dem Landtag „kegeln“ will. Zum einen wäre die von der SPD durchaus gewünschte Aufnahme der Grünen als kleinster Koalitionspartner für Lafontaine ein lästiges Korrektiv, das seinen Einfluss als von Berlin aus agierender Regierungsstrippenzieher an der Saar schmälern würde. Zum anderen traut der Spieler in Lafontaine dem Grünen-Vorsitzenden Hubert Ulrich öffentlich und intern alles aus Sicht der Linkspartei politisch Schlechte zu, also eine Jamaika-Koalition mit CDU und FDP.

Frauen jenseits der Foto-Assistentin

Klappt es allerdings nicht mit dem Machtwechsel an der Saar, weil die Linkspartei beim Wähler durch- und somit als Mehrheitsbeschaffer ausfällt, könnte es auch eng für Lafontaines Plan werden, sich nach der Bundestagswahl zum alleinigen Vorsitzenden der Linkspartei wählen zu lassen. Schon jetzt regt sich nicht nur unter ostdeutschen Realpolitikern Unmut über eine zu große Machtfülle Lafontaines, sondern auch in westdeutschen Landesverbänden.

So wird in der Führung der hessischen Linkspartei darauf verwiesen, dass man mit der Doppelspitze doch gute Erfahrungen gemacht habe. Und außerdem verfüge die Linkspartei über viele talentierte junge Politikerinnen, die als Co-Vorsitzende in Frage kämen. Frauen, die Oskar wohl nicht als Foto-Assistentinnen zur Seite stünden.

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Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

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